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Full text of "Schriftsteller und Buchhändler in Rom"

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universitV 




ffeBRARV 



FROM THE MINTON WARREN LIBRARY 



^/i'?'- 737/ 



Scliriftsteller nnd BncbMndler 



im alten Rom. 



Von 



Dr. Louis Haenny, 

Gymnasiallehrer in Rolle. 



Zweite Auflage. 



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Leipzig 

Verlag von Gustav Fock 
1885. 



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Meinem Lehrer 



Herrn Professor Dr. ARNOLD HÜG 



in aufrichtiger Liebe und Hochachtung 



gewidmet. 



Vorwort. 



Vorliegende Ai-beit ist im Juli 1884 der philosophischen 
Facultät der Universität Zürich als Inauguraldissertation 
behufs Erlangung der Doctorwürde vorgelegt worden. Der 
rasche Absatz der in den Buchhandel gekommenen Exemplare, 
sowie der Umstand, dass weitere Bestellungen unerledigt 
bleiben mussten, haben diese zweite Auflage nöthig gemacht. 
Weil die Sache Eile hatte, sind keine eigentlichen Ver- 
änderungen vorgenommen worden, wohl aber wurde das 
ganze Büchlein einer genauen Durchsicht unterzogen. 



Rolle, Vaud. im Juli 1885. 



L. H. 



I. Der Schriftsteller'). 

„Als ich im Tusculanum war", erzählt uns einmal ^) Ci* 
cero, „und aus der Bibliothek des jungen Lucullus einige 
Bücher benützen wollte, begab ich mich auf dessen Land- 
gut, um dieselben, wie ich gewohnt war, selbst hervorzu- 
nehmen. Als ich dahin gekommen war, sah ich den M. Gato, 
den ich nicht anzutreffen glaubte, in der Bibliothek sitzen. 
Er war mitten unter einem Haufen stoischer Schriften. Es 
lag nämlich in ihm ein »Bedürfniss nach Lektüre, welches 
kaum zu befriedigen war. Ja, er pflegt, selbst in der Curie, 
öfter zu lesen, ohne desshalb seine amtlichen Pflichten zu 
vernachlässigen. Damals nun, in höchster Müsse und bei 
diesem üeberfluss schien er gleichsam in den Büchern zu 
schwelgen (helluari). Plötzlich wurde er mich gewahr, 
sprang auf und frag mich: „was thust du hier? Warum 
suchst du hier Bücher, während du selbst doch so viele 
hast?" Ich antwortete: ,Jch bin gekommen, um einige 
aristoteHsche Schriften zu holen, die ich hier wusste. Ich 
will sie lesen, wenn ich Zeit und Müsse habe, was freilich 
nicht oft vorkommt." 

Diese Erzählung führt uns zwei Römer vor, beide 
Staatsmänner und Freunde der Litteratur, beide Schrift- 
steller. Sie helfen das Staatsschiff lenken: das ist ihr Be- 
ruf Ihre Müsse widmen sie den Musen. 

Cicero, wenn er sich zeitweise vom öffentlichen Leben 
zurückzog, bestrebte sich, seinen Mitbürgern auf andrem 

1) Litteratur. Im Allgemeinen sind zu vergleichen; Schött- 
gen, de librariis et bibliopolis Leipzig 1710 (in Poleni suppl. Thes. 
antiquit. Rom. Gr. T. III). Morelli, dello scrivere degli antichi Ro- 
mani Milano 1822. Geraud, essai sur les livres dans Tantiquite et 
particulierement chez les Romains. Paris 1840. Egg er, lustoire du 
livre depuis ses origines jusqu'ä nos jours. Friedländer, Darstel- 
lungen aus der Sittengeschichte (III. Bd.). A. Schmidt, Geschichte 
der Denk- und Glaubensfreiheit (in den betr. Abschnitten). Th. Birt. 
das antike Buchwesen. Berlin 1882. Specialnachweise p. 22 und 45 f. 

2) de fin. m, 7 sqq. 



8 

Wege nützlich zu sein. Er greift zur Feder ^). Schon dieses Be- 
kenntniss lehrt uns eine wichtige Thatsache: Schriftstellerei 
ist kein Beruf. Sie dient nur zur Ausfüllung der Mussezeit. 

Seine Kräfte dem Staate widmen, ihm als Bürger dienen^ 
das ist der Beruf des Kömers. Die Erfallung dieser Pflicht 
war der Inhalt seines Lebens. 

Mit der Einrichtung der Monarchie hat Rom sich in 
seinem Innersten umgewandelt. Auf dem Boden der Lit- 
teratur insbesondere ging eine vollständige Umwälzung vor 
sich. Wo früher keine eigentlichen berufsmässigen Schrift- 
steller gewesen waren, sondern nur Republikaner, welche 
ihre Mussestunden litterarischen Beschäftigungen widmeten, 
da finden wir schon unter den ersten Kaisern ein Heer von 
Skribenten und Poeten, welche den Büchermarkt über- 
schwemmen und das Publikum In Verzweiflung setzen 2). 
Der echte Römer verachtete jene berufsmässigen Schrift- 
steller. Er huldigte zu allen Zeiten der Anschauung, dass 
Schriftstellerei ein otium sei. 

Wie der Autor dazu kommt, zu Schriftstellern, ist eine 
Frage, die wir hier nicht zu beantworten brauchen. Die Ant- 
wort würde auch in den meisten Fällen kein wesentUches Licht 
auf unseren Gegenstand werfen. Bemerkenswerth sind immer- 
hin z. B. die volkserzieherischen Bestrebungen eines Cicero. 
Er schreibt über Religion, Moral, Philosophie, Rhetorik, weil 
er seinen Mitbürgern Nutzen bringen will. „Was kann man 
dem Staate für einen besseren Dienst erweisen, was vermögen 
wir besseres zu thun, als die Jugend zu unterrichten und 
zu erziehen"^). Diese Erwägung bewegt ihn, die Rede de 
domo sua zu ediren. „Ich kann sie der Jugend nicht vor- 
enthalten", schreibt er an seinen Freund Atticus^). 

Anders denkt man bereits unter Augustus. Dem Dich- 
ter ist der Gedanke, dass seine Gedichte zur Bildung der 
Jugend dienen, mit dem Schüler in die Schule wandern 
sollen, ein Greuel. Weissagt doch Horaz seinem in die 
Oeffentlichkeit tretenden ersten Buche von Episteln: 



1) ut si occupati profuimus aliquid civibus nostris, prosimus 
etiam, si possumus otiosi. Tusc, I, 5. 

2) cf. Plin. ep. I, 13. 3) de divin. U, 4. 

4) ad Att. IV, 2, 2: Itaque oratio juventuti nostrae deberi non 
potest; cf. ib. II, 1, 3. 



hoc quoque te manet ut pueros elementa doceniem 
Occupet extremis in vicis balba senectus ^). 

Vor dieser Popularität fürchtet er sich. 

An tua demens 
Vilibus in ludis dictari carmina malis? 
Non ego^). 

Martial aspirirt offenbar auch nicht auf die Ehre, Schulautor 
zu werden. Er gesteht es selber ein 3). Er dichtet, um das 
Publikum zu amüsiren; aus dem gleichen Grunde, sagt er, 
versuche er sich nicht in ernsten Gattungen: 

Seria cum possim quod delectantia malo 
Scribere tu causa es, lector amice, mihi^). 

Der Autor schreibt auch auf Wunsch oder auf Bestellung 
des Verlegers^). Bisweilen freilich weigert er sich, der 
Aufforderung Folge zu leisten^). 

Sagen uns die Autoren kaum, warum sie Schriftstellern, 
so hören wir fast nie von ihnen, wie sie arbeiten. Wir 
gehen nun dazu über, die einzelnen Momente und Stadien 
der Schriffcstellerei darzulegen. 

Horaz erzählt uns^), Lucilius habe oft in einer Stunde 
200 Verse diktirt — „stans pede in uno", fügt er hinzu. 
Diese Leistung will uns als ein tour de force erscheinen. 
Aber auch cum grano salis verstanden, enthält diese Nach- 
richt ein Zeugniss der Leichtigkeit, mit welcher Lucil 
arbeitete. Er konnte die Verse nur aus dem Aermel schütteln. 
Von einer Correktur oder nur Revision des Niederge- 
schriebenen keine Rede. Er war eben geschwätzig und zu 
faul, um regelrecht zu schreiben: 

Garrulus atque piger scribendi ferre laborem, 

Recte scribendi^). 
Horaz mag hier in Sachen des Lucil etwas persönlich werden. 
Das ist sicher, dass der nicht minder begabte Ovid diese 



ep. I, 20, 17 sq., cf. II, 1, 71. 

2) sat. I, 10, 74 sq. 

3) epigr. I, 35; IE, 69 etc. 

4) V, 16. 

5) Cic. ad Att. II, 4, 3; IV, 6, 3. 

6) ib. XIV, 14, 5. 

7) sat. I, 4j 9 sqq. 

8) ib. V. 12. 



10 

Nachlässigkeit nicht kannte, dass Martial seine Gedichte 
mit seinen Freunden durchzunehmen pflegte. 

Wer recte scribere wilP), macht zuerst einen Entwurf. 
Er schreibt ihn auf Wachstafeln mit dem Stilus, ebenso 
dienten Papyrus und Palimpseste *^) zu Entwürfen. Auf 
solchem Material sind Gorrekturen leicht anzubringen: 

Saepe stilum vertas, iterum quae digna legi sint 

Scripturus (Hör. sat. I, 10, 72). 

Tabulae finden wir ebenso ib. I, 4, 15 erwähnt. Von Papyrus 
dagegen redet der Dichter: ep. II, 1, 112. 

Et prius orto 
Sole vigil calamum et Chartas et scrinia posco^). 

Von den Wachstafeln oder schedae^) wird das Werk auf 
Pergament oder auf eine Rolle abgeschrieben^): 



1) Im allgemeinen darüber zu vgl. Quint. J. O. X, 3: quomodo 
scribendum. 4: quomodo emendandum. 

2) cf. Schütz zu Hör. sat, II, 3, 2. Für diesen Gebrauch von 
Palimpsesten spricht besonders Cat. 22. — Gleichwohl behaupten wir, 
dass es sich Hör. sat. II, 3, 2 um eine Eeinschnfb handelt; das erste 
Brouillon machte man sicher selten auf neuem Pergament. Auch 
wäre es doch eine starke Zumuthung, wenn der Dichter, so oft er 
etwas schreiben wollte, das Material hätte verlangen müssen. Diese 
Bedenken fallen weg, wenn membrana eine Copie bezeichnet. Zur 
Abschrift braucht der Dichter frisches Pergament; das verlangt er 
von seinem librarius oder von einem tabernarius. — Auch ist die 
von Schütz angerufene Gleichzeitigkeit zwischen poscas et retexens 
zweifelhafter Art. Nach seiner Erklärung: „du nimmst Pergament 
und dann streichst du immerwieder . . .** könnte man statt des part. 
praes. retexens ein part. futur. verlangen mit dem gleichen Rechte, 
als er die Praeteritumbedeutung desselben part. leugnet. Wir be- 
halten, auch gegen Birt. ant. Buchw., p. 59, die „gewöhnliche** Er- 
klärung des Wortes membrana: „du schreibst so selten, dass du im 
ganzen Jahre nicht viermal Pergament verlangst, indem du (auf 
deinem Entwurf) jedes Wort wieder ausstreichest.** Ebenso sind nach 
unserer Ansicht die membranae Hör. ep. II, 3, 389 als eine erste 
Keinschrift zu betrachten. 

3) cf Suet. de poet. RflFsch. p. 63. 

<) Bemerkenswerth ist die Notiz Suet. de rhet. 135, 14 Rffsch.: 
scheda est, quod adhuc emendatur et necdum in libros redactum est: 
Dies ist natürlich nicht so zu verstehen, als ob das Geschriebene nur 
80 lang corrigirt worden w^re, als es noch nicht auf Rollen einge- 
tragen war. 

5) Hör. sat. II, 3, 1. cf. Cic. ad Att. XIII, 24, welche Stelle Birt 



11 

Sic raro scribis ut toto non qiiater anno 
Membranam poscas, scriptomm quaeque retexens. 
Aus einzelnen Stücken setzt sich das Ganze zusammen. 
Diese erste Abschrift bildet das Handexemplar des Autors. 
Jetzt erst beginnt eigentlich die kritische Behandlung des 
Werkes. Der Verfasser selbst feilt und heilt oft mit rühren- 
der Sorglichkeit. 

Nonum prematur in annum 
Membranis intus positis: delere licebit 
Quod non edideris, nescit vox missa reverti. 
Dies hatte Horaz ^) dem Dichter zugerufen. 

Charakteristisch ist die Sorgfalt, die ein Cicero auf 
diesen Theil seiner Arbeit verwendet. Während Martial 
sich beeilte, Buch auf Buch zu publiciren 2), ist Cicero oft 
ganze Monate damit beschäffcigt, an einer Schrift zu poliren. 
Er schickt nie ein Buch an Atticus, ohne dasselbe vorher 
sorgfaltig gefeilt zu haben ^). Hand in Hand mit dieser 
Selbstprüfung des Verfassers geht die Kritik der Freunde, 
welchen er sein Werk vorlegt. Besonders anschaulich tritt 
uns dieser Punkt in dem Briefwechsel zwischen Cicero und 
Atticus entgegen. 

Atticus ist Cicero's Verleger geworden. Man hat daher 
geglaubt, von einem berathenden Verhältniss des Cicero 
zu seinem Verleger, allgemein zwischen Autor und Editor, 
sprechen zu dürfen. Allein Atticus war in erster Linie der 
Freund. Mit dem Freunde berieth sich der Autor. Aus ihrer 
Correspondenz lassen sich für diese Frage keine Schlüsse 
von unmittelbarer Gültigkeit ziehen; vielmehr hat eine ent- 
sprechende Benutzung anderer litterarischer Quellen die 
nöthigen Anhaltspunkte zu liefern, um die Sonderung des 
speciell- und allgemeingültigen zu vollziehen. 



p. 349 hierher zieht. Wir glauben unter jenen Önp^egai sind die 
Membranumhüllungen der 4 Bücher de academicis zu verstehen, 
welche Atticus an Varro übergeben sollte. Brief 44, 2 dess. B. 

1) ep. II, 3, 388 sqq. 

2) cf. Mart. epigr. 1, 3. 

3) ad Att. XVI, 11, 3: Librum quem rogas perpoliam et mittam. 
XIV, 17, 6: Librum meum iUum ävixöotoy nondum ut volui perpo- 
livi. IV, 13, 2: diu multumque in manibus fuerunt (libri), describas 
licet. II, 1, 1: quem (sc. commentarium) tibi ego non essem ausus 
mittere, nisi eum lente ac fastidiose probavissem. 



12 

Wir betrachten das Verhäitniss zwischen Cicero und 
Atticus näher. Scheinbar gehört diese Betrachtung in einen 
späteren Abschnitt. Doch das Resultat, zu dem wir gelangen, 
bewegt uns, dieselbe hier gleich einzureihen. 

Dank den zahlreichen Daten, welche uns die Correspon- 
denz an die Hand giebt, können wir etwas früher ausholen. 

Der Autor theilt seinem Freunde und Verleger mit, 
woran er arbeitet ^). Einmal möchte er nach Art des Aristoteles 
und Theopomp einen oif.ißovXevTr/.6g an Caesar verfassen. 
Es fallt ihm aber nichts ein. Er schreibt darum an seinen 
Freund 2): ecquid tu ejusmodi reperis? Mihi quidem nihil 
in mentem venit. 

Oefters sehen wir ihn sich bei Atticus Raths erholen, 
sei es über formelles, sei es über sachliches, so z. B. über 
historische Details für das Schriftchen de luctu^). Ist die 
betreffende Schrift entworfen, so schickt sie Cicero an seinen 
Freund. Was er von ihm verlangt, ist zunächst keineswegs 
die Edition; sondern, dass er sein Werk lese und prüfe. 
Atticus scheint sich dieses Vorrecht mit wachsamen Augen 
gewahrt zu haben. Er mag es einst für nöthig gehalten 
haben, Cicero daran zu erinnern. „Ain tu?" erwidert ihm 
dieser verwundert "*): „me existimas ab uUo malle mea legi 
probarique quam a te?" 

Wenn er an Atticus schrieb, er sei der Aristarch seiner 
Reden ^), so war dies nicht ein blosses Compliment. Viel- 
mehr hatte Cicero eine gewisse Achtung vor der Kritik 
seines Freundes. Seine kritischen Zeichen brachte dieser 
mit rothem Stift an. Cicero gesteht zu verschiedenen Malen, 
dass er sich vor diesen rothen Strichen furchte^). 

Atticus tadelt, z. B., formelle Fehler, Missbrauch von 



ad Att. I, 19, 10. XV, 13, 6 etc. 

2) ib. Xn, 40, 2. 

3) ib. XIL 20. 2; denselben Bezug hat wohl Brief 24, 2, cf. 22, 2 
ferner XIII, 30, 3. 

*) IV, 5, 1. 

5) I, 14, 3. 

*) cerulas enim tuas miniatulas illas extimescebam XVI, 11, 1; 
cf. XV, 14, 4. — Bei Horaz ep. II, 3, 446 spielt ein schwarzer Quer- 
strich die nämliche Rolle. 



13 

Wörtern, er macht Verhesserungsvorschiäge ^) , er weist 
historische Irrthümer nach 2). 

Ausserdem pflegt er die Stellen, welche ihm am besten 
gefallen, zu bezeichnen. Es sind dies bei Cicero die so- 
genannten eclogarii (loci) ^). Diese Stellen wurden gesammelt 
und einer gewählten Gesellschaft vorgelesen^). 

Diese Vorlesung konnte, unter Umständen, speciell bei 
Atticus, als Ankündigung und vorläufige Empfehlung eines 
bald erscheinenden Werkes gelten. 

Ovid hatte ebenfalls einen Kreis von gebildeten Freun- 
den und Gönnern, welchen er seine Gedichte zur Kritik 
vorlegte, so einen gewissen Atticus., Man lese z. B. ex 
Ponto II, 4, 13 sqq. 

Saepe tuas venit factum modo Carmen ad auris 
Et nova judicio subdita Musa tuo est. 
15 Quod tu laudaras, populo placuisse putabam: 
Hoc pretium curae dulce regentis erat. 

Utque mens lima rasus liber esset ämici, 
Non semel admonitu facta litura tuo est. 

Den gleichen Dienst erwies ihm Tuticanus''): 

Saepe ego correxi sub te censore libellos 
Saepe tibi admonitu facta litura meo est. 

Wenn die Verbannung des Dichters Glück vernichtete, so 
hat sie ihm auch diese Stütze seiner litterarischen Thätig- 
keit geraubt. Er empfand es bitter genug und lässt es uns 



XIII, 21, 3. 

2) XII, 5, 3: sed tu me yewfiixgixwq refelleras, te autem nunc 
Brutus et Fannius. 

3) an, Xey. XVI, 2, 6. Wir können nicht anders, als diese Aus- 
legung von „eclogarii** anzunehmen (zuerst von Montgault gegeben), 
um so mehr, als sie eine Stütze zu haben scheint in ad Att. XYI, 11, 1 : 
nostrum opus tibi probari laetor, ex quo avd^ri ipsa posuisti, quae 
mihi florentiora sunt visa, tuo judicio; cf. ib. 2, 6: notentur eclogarii 
quos Salvius (einer der librarii des Atticus) bonos auditores nactus 
in convivio dumtaxat legat. 

*) ib. XVI, 3, 1. Daraufspielt auch CorneHus Nepos an (Att. 14, 1): 
nemo in convivio ejus aliud acroama audivit quam anagnosten, quod 
nos quidem jucundissimum arbitramur: neque unquam sine aliqua 
lectione apud eum cenatum est. 

5) ib. IV, 12, 25 sqq. 



14 

miterleben. ,Jn Tomi giebt es keine Bibliotbeken'S klagt er 
einem Gönner, „hier nur Bogen und Waffengeklirr". Niemand 
ist da, dessen Bath er anrufen, dessen Geschmack er be- 
fragen könnte ^) : 

Non hie librorum, per quos inviter alarque 

Copia: pro libris arcus et arma sonant. 
Nullus in bac terra, recitem si carmina, cujus 
40 Intellecturis auribus utar, adest 

43 Saepe aliquod quaero verbum nomenque locumque, 
Nee quisquam est, a quo certior esse queam. 

Die nämliche Klage hören wir in folgenden Versen 2): 

Sed neque cui recitem, quisquam est, mea carmina, nee 
90 Auribus accipiat verba Latina suis. [qui 

Ipse mihi — quid enim faciam? — scriboque legoque, 
Tutaque judicio littera nostra suo est. 

Bisweilen entsinkt dem Verbannten Muth und Freude. 
Er wirft ins Feuer, was er soeben gedichtet^): 

Saepe tamen dixi „cui nunc haec cura laborat? 
An mea Sauromatae scripta Getaeque legent?" 
95 Saepe et jam lacrimae me sunt scribente profusae, 
ümidaque est fletu littera facta meo 

101 Saepe manus demens, studiis irata sibique, 
Misit in arsuros carmina nostra focos"^). 

Bekanntlich traf ihn das Verbannungsdekret, als er eben 
im Begriffe war, an seinen Metamorphosen die letzte Hand 
anzulegen. Diese Arbeit musste er nothgedrungen aufgeben. 
Wie ungern er dies that, und wie sehr er die Ausfeilung 
des Gedichtes für nöthig hielt, beweist der Entschluss, den 
er fasste, dasselbe gar nicht zu ediren, sondern es zu ver- 
nichten. Wir lesen diese Episode im siebenten Gedicht des 
I. Buches der Tristien. 



1) Trist, m, 14, 37 sqq. 

2) ib IV, 1, 89 sqq. 

3) ib. 93 sqq. 

*) ib. V, 12, 61: Scribimus et scriptos absumimus igne libellos: 
Exitus est studii parva favilla mei. 



15 

15 Haec^) ego discedens sicut bene multa meorum 
Ipse mea posui maestus in igne manu. 

21 Vel quod eram Musas, ut crimina nostra, perosus, 
Vel quod adhuc crescens et rud^ Carmen erat. 
Quae quoniam non sunt penitus sublata, sed extant 
Pluribus exemplis scripta fuisse reor. 

„Wenn sich daher Unebenheiten und Fehler darin vorfinden, 
so möge sie der Leser entschuldigen und bedenken, dass 

29 ablatum mediis opus est incudibus illud. 
Deficit et scriptis ultima lima meis." 

Dies ist denn auch der Inhalt der sechs Verse, welche wir, 
gemäss der Verordnung des Dichters, am Anfang der Meta- 
morphosen finden: 

„Orba parente suo quicunque volumina tangis, 
His saltem vestra detur in urbe locus! 

Quoque magis faveas: haec non sunt edita ab ipso, 
Sed quasi de domini funere rapta sui. 

Quidquid in his igitur vitii rüde Carmen habebit, 
Emendaturus, si licuisset, eram." 

Ein allerdings sehr kluger Vorbehalt 2)! 

Martial weiss auch die Wohlthaten solcher limatio zu 
würdigen. Er hat dazu als Censoren seine Freunde Severus, 
Faustinus etc. Dem ersteren schickt er einmal einen Band 
Gedichte zur Correktur^): 

Non totam mihi, si vacabit, horam 
Don es et licet imputes, Severe, 
Dum nostras legis exigisque nugas. 
„Durum est perdere ferias": rogamus, 
5 Jacturam patiaris hanc ferasque. 



1) sc. canuina mutatas hominum dicentia formas. 

2) Man vergleiche die schalkhafte Citation und Anwendung der 
Schlussverse bei Sueton, in betreff des Lucanus, p. 78, 10 sq. Rffsch.: 
reliqui enim VII libelli civilis libri locum calumniantibus tamquam 
mendosi non darent, qui tametsi sub vero crimine non Qgent patro- 
cinio: in isdem dici quod in Ovidi libris praescribitur potest: „emen- 
daturus** etc. Dass Süeton an der Aufrichtigkeit des Ovid Zweifel 
hegte, ist aber damit noch lange nicht gesagt. 

s) ep. V, 80. 



16 

Quod si legeris ipse cum diserto 

— Sed numquid sumus improbi? — Secundo, 

Plus multo tibi debiturus hie est, 

Quam debet domino suo libellus, 

Quem censoria cum meo Severe 
Docti lima momorderit Secundi. 

Einmal sogar ^) schickt der witzige Dichter dem Faustinus 
zu den Gedichten einen Schwamm 2), mit folgenden Worten: 
V. 7 Non possunt nostros multae, Faustine, liturae 
Emendare jocos, una litura potest. 

Nach Spanien zurückgekehrt (in Bilbilis), klagt er wie Ovid, 
der doch ungleich schlimmer daran war, über die provincialis 
solitudo. Si quid est enim quod in libellis meis placeat, 
dictavit auditor. lUam judiciorum subtilitatem, illudmateriarum 
ingenium, bibliothecas, theatra, convictus, in quibus studere 
se voluptates non sentiunt, ad summam omnium illa, quae 
delicati reliquimus, desideramus quasi destituti^). 

Einem Dichter wie Martial musste natürlich das provin- 
cielle Leben gar still und fad erscheinen gegen das Gewühl 
der Hauptstadt. Am Schluss seiner das XII. Buch einleitenden 
Epistel bittet er noch den Adressaten, seinen Freund Priscus, 
an den Gedichten scharfe Kritik zu üben, ne Romam, si ita 
decreveris, non Hispaniensem mittamus, sed Hispanura. 

Wie sollte vollends bei einem Plinius dem jüngeren, zu 
einer Zeit, da sonst in der Litteratur das Formgefühl über- 
wucherte, diese Sorgfalt nicht das richtige'Mass überschreiten! 
Sein Stil ist glatt, glänzend, aber eben oft auf Kosten des 
Inhalts. Er giebt uns in extenso über seine Art, die 
eigenen Schriften zu prüfen, Auskunft'*): Itaque nuUum 
emendandi genus omitto. Ac primum quae scripsi mecum 
ipse pertracto; deinde duobus aut tribus lego: mox aliis*^) 



1) IV, 10. 

2) Ueber Verwendung des Schwammes u. a. z. vgl. Wattenbach, 
Schriftwesen d. M. A. p. 195 f. 

3) praef. 1. XII, 9 sqq. 
*) ep. Vn, 17, 7. 

5) z. B. an Tacitus cf. ib. 20, 1: librum tuum legi et quam di- 
ligentissime potui adnotavi quae commutanda, quae eximenda arbi- 
trärer . . . Nunc a te librum meum cum adnotationibus tuis exspecto. 



17 

trado adnotanda notasque eorum, si dubito, cum uno rursus 
aut altero pensito; novissime pluribus recito; ac siquid mihi 
credis, tum acerrime emendo. Dann erst recht, nachdem das 
Buch durch die Hände vieler gelehrten Freunde gegangen 
ist,' wird die lima neu angesetzt. 

Wenn wir den Panegyricus lesen, sind wir nicht geneigt, 
dem Verfasser für seine Sorglichkeit ein Compliment zu 
machen. 

Der römische Autor liest seinen Freunden vor, was er 
geschrieben, und richtet sich nach ihrer Kritik. 

Das erste uns bekannte Beispiel einer solchen Vorlesung 
ist M. Accius, welcher in Tarent dem Pacuvius auf dessen 
Verlangen seine Tragödie Atreus vorlas ^). Aehnliches mag 
seit dem Beginn der römischen Litteratur vorgekommen sein 
und eine Anknüpfung an das alte conlegium poetarum statt- 
gefunden haben 2). 

Aus diesen Vorlesungen in Privatkreisen haben sich die 
öflfentlichen Recitationen entwickelt. Es liegt unserer Auf- 
gabe fern, uns über diese Einrichtung zu verbreiten^). 

Wir möchten nur daran erinnern, dass der Erfolg 
solcher Recitationen oft für die Carriere eines Autors den 
Ausschlag geben konnte. Mancher Dichter, dessen Werke 
rasch in den Buchhandel kamen und über die Welt ihren 
Weg fanden, mag diesen Erfolg der Wirkung einer ge- 
lungenen Recitation verdankt haben. Buchhändler waren bei 
den Vorlesungen anwesend — an ihnen hatte der Dichter 
vielleicht die aufmerksamsten Zuhörer. Sie beobachteten 



jucundas, o pulcras vices! Tacitus leistete ihm also den Gegendienst; 
cf. ep. I, 2, 1; 8, 3. 

1) Gell. Xm, 2. 

2) üeber dieses conlegium sind namentlich zu vgl. Festus p. 333 ; 
Val. Max. III, 7, 11; Ribbeck, die röm. Tragödie p. 43; Lucian Müller, 
Ennius, Petersburg 1884 p. 30 ff. An der ersten Stelle wird uns über- 
liefert, dass den Dichtem zu Ehren des Livius Andronicus Corpo- 
rationsrechte verliehen wurden (im Jahre 207). Julius Caesar pflegte 
das Colleg zu besuchen. Die Versammlung erhob sich zum Gruss 
beim Eintritt des Imperators ; einzig Accius, im Gefühl seiner Würde, 
blieb sitzen. 

3) Im Allgemeinen sind darüber zu vergleichen: K. Lehrs, Po- 
puläre Aufsätze p. 175; Friedländer, Sittengesch. III, 370; Lucian 
Müller, Ennius p. 33 ff. Weitere Litteraturnachweise giebt am aus- 
führlichsten Bahr s. V. Recitationes, Pauly's Realencyclopädie. 

2 



18 



f 



die HaltuDg, die Stimmung des Auditoriums. Wurde das 
vorgelesene Werk mit Applaus begrüsst — schnell waren 
die Bibliopolen bereit, die Edition zu übernehmen. BKeb 
das Publikum kalt, so kehrte der Buchhändler dem armen 
Schriftsteller den Rücken. 

Wir haben an diesen mehr oder weniger hervorragen- 
den Beispielen gesehen, wie ernst und gewissenhaft des 
Autors Arbeit war. Es ist uns damit ein Blick in die schrift- 
stellerische Thätigkeit der Alten gewährt. Man rühmt den 
Stil eines Cicero; seine Werke gelten als klassisch. Nur 
durch ununterbrochene Arbeit hat er dieses Lob verdient. 
Wir begreifen jetzt, wie er es in seiner Diction zu solcher 
Vollendung hat bringen können. Wir staunen ob der wunder-^ 
baren Geduld und Sorgfalt des Autors. Dafür ist er zu 
allen Zeiten hoch in Ehren gehalten worden, und wird es 
bleiben. Wenn Horaz ausrief: exegi monumentum, so galt 
sein Selbstgefühl gewiss auch der Vollenduilg seiner Ge- 
dichte im Einzelnen. 

Die Erklärung dieser Eigenthümlichkeit liegt tief im 
Charakter des Römers. Der Lateiner hat nicht die Künstler- 
natur des Hellenen. Sein Werk ist nicht dasjenige des 
Griechen, das gleichsam aus einem Guss gegossen vor dem 
Meister fertig dasteht. Des Römers Meisterwerk ist das Pro- 
dukt einer langen minutiösen Verstandesarbeit. Es liegt in 
ihm ein tiefes Formgefühl — ein Zug, der überhaupt die Ro- 
manen noch heute charakterisirt. Dieses Gefühl zu befriedigen, 
unternimmt der Autor diese lange Arbeit der Selbstkritik. 

Zu dieser Ursache tritt erklärend noch folgender Um- 
stand hinzu. 

Dem Schriftsteller erscheint die Edition als ein Ereigniss 
von hoher Bedeutung. Er empfindet fast eine gewisse Scheu, 
vor das grosse Publikum zu treten. 

Falsche Scheu kann hier nicht vorliegen. 

Es muss also dem Römer der Begriff „Edition" schwerer 
ffewoffen haben als uns. 

Eine Schwächung des Begriffes muss sich aus dem 
häufigen Vorkommen der Sache ergeben. 

Heutzutage ist sozusagen Schriftstellern und Publiciren 
eine Sache. Man spricht nicht vom einen, ohne an das 
andere zu denken. 



i 



19 

In Rom wurde nicht alles edirt, weil nicht alles zur 
Edition bestimmt war. Schriftstellern und Publiciren ist 
zweierlei. Dies zeigen zur Genüge schon die Berathungen, 
welche Cicero, Plinius etc. mit ihren Freunden pflegen. 

Edere bedeutet „hervor — herausgeben'* ^). 

Je nachdem die Mittheilung des Werkes an einen be- 
schränkten oder unbeschränkten Kreis, d. h. an das Publikum 
gerichtet ist, kann man von einer Edition in engerem und 
weiterem Sinne reden. 

Im ersten Fall werden Abschriften eines Buches (aus 
dem Hause des Verfassers hervorgehend) an Freunde ver- 
schickt, sei es zur Kritik, sei es sonst als Geschenk. 

Im zweiten Fall wird das Buch einem Buchhändler 
übergeben, in den Verkehr gebracht. 

Wir glauben nun, im Hinblick auf schon gegebene Er- 
örterungen und auf die noch zu gebenden, folgenden Satz 
aufstellen zu können. 

Die meisten Werke römischer Prosa und Poesie sind, 
bevor sie in den Buchhandel kamen, in einigen Exemplaren 
schon verbreitet, in engerem Sinne schon edirt gewesen 2). 

Wir müssen uns eben von den modernen Anschauungen 
losschlagen. 

Im Alterthum schrieb man die Bücher ab; heute werden 
sie gedruckt. 

Für uns ist die Edition die Massenproduktion und Ver- 
breitung eines Werkes. 



') Der Begriff „Edition" wird am häufigsten wiedergegeben durch 

edo, editio = emissio librorum Senec. benef. IV, 28. Editor kommt 

in diesem Zusammenhang nicht vor. Ausser edo finden sich folgende 

Ausdrücke : 

divulgo vereinzelt bei Cicero ad Att. XU, 40, 1. 44, 1. 

pervulgo ad Att. XIII, 20, 2 gehört kaum hierher. 

emitto . Plin. ep. I, 2, 6. 

dimitto Stat. Silv. praef. 1. I, 6. 

publicare ib. praef. 1. IV, 23. Plin. ep. I, 8, 4. 

Passiv: exire Cic. ad Att. XIII, 21, 4. 

foras dari ib. 22, 3. 

Nur von der Mittheilung an Freunde, Edition in engerem Sinne, gilt 

bei Plin. exhibeo cf. ep. I, 2, 1. II, 5, 1 etc. pass. 

2) Wo wir schlechtweg „Edition, ediren etc." sagen, gilt der 

Ausdruck von der buchhändlerischen Verbreitung eines Werkes. 

Dies nur um Missverständnissen vorzubeugen. 

2* 



20 

Das Publicationssystem der Alten gestattet, vielmehr 
gebietet allmähliche Vervielfältigung und Verbreitung des 
Buches. 

In diesem Sinne hat also G. Boissier ßecht, wenn er 
in seinen recherches sur la maniere dont furent recueillies 
et publiees les lettres de Ciceron^) sagt: Aujourd'hui la 
publication d'un livre est une Operation d'un caractere .bien 
precis et nettement tranche: pour le public on Timprime, 
chez les anciens on le copiait, un certain nombre de fois. 
Donner un livre ä ses amis ou le repandre dans le public 
ne diflferait que par la quantite des copies qu on en faisait 
faire. Freilich geht G. Boissier zu weit, wenn er fort- 
föhrt: La limite etait indecise et il etait bien difficile de 
dire ä quel moment precis commen^ait vraiment la publi- 
cation. Comme il y avait des degres qui conduisaient 
insensiblement de cette publicite dun ouvrage que ron 
faisait lire ä plusieurs personnes ä sa publication veritable, 
le passage de Tune ä Tautre pouvait se faire presque sans 
qu'on s'en apercüt. Publier un livre etait donc une chose 
moins grave qu'aujourd'hui et ä laquelle on se trouvait tout 
naturellement porte. 

Wir halten die Annahme dieses allmählichen Ueber- 
ganges von der publicite zur publication für unbegründet. 
Wir werden unten darauf zurückkommen. 

Die Mittheilung an Freunde bietet für die Edition einen 
Ersatz. Darum denkt der Autor während der Abfassung 
nicht immer von vornherein an das grosse Publikum. Wenn 
er den Entschluss zu ediren fasst, muss er sich erst mit 
dem Gedanken der Edition in weiterem Sinne vertraut 
machen. 

Daher, zum Theil wenigstens, diese Scheu, von welcher 
wir oben sprachen. 

Es ist kaum nöthig, dass wir nach den gegebenen Aus- 
fuhrungen (p. 12 flf.) Beispiele fiir Mittheilung und Schen- 
kung eines Buches an Freunde beibringen. Wir heben nur 
Einzelnes heraus. 

Cicero 2) schickt dem Posidonius (auf Rhodus) ein 



1) Paris, Durand 1863, p. 8. 

2) ad Att. II, 1, 1: quem tu Corcyrae ut mihi aliis litteris signi- 
ficas, strictim attigisti, post autem ut arbitror a Cossinio accepisti. 



21 

Exemplar seines Commentarius, der damals noch nicht edirt 
war. Zur nämlichen Zeit ungefähr lässt er ein zweites 
Exemplar durch Cossinius dem Atticus überreichen. 

Martial erscheint so oft als Schenker seiner Gedichte ^) 
dass A. Schmidt 2) annahm, er habe von seinem Verleger 
Freiexemplare erhalten. Wir begnügen uns, darauf aufmerk- 
sam zu machen, dass der Dichter seine eigenen librarii 
hatte. Er kaufte sich Rollen und liess sie durch seine 
Sklaven vollschreiben^). Wie oft spricht Cicero von mei 
librarii ^). Durch sie lässt er seinen aox^Tvuoi; abschreiben^). 
Bei ihm scheint eine einmalige Abschrift das gewöhnliche 
Mass gewesen zu sein. Er behielt sein Handexemplar und 
sandte die Abschrift dem Editor zu*^). 



War das Buch damals schon divulgirt? 

Es scheint, man müsse es annehmen, will man das handschrift- 
lich überlieferte post autem beibehalten. Das Buch wäre demnach 
durch den Handel nach Corcyra gelangt. 

Nun haben aber die zweite Hand des Mediceus und ein Oxoniensis 
(Or:Q) statt post autem die Lesart postquam. Es würde sich damit 
nur um ein Exemplar des Commentarius handeln, eben das von Cicero 
dem Cossinius für Atticus ü bergebene, worauf denn auch das sicher 
überlieferte bestimmt aussagende quem tu hinweist. 

Manutius nimmt ohne weiteres eine vorangegangene Publication 
des Buches an. Dagegen spricht entschieden § 2: tu, si tibi placuerit 
über, curabis ut et Athenis sit et in ceteris oppidis Graeciae. Hätte 
Atticus das Buch als publicirt auf Corcyra angetroffen, so musste 
dasselbe doch wohl vor allem in Athen zu haben sein. Allein wir 
haben keine Spur davon, dass das Buch, sei es in Rom, sei es an- 
derswo, damals schon publicirt gewesen wäre. Cicero beauftragt 
Atticus gerade mit der Verbreitung des Büchleins nicht nur in Athen, 
sondern auch in den übrigen Städten Griechenlands. Die Edition 
war noch nicht geschehen. Nur dann konnte Cicero schreiben: tu si 
tibi placuerit liber . . . etc. 

Wir nehmen also postquam auf. Post autem (Orelli, Boot, We- 
senberg) ist nicht festzuhalten. 

IV, 10; 82. V, 6. VH, 17. X, 19 etc. 

2) Geschichte der Denk- und Glaubensfreiheit p. 143. 

3) cf. zu IV, 89, 8. II, 1, 5 und ib. 8, 3 sq. 

4) ad Att. XIII, 21, 5. 

5) ib. Xm, 14, 3. 

6) ib. XIII, 21, 5: tantum porro aberat ut binos scriberent, vix 
singulos confecerunt Es handelt sich um das Werk De finibus, wovon 
Caerellia vor der Edition ein Exemplar bekommen hatte. Die Abschrift 
durch die librarii des Cicero war unter des Verfassers Augen ge- 



22 

Eine zweimalige Abschrift hatte in dem oben erwähnten 
Fall ad Att. II, 1, 1 stattgefunden. 

Die Edition hebt sich scharf ab von diesen mehr pri- 
vaten Vorgängen unter Freunden. Statius hatte seine Silven 
zunächst einzeln seinen näheren Bekannten verehrt; erst 
nachträglich entschloss er sich zur Gesammtedition ^). 

Der Entschluss zu ediren erfolgt erst nach gemeinsamer 
Berathung zwischen Autor und Verleger. 

Dass man sich nicht immer sofort einigen konnte, ist 
zu erwarten. Oft wurde lange darüber parlamentirt. Keiner 
von beiden, und namentlich der Autor nicht, will manchmal 
die Verantwortlichkeit auf sich nehmen. Der Autor zögert; 
sein Verleger treibt ihn ^). So hat auch Tryphon den Quin- 
tilian bewogen, seine Institutio oratoria früher herauszugeben, 
als er es eigentlich beabsichtigt hatte ^). 

Bald aber ist es der Editor, welcher mit seinen neuen 
Publicationen zu früh herausrückt. Darüber klagt einmal 
Cicero "*): die mihi, placetne tibi primum edere injussu meo? 
Doch wir greifen damit voraus. 

Es gab auch Werke, die von vornherein bestimmt 
waren, dveycdoza zu bleiben^). 

Autor und Editor verständigen sich endlich über die 
Zeit, wann die Edition stattzufinden habe. So schreibt Ci- 
cero an Atticus *') : Scripta nostra nusquam malo esse quam 
apud te, sed ea tum foras dari, quum utrique nostrum videbitur. 



flchehen (ib: nunquam ab oculis meis afuerunt). Bei diesem Anlass con- 
fitatiren wir die Möglichkeit der Unterschlagung von Abschriften. 

1) Praef. 1. I. Diu multumque dubitavi ... an hos libellos . . . 
•cum singuli de sinu meo prodierint, congregatos ipse dimitterem. — 
l-cf. Hör. Sat. 1, 4, 71 : NuUa taberna meos habeat neque pila libellos. 
Die Satiren waren noch nicht edirt; Horaz wollte sie damals gar 
nicht ediren. Und doch waren sie schon bekannt, recensirt worden 
— so dass sich der Dichter nun vertheidigen musste. Es ist diess 
eine weitere Illustration der Thatsache, dass eine Schrift vor der Ver- 
öffentlichung durch den Buchhandel in weitere Kreise gedrungen 
sein konnte. 

2) Cic. ad Att. I, 1, 3: oratiunculas autem et quas postulas et 
plures mittam. XVI, 11, 3: librum quem rogas perpoliam et mittam. 

s) ep. ad Tryph. 

<) Cic. ad Att. XIU, 21, 4. 

ö) Cic. ad Att. 11, 6, 2. XIV, 17, 6. 

6) XIII, 22, 3. 



23 

lieber das Publikum zu reden, kann nicht in unserer 
Absicht liegen. Wir verweisen auf die vorzügliche an- 
ziehende Darstellung von Martin Hertz in seinem Vortrage 
über Schriftsteller und PubUkum in Rom^). 

Der Mittler zwischen Autor und Publikum ist der Buch' 
händler, dessen Thätigkeit wir jetzt zu betrachten haben. 



») Schriftsteller und Publikum in Rom. Berlin 1853. 



11. Der Buchhändler. 

Litteratur: F. Schmitz, de bibliopolis Romanorum p. 1 sqq. 

Saarbrücken Programm 1857. 
Hermann Goell, üb. d. Buchhandel bei den Griechen u. Römern. 

Schleiz Programm 1865 p. 6 sqq. 
Bernhardy, römische Litteraturgeschichte p. 69 (V.Aufl. 1872). 
Friedländer, Sittengesph. in, p. 370 ff. 
Th. Birt, d. antike Buchwesen p. 357 sqq. 

Es liegen uns im gewöhnlichen Sprachgebrauch zwei 
Ausdrücke vor, welche dem Begriff „Buchhändler" ent- 
sprechen: der eine römischen Ursprungs librarius, der zweite 
den Griechen entlehnt: bibliopola {ßißlionojh^g). 

a) Librarius ist zunächst Beiwort, wird dann sub- 
stantivisch gebraucht. Wir finden folgende Anwendungen: 
I. in der Bedeutung „Schreiber". 

1. scriba librarius Buchftihrer (amtlich und privat). 
Varro de r. r. III, 2. 14; librarius „Secretär'* Cic. 
de agr. II, 32 (Gegensatz zu scriba, dem unterge- 
ordneten Schreiber). Cic. ad Att. IV, 16, 1. Fronto 
ad M. Caes. II, 13. 

2. scriptor librarius Hör. ep. II, 3, 354: Bücherabschrei- 
ber, librarius Cic. ad Att. XII, 6, 3. Liv. XXXVIII, 
55, 8 (cf. Plin. h. n. XXVII, 52 atramentum librarium) 
spät ist libraria (fem.) Euseb. hist. eccles. VI, 17; 
XXni, 66. Mart. Cap. I, 65. 

Wir fügen einzelnes von der Benennung der 
Schreiber bei. 

In späterer Zeit war librarius gleichbedeutend 
mit antiquarius. Isid. orig. VI, 14: Librarii iidem 
qui et antiquarii vocantur, sed librarii sunt, qui 
nova et vetera scribunt, antiquarii qui tantum modo 
vetera, unde et nomen sumpserunt ^). An dieser 

Diese Angabe scheint auf Sueton zurückzugehen; s. unten. 



25 

Nachricht wird wenigstens das letzte wahr sein. 
Die antiquarii machten sich anheischig, speciell 
ältere Schriften zu lesen und abzuschreiben. 

In gleicher Weise war notarius einer, der sich 
auf Notenschrift, auf Tachygraphie geworfen hatte ; 
dann allgemein Schnellschreiber. Dass notarii auch 
als Bücherabschreiber funktionirten, beweist Hieron. 
ep. 75, 4. Die Bezeichnungen tabularius, tabellarius 
(bei Cicero z. B. Brief böte), tabellio sind nicht in 
die Terminologie des Buchhandels eingedrungen. 
Die späte Kaiserzeit und das Mittelalter verstehen 
darunter Urkunden schreibende Notare. 
3. doctor librarius Schreiblehrer Porphyr, ad Hör. ep. 
n, 1, 69. librarius Hieron. ep. 107, 4. librarius = 
antiquarius = Schreiblehrer, Kalligraph ist belegt 
durch das Edikt des Diocletian de pretiis rerum 
(Clß. m, 2, 831). 

IL in der Bedeutung „Buchhändler'', libraire-editeur. Der 
Bücherabschreiber wird zum Bücherverkäufer. Der 
librarius describit lässt Bücher abschreiben und ver- 
kauft sie. Ursprünglich als Sklave von seinem Herrn 
beschäftigt, betreibt er dieses Geschäft als Freige- 
lassener selbständig fort. Erst der Römer der Kaiser- 
zeit nennt seinen Buchhändler librarius. Senec. benef 
VII, 6; Gell. n. a. V, 4, 2; XVIH, 4, 1 . Bei Martial da- 
gegen ist dieser Gebrauch von librarius nicht er- 
wiesen ^). cf. tabema libraria Cic. PhiL II, 9, 21. 

libraria = librairie Gell. V, 4, 1. 

Ironisch braucht Stat. silv. IV, 9, 21 das deminuti- 
vum libellio. 

b) Bibliopola „Buchhändler*^ ist erst in den Autoren der 
Kaiserzeit zu finden 2) Plin. ep. I, 2, 6; Mart. XIII, 3,4; 



1) Mart. IV, 89. Der librarius ist der Schreiber, welcher die Ab- 
schrift soeben vollendet. Cf. U, 1, 5. 8, 3. Der Buchhändler schreibt 
nicht ab. Man kann ihm auch keine Schreibfehler zuschreiben. 

2) Eine Confusion verursachte folgende Notiz, welche wir bei 
Suet. (Rffsch.) 134, 18 finden: unde et scriptores a libris arborum 
librarios vocaverunt; librarios ante bibliopolas dictos. Die librarii a 
libris arborum sind in der That Schreiber; aber die librarii ante bi- 
bliopolae dicti sind Buchhändler. Die Horazcommentatoren haben den 



i 



26 

IX, 11, 2. — Man wäre versacht, im Hinblick auf diese 
terminologischen Einzelheiten anzunehmen, es habe erst am 
Ende der Republik, oder gar erst in der Kaiserzeit in Rom 
einen eigentlichen Buchhandel und wirkliche Buchhändler 
gegeben. Diesen Standpunkt nimmt u. a. Fr. Schmitz ein ^). 

Er bemerkt sehr richtig, die Römer hätten, so lange 
ihre Eroberungspolitik anhielt, weder Zeit noch Lust zum 
Schriftstellern gehabt. Nur darf man diese Periode nicht 
zu lang werden lassen. Hernach sei mit der Griechen Bil- 
dung auch die Pflege der Litteratur aufgeblüht. Man erzog 
und bildete sich in vornehmen Römerhäusern Sklaven, die 
eigens zum Abschreiben von Büchern bestimmt waren. 
„Horum Romanorum facile princeps fuit T. Pomponius 
Atticus, qui in familia sua pueros litteratissimos, anagnostas 
optimos et plurimos librarios haberet .... Ab his librariis, 
qui dominis libros descripserunt, originem duxerunt biblio- 
polae." 

Allein es ist schon für die Mitte des letzten Jahrhun- 
derts V. Chr. ein Buchhändlerladen in Rom constatirt^). Da- 
liin flüchtet sich Clodius, von Antonius verfolgt. 

Auf diese Buch Verkäufer ist nach unserer Ansicht hin- 
gedeutet: Cic. ad Att. XII, G, 3: Macte virtute! mihi quidem 
gratum et erit gratius, si non modo in libris tuis, sed etiam 
in aliorum per librarios tuos „Aristophanem** reposueris pro 
„Eupoli". Sonderbar genug nimmt Th. Birt^) an, die librarii 
des Atticus müssen nun zu allen Privaten, die das Buch 
schon gekauft haben, rennen und den „Druckfehler" Exem- 
plar ftlr Exemplar ausmerzen. 

Jene alii sind die tabernarii, modern gesprochen, die 
Sortimentsbuohhändler, welchen der Verleger eine Anzahl 
Exemplare der Auflage zum Verkauf übertragen hat. Darum 

Wechsel in der Bedeutung v. libnirius nicht l>eaehtet und die Stelle 
ev^ lU S» J<r>4 auf einen Buchhändler bezogen: Comm. Cruq: scriptor 
Hbmrius bibliopola uti veteres diceUmt quod et Tranqnülns af&rmat. 
Acnn\ in h. t: it^ eniiu bibliopolas suos vet^res dicebant Hoc et 
Tranquillus aftinuat. 

>) », 0, v>. 4. 

•) Cic« Phil U» ^K :?l: nisi se ille in $cala$ tabemae librariae 




27 

kann auch Cicero von Atticus verlangen, dass er die Cor- 
rektur nicht nur in seinen Exemplaren (d. h. in denjenigen, 
welche er noch auf Lager hat), sondern in den „andern'' 
vornehmen lasse. 

üeberhaupt scheint schon vor Atticus ein ziemlich aus- 
gebildeter Buchhandel bestanden zu haben. 

Cicero ^) bereut die verfrühte Herausgabe seines Buches 
de inventione. Von M. Antonius hören wir ähnliches 2). 

Endlich musste Atticus in Rom Concurrenten haben, 
sonst konnte ihm Cicero nicht schreiben^): scripta nostra 
nusquam malo esse quam apud te. 

Wir dürfen also für Cicero's Jugendzeit schon einen 
thätigen Buchhandel in Rom annehmen, der die Vervielfäl- 
tigung und den Vertrieb litterarischer Erzeugnisse besorgte. 

Atticus ist freilich der erste, den wir auf diesem Ge- 
biete mit Namen nennen können. Ja, wir können seine 
buchhändlerische Thätigkeit und Bedeutung näher ins Auge 
fassen. 

Cornelius Nepos erzählt uns in seiner Biographie des 
Atticus^) von der familia desselben folgendes: namque erant 
in ea pueri litteratissimi, anagnostae optimi et plurimi 
librarii, ut ne pedissequus quidem quisquam esset, qui non 
utrumque horum pulcre facere posset . . . 

Wozu Atticus diese vielen gebildeten Sklaven verwen- 
dete, sagt uns der Biograph zwar nicht ausdrücklich. Doch 
wir können nicht fehlgehen: Es waren die Arbeiter der 
Atticus officin auf dem Quirinal. 

Nepos sagt kein Wort von den buchhändlerischen Ge- 
schäften seines Freundes; ebensowenig durfte er dessen 
Gladiatorensport u. dgl. erwähnen. Es hätte ja seiner fama 
Eintrag thun können. Wie sollte ein vornehmer Römer 
solch Gewerbe treiben? üeber solche Dinge schwieg der 
Biograph. 



^) In der bekannten Stelle de or. I, 5: quae pueris aut adules- 
centulis nobis ex commentariolis nostria inchoata ac rudia exciderunt. 

2) Cic. de or. I, 94: in libello qui me imprudente et invito ex- 
cidit et pervenit in manus hominum. 

3) Xni, 22, 3. 

4) 13, 3. 



28 

Ein speculativer Kopf wie Atticus freilich, setzte sich 
über derartige Vorurtheile hinweg und beschäftigte ganze 
Schaaren von Sklaven, die er eigens dazu gebildet hatte, 
mit Abschreiben von Büchern. Er mag ursprünglich nur 
für seinen Privatgebrauch gearbeitet haben; dann dehnte 
sich sein Arbeitsfeld aus. Seine Ausgaben hatten anerkannte 
Vorzüge. Manch römischer Autor wird sich für die Ver- 
öffentlichung seiner Werke an ihn gewendet haben. Denn 
man hatte erfahren, dass er alle Sorgfalt auf fehlerloses 
Abschreiben der Bücher verwende, damit sie quam emenda- 
tissimi in die Hände des Publikums gelangten. 

Atticus hatte seine eigene reichhaltige Bibliothek. Er 
sollte einmal dem Cicero ebenfalls eine sammeln. Dieser 
Auftrag brachte Atticus vielleicht auf die Idee, die eigenen 
Bücher zu verkaufen ^). 

Dass er damals schon (a. 69/67 v. Chr.) den Verlag 
von Ciceros Werken hatte, ist nicht sicher zu ermitteln. Im 
Jahre 61 v. Chr. aber scheint dieses Verhältniss bereits ge- 
bildet zu sein. Cicero schreibt an Atticus ^j: Tonod-soiav 
quam postulas Miseni et Puteolorum includara orationi meae. 
A. d. III. non. Decembr. mendose fuisse animadverteram. 
Quae laudas ex orationibus mihi crede valde mihi place- 
bant, sed non audebam antea dicere; nunc vero quod a te 
probata sunt, multo mihi dzTtncoTeQa videntur. In illara 
orationem Metellinam addidi quaedam. Liber tibi mittetur, 
quoniam te amor nostri q)iloQrJTOQa reddidit. Wir sehen, 
dass bereits ein lebhafter Gedankenaustausch über litte- 
rarische Dinge stattfindet. Cicero schickt seine Schriften 
an Atticus^). Bald nachher^) sendet er ihm seinen Com- 
mentarius consulatus mei graece compositus. Der Anfangs- 
brief des n. Buches enthält bereits die Ordre, das Buch 



') I, 4, 3: Libros tuos conserva et noli desperare eos me meos 
facere posse; ib. 10, 4; Bibliothecam tuam cave cuiquam despondeas, 
quam vis acrem amatorem inveneris ; nam ego omnes meas vindemiolas 
eo reservo, ut illud subsidium senectuti parem. Diese Stelle und 
ib. 11, 3 bezieht G. Boissier revue archeol. n. serie VII, 1863 p. 92 f. 
falsch auf den Verlag des Atticus. 

2) I, 13, 5. 

3) I, 16, 18: Ego tibi aliquid de meis scriptis mittam. Nihil erat 
absoluti. 

ib. 19. 10. 



29 

über Griechenland zu verbreiten. Atticus ist also Verleger 
spätestens seit 59 v. Chr., und wenn Cicero ihm erst im 
Jahr 45 schreibt^): scripta nostra nusquam malo esse quam 
apüd te, so geschieht diese Erklärung nur aus besonderer 
Veranlassung. Uns kann sie bloss als formelle Bestätigung 
eines Verhältnisses erscheinen, welches schon seit ca 15 Jahren 
bestanden hat 2). 

Atticus also verlegt die Werke Cicero's. Er hat ausser- 
dem vielleicht den Verlag von 

1. Brutus' Cato^), so vermuthet G. Boissier a. 0. p. 98 
mit Hinweis auf Xll, 21, 1: tantum rogat de senatus 
consulto ut corrigas. 

2. Desselben epitome Caelianorum XIII, 8. 

3. Bei Atticus erschienen vielleicht auch Varro's Werke; 
ad Att. IV, 14, 1 schreibt nämlich Cicero: Velim domum 
ad te scribas, ut mihi tui libri pateant non secus ac 
si ipse adesses, quum ceteri, tum Varronis. Cicero be- 
sass also nicht alle Werke des Varro, wohl aber 
Atticus. Er ist eben wahrscheinlich der Verleger der- 
selben; darum fordert er den Cicero auf, dem Varro 
eine Widmung darzureichen. 

4. Endlich hatte Atticus auch die Schriften des Tyrannio. 
Cicero schreibt ad Att. Xll, 6, 2: Librum si me amas 
mitte. Tuus est enim profecto, quoniam quidem est 
missus ad te. 

Atticus genoss bedeutenden Ruf. Seine Ciceroausgabe 
war gesucht. Fronto bezeugt, dass die Werke römischer 



1) Xni, 22, 3 cf. ib. 12, 2. ' 

2) Th. Birt (Ant. Buchw. p. 282) hat zwar mit Bezug auf die 
Stelle ad Att. U, 16, 4 (ita rursus remittit (Quintus), ut me roget ut 
annales suos emendem et edam) behauptet, Cicero sei damals noch 
sein eigener Verleger gewesen. Allein aus dem gleichen Jahre stammt 
die früher citirte Aeusserung in II, 1, 2; cf. ib. 4, 3. Cicero sollte die 
Edition der Annalen seines Bruders besorgen, gleichwie die von 
Hirtius' Cato» In gleicher Weise lässt Martial ein Libell durch einen 
Freund ediren. Analog kann bei uns der Ausdruck „Herausgeber* 
den „Verleger" bezeichnen, aber auch den, der das Werk eines an- 
deren dem Verleger , druckfertig" übergiebt. 

3) Demnach hätte Atticus drei Cato in seinem Verlag: 1. den 
des Cicero XII, 4, 2; 5, 2; 2. den des Hirtius XII, 40, 1; 3. den des 
Brutus a. 0. 



30 

Klassiker zu seiner Zeit höher angeschlagen wurden, wenn 
sie in guter Abschrift vorlagen. Er schreibt^) darüber er- 
freut, dass sein Schüler eine seiner Reden mit eigener 
Hand abgeschrieben und ihm zugeschickt hatte: Contigisse 
quid tale M. Porcio, aut Q. Ennio aut C. Graccho aut Titio 
poetae? quid Scipioni aut Numidico? quid M. Tullio tale 
usuvenit? quorum libri pretiosiores habentur et summam 
gloriam retinent si sunt a Lampadione^) aut Staberio aut 
. . . aut [Tirone cj. A. Mai] aut Aelio . . . aut Attico aut 
Nepote ^). 

Es liegt nahe, zu vermuthen, dass Atticus auch frühere 
Autoren in neuen Ausgaben publicirte. Das Bedürfniss 
nach correkten Exemplaren überhaupt wurde früh gefühlt. 
Der Umstand, dass — z. B. bei pressanten Publicationen — 
die Copien nicht immer die gewünschte Correktur erfuhren, 
brachte es mit sich, dass die Fehlerhaftigkeit der Bücher 
immer mehr zunahm. Cicero antwortete seinem Bruder, als 
dieser ihn um Besorgung gewisser Bücher gebeten hatte ^): 
valde velim ista confici . . neque enim ista venalia sunt quae 
quidem placeant. In einem früheren Briefe ^) vernehmen 
wir eine deutliche Klage: de latinis vero (libris sc.) quo 
me vertam nescio: ita mendose et scribuntur et veneunt. 

So kamen unterrichtete Buchhändler früh zur Erkennt- 
niss, sie müssten ihren Publicationen möglichst fehlerfreie 
Normalexemplare zu Grunde legen. Diesen Grundsatz be- 
herzigte zweifelsohne vor allem Atticus. Er hatte speciell 
für Cicero's Werke seine Musterexemplare, welche später 
Dorus, ein Buchhändler des ersten Jahrhunderts der Kaiser- 
zeit, käuflich erwarb. Wir haben sein Lob aus dem Munde 
des Pronto gehört. Atticus hatte eine Bibliothek, um welche 
Cicero ihn beneidete. Was ihren hohen Werth ausmachte, 
war eben der Umstand, dass die Schriften in möglichst 
guten Ausgaben gesammelt worden waren. Atticus muss 
überhaupt mit den Hauptplätzen des damaligen Buchhandels 



1) ad M. Caes I, 6. 

2) cf. Gell. XVin, 5, 11; 8. unten. 

3) Die Stelle ist corrupt. 

4) ad Quint. fr. III, 4. 

^) ib 5/6. 6; cf. Strabo XIII, 1. 



31 

in regem Verkehr gestanden sein. Er war denn auch am 
besten dazu geeignet, dem Cicero eine Bibliothek zu ver- 
schaffen. Unter seinen ßücherschätzen hatte er griechische 
sowohl als römische Autoren. Cicero benutzte sie fleissig. 
Ob Atticus, nachdem sein ßuchhändlergeschäft sich aus- 
gedehnt hatte, auf Grund jener Normalexemplare, aus denen 
seine Bibliothek bestand, Abschriften auch griechischer 
Autoren machen Hess, hat weder er noch Cicero uns über- 
liefert. Zu ihrer Zeit waren die griechischen Klassiker in 
den Händen aller gebildeten Römer. Es ist nicht wahr- 
scheinlich, dass dieser Artikel nur durch Import aus Athen, 
Alexandria, Pergamum auf den römischen Büchermarkt ge- 
langte. Vielmehr wird der römische Buchhandel bald auch 
griechische Werke vervielfältigt und veröffentlicht haben. 
Der Bibliopole wird diese neue Erwerbsquelle bald in seinen 
eigenen Geschäftskreis gezogen haben Gesetzliche Schran- 
ken waren ja keine vorhanden. 

Atticus speciell mag sowohl griechische als lateinische 
Bücher edirt und verkauft haben. 

Ja, es scheint, dass seine Ausgaben in der griechischen 
Litteraturgeschichte Erwähnung verdienen. 

Harpocration nämlich beruft sich mehrmals auf die 
Autorität der ^uixTLKiavä ävziyQatpa. Nach H. Sauppe ^) 
ginge der cod. Par. — des Demosthenes auf jene Recension 
zurück. 

Wir lesen z. B. bei Harpocration 2): yydvelovaa yä() ro^ 
vojiiov TOVTOv F.XBLQOiovriöBv avzfj^^ /irifxood'avrjg ev tö xa«^ 
IdvdQOTUovog cpriolvf daaq)Cüg ä* avzov k'xovTog %al sXXiTtoJg 
älXoi alXwQ e^yjyovvrai, iv de xdlg lt4TTLy,iavo7g dizzi] rjv 
ygccq^Tj, rj fxev ovzcog ,,av€Xovaa yaQ xbv vo/nov tovtov a%. 
avxfi^^, f) de alkrj y^aveXotaa yag xov voixov tovtov exeiQO- 
Tovrioe Xaßovoa eytelvov avirj,^^ 

Die Subscription der codd. B und F v. Dem. am Ende 
der loyoL WikinTttycoi, speciell die Rede ngög emaToXrjv 
(DiXinnov lautet: duoqd'ioTai and ovo I^tt r/,iav(3v, welche 
zwei Copien also auch nicht vollkommen den gleichen Text 



*) epist. crit. p. 49 sq. 
2) 19, 24. 



32 

boten. Ebenso werden betreffend Aeschines die l^zTimavci 
zweimal citirt^). 

Endlich redet Galen in seiner Schrift Tiegt xwv ev rw 
Tifialoj laTQiTitdg 6lQrjf.iev(x)v^) ausdrücklich von einer Aus- 
gabe jener ^u^TTixiava. Nachdem er die Stelle in Platon.'s 
Timaeus 77, c: dia tö zr^g v(p kavrov ycLviijascüg besprochen 
hat, erklärt er: aurri fiiv r; i^rjyrjalg (lioi yeyove xaza ttjv 
Twv lAxTrAiavcov avTiygdfffiJv eKdooiv. 

So sind Atticianische Abschriften von Demosthenes (g. 
Androtion), Aeschines, Piaton (Timaeus) in mehreren, mit- 
unter von einander abweichenden Exemplaren constatirt, 
desgleichen eine Ausgabe derselben. 

Wir haben es hier nicht mit einer einmal vorhandenen 
Recension zu thun, sondern mit einer Familie von Exem- 
plaren, welche sämmtlich als ^^zriynava bezeichnet werden ^). 

L^Tzrtxtai'og ist Ableitung von Ldfrrt/og. 

Wer ist nun dieser i^TTixog? 

Schon Hemsterhuis ^) hatte zu den Worten des Har- 
pocration zwei Stellen aus Lucian's Schrift ngog tov 
anaidevzov verglichen. 

„Du meinst", redet Lucian den Büchernarren am Anfange 
seiner Schrift an, „es gehöre zur Bildung, recht viele Bücher 
zusammen zu kaufen. Allein gerade dadurch zeigst du 
deine aTiaidevaia. Du bist ein Fund für Fälscher und ein 
Schatz für Bücherkrämer; tj nod-ev yäg aoi diayviovat 
dvvaxovj TLva fniv nalaia y,al noXlov a^ta, riva de q>avka 
Y.al aXXwg aangd, el fxri zqi ÖLaßeßqwod-aL aal xaTaxfixogp^at 
avTcc TenfiaiQoco xal ovfxßovlovg Tovg oeag eni T'qv i^sTaatv 
TtaQaXa/ißaveLg, enel tov dxQcßovg rj xov datpal^ovg ev avTolg 
zig 7j Tiola didyvtoaig; %v(x de aot dw avzä exelva TtexQcxevai^ 
ooa 6 Kallivog ig y,dlXog tj 6 doidi^og ldxTiy.bg övv e/rt- 
fxeXeia i ~ ndarjyQaifjaieVy aol ti o(pelog, w d-avfxdoce . . . 

1) Harpocr. 32, 15. Zu de falsa leg. § 99. ib. 99, 2. Zur Ktesi- 
phontea § 122. 

2) Bei Ch. Daremberg fragment du commentaire de Galien sur 
Timee, Paris 1848 p. 12. 

3) Die Demosthenesausgabe speciell kann Dionysius vonHali- 
carnass nicht benutzt haben. Dies ist erwiesen von W. Christ in sei- 
nem Aufsatz: Die Atticusausgabe des Demosthenes. Abh. der bair. 
Acad. Philos.-philol. Kl. XVI, 3. Abth. p. 153—235 (d. J. 1882). 

*) anecd. I, 24, nach ihm Schneidewin Philol. III, p. 126 sq. 



33 

Callinus und Atticus gehören in frühere Zeit. Beide 
werden als Urheber alter, guter Abschriften erwähnt. Dem 
ersten gehört das Attribut Tidllog, dem zweiten wird 
eTiifieleta ij näaa zugeschrieben. 

Speciell zu /mIIoq stimmt das sonst unbedeutende 
Scholion z. St. /.aXlcyQdfpot ovtol ysyovaoiv agiazni. 

§ 24 der gleichen Schrift werden wiederum die ßißlLo- 
y()aq)oi Callinus und Atticus genannt. 

Wir haben einerseits einen doiöifxog l^zrixog, welcher 
T^ naoji S7tLf,i6k€i<f Abschriften besorgt; andrerseits einen 
l^TTi}i6gy der im Verein mit dem Kalligraphen Callinos ßi- 
ßXioyQaq)og genannt wird. Vorerst wollen wir uns hüten, auf 
den Umstand allzu grosses Gewicht zu legen, dass Atticus 
als Bibhograph auftritt. Es wird unter diesem Ausdrucke 
nur seine Urheberschaft, nicht seine constante eigenhändige 
Bethätigung bei der Publication zu verstehen sein. 

Dieser Mann ist berühmt, dolSi/nog, Er gehört einer 
früheren Periode an. Darauf macht Christ mit Recht auf- 
merksam. Wie könnten sonst Motten {ahg, öLcpvai) als An- 
zeichen eines Atticusbuches angeführt werden? 

Ist dieser ^u4iTLx6g identisch mit T. Pomponius Atticus? 
Birt ^) nimmt ohne weitere Beweise einfach die Identität an. 
Frühere verneinten die Identität, um nicht Lucian „einer 
gröblichen Unwissenheit" zu zeihen (Christ). Man behauptet, 
Lucian hätte den Römer T. Pomponius Atticus genauer be- 
zeichnet als mit dem blossen Namen if^zriKog. 

Bei den Römern hiess er einmal schlechtweg Atticus 
(so bei Fronto); eine Uebertragung dieses Sprachgebrauches 
ins Griechische lässt sich nicht abweisen; sie liegt vor in 
Plutarch, der T. Pomponius Atticus mehrfach schlechtweg 
l^iTixog nennt 2). 

Davon abgesehen aber, glauben wir, Hessen sich die 
Ausdrücke Lucians doiöifiog l^zTiKog, ßißkioyQdcpog auf fol- 
gende Weise erklären. Atticianische Ausgaben von Klas- 
sikern waren in Umlauf, bemerkbar und ausgezeichnet durch 
Sauberkeit, Correktheit der Ausfuhrung — und durch gute 



p. 284. 

2) So Brut. XXIX. Cicer. XLV. 



34 

Textesrecension; dies halten wir fest trotz der Kleinigkeiten, 
welche Schneidewin gegen diesen Punkt aufgebracht hat. 

Diese Exemplare waren entweder ausdrücklich bezeich- 
net als lATTiKtava oder sie verdankten diesen Namen einer 
mündlichen Tradition. Das Epitheton l<4TTiKcava trennte 
sich im Laufe der Zeiten von der Person des T. Pomponius 
Atticus. Man vergass, dass er der Freund des Cicero ge- 
wesen war, und sah in jenem l^TTinog bloss noch den Editor 
der guten Ausgaben, welche man vor Augen hatte. Schliess- 
lich wurde er einfach ßißXioyQacpog genannt. Eine Reminis- 
cenz an die historische Persönhchkeit mag in der Bezeich- 
nung äoldifxog liegen ^). 

Somit gewännen wir festen Boden fiir jene *^tt ixiava^ 
die nicht vereinzelt erscheinen, sondern eine Klasse von 
Abschriften bilden. Sie werden mehrfach als Autorität an- 
gerufen. Ausserdem wäre diese Nachricht mit der Aeusse- 
rung des Lucian in Einklang gebracht. Wir denken nicht, 
Atticus habe selbst die Autoren, welche er edirte, kritisch 
behandelt, in der Weise der Alexandriner, oder wie C. Octa- 
vius Lampadio, Valerius Probus ^ und jene Litteraturfreunde 
des 4., 5., 6. Jahrhunderts n. Chr., denen wir die dem Mittel- 
alter überlieferten Texte meistens verdanken^). 

Er wusste sich gute Texte zu verschaflFen und theilte 
sie in seinen Ausgaben dem Publikum mit. Darin lag sein 
Verdienst. 

Eine Frage, die sich hier anreiht, ist, ob und wie weit 
Tiro Cicero's Editor war. 6. Boissier^) spricht geradezu 
von „Tiron et Atticus les deux editeurs de Ciceron". 

Diese Behauptung lässt sich in strengem Sinne nicht 
halten. In seinen Briefen an Tiro^) spricht Cicero wenig 
von Büchern. Er nennt seinen Freund den ytavcov seiner 
Schriften 6). Tiro stand ihm in seinen Studien bei. Doch 

1) Analogien fehlen in der Neuzeit nicht. Man spricht von der 
Cottaischen Ausgabe von Schiller's Werken — und denken die aller- 
wenigsten mehr daran, dass Cotta Schiller's guter Freund war. Er 
ist nur noch der Buchhändler, Verleger. 

2) Suet. de gramm. 2, 24. 

3) Vgl. Wattenbach, Schriftwesen des MA. p. 270 sq. 

4) recherches p. 27. 

5) ad fam. XVI. 

6) ib. XVI, 17. 



35 

nirgends nur eine Andeutung davon, dass Tiro irgend etwas 
ediren sollte. 

Quintilian erwähnt ihn nur als fraglichen Sammler und 
Herausgeber der joci M. Tullii *). Bei Gellius werden wie- 
derholt tironische Ausgaben von Cicero's Schriften (Reden) 
genannt und benutzt. Wir lesen unter anderem folgendes 2): 
hoc enim scriptum in uno atque altero antiquissimae fidei 
libro Tironiano repperi. — In oratione quinta in Verrem, libro 
spectatae fidei, Tironiana cura ac disciplina facto. Beidemal 
handelt es sich um die fünfte Verrina. Andre Werke des 
Cicero, wie die rhetorica, führt Gellius ohne weiteres an. 
Es ist bei ihm RegeP). 

Aus der Specialausgabe citirt er bloss, wo es sich um 
eine kritische Schwierigkeit handelt. Andrerseits wird Tiro 
nur immer als der Mann genannt, der diligentissimus et 
librorum patroni sui studiosissimus, und sein adminiculator 
et quasi administer in studiis litterarum war^). Er ver- 
wendet alle Sorgfalt auf correkte Gestaltung des Textes 
und stellte sich eigene Exemplare her, welche nachher ge- 
sucht waren. 

Er mag nach Cicero's Tode die Herausgabe einzelner 
inedita besorgt haben. Verleger und Buchhändler wie Atticus 
war er in keinem Falle. Die ciceronischen Schriften, die er 
zur Publication zubereitet hatte, übergab er vermuthlich der 
Officin des Atticus. 

Die nächste uns bekannte Persönlichkeit in der Ge- 
schichte des römischen Buchhandels führt uns bereits in die 
Kaiserzeit. Unter dem ersten Imperator nahm die Litteratur 
den erfreulichsten Aufschwung. Dies bewirkte natürlich auch 
die Entwicklung der Publicationsmittel. Für den Buchhandel 
können wir ohne üebertreibung annehmen, dass er sich An- 
fangs der Kaiserzeit vollständig entwickelt hatte. Dieser 
Faktor ging mit der litterarischen Blüthe Hand in Hand. 

Vergil's Aeneis wurde durch Varius und Tucca edirt. 
Diese Nachricht ist so zu verstehen, dass das Manuscript 



1) I. 0. VI, 3, 3. 

2) n. a. XIII, 21, 17 und I, 7, 1. 

s) cf. den orator in n. a. XV, 3. Brutus in XII, 2, 4; XI, 2, 4. 
4) XV, 6, 2 und VI, 3, 8. 



36 

einem Buchhändler zur Vervielfältigung und Verbreitung 
übergeben wurde. 

Horaz spricht mehrmals von seinem Buchhändler. Es 
waren die Brüder Sosii. Sie machten fürwahr keine schlech- 
ten Geschäfte. 

Vertumnum Janumque, liber, spectare videris, 
Scilicet ut prostes Sosiorum pumice mundus, 
so redete Horaz ^) sein erstes Buch Episteln an. 

Die Sosii wohnen in der Nähe des Janusdurchgangs, 
im vicus Tuscus^). 

Seneca ^) erzählt von einem librarius Dorus, welcher als 
emptor die Werke Cicero's beanspruche, dieselben sein nenne. 
Dieser Dorus mag ^) den Verlag der ciceronischen Schriften 
käuflich von Atticus oder seinen Nachkommen erworben 
haben. Wir begnügen uns mit der Annahme, dass er die 
Originalexemplare des Atticus sich angeeignet hatte. 

Derselbe Buchhändler hatte auch die Geschichte des 
Livius im Verlag^). 

Quintilian lebte in alltäglichem Verkehr mit seinem 
Verleger Tryphon^) und gab seine Institutio oratoria auf 
dessen dringendes Bitten heraus. Der citirte Brief zeigt 
deutlich, dass Tryphon dem Quintilian ein lieber und weither 
Freund war, den er je wissen liess, woran er arbeitete^). 

Derselbe Mann war auch Verleger Martial's^). Ausser- 
dem waren Martial's Epigramme in mehreren Läden zu 
haben, so bei Secundus, dem Freigelassenen des Lucensis ^), 
bei Atrectus ^^). Q. Valerianus Polius verlegte die Jugend- 
gedichte. 



1) ep. I, 20, 1 sq. 

2) Auf ihre Taberne ist hingewiesen sat. I, 4, 71. cf. ep. II, 3, 345. 

3) benef. VII, 6. 

4) So Th. Birt, ant. Buchw. 358 n. 2. 

5) Senec. ib.: sie potest T. Livius a Doro accipere aut emere 
libros suos. 

6) Efflagitasti cotidiano convicio ut . . . Bp. ad Tryph. 

7) ep. ad Tryph. : Nam ipse eos nondum opinabar satis maturuisse 
quibus componendis, ut scis, paulo plus quam biennium tot alioqui 
negotiis districtus impendi. 

8) Mart. IV, 72; XIII, 3. 

9) I, 2, 3. 
lOj I, 117. 



37 

Wir werden später untersuchen, wie sich diese vier 
Buchhändler unter einander und zum Autor (Martial) ver- 
hielten. Man könnte diese Untersuchung streng genommen 
schon hier vornehmen. Doch bildet sie einen Ring in einer 
Kette von Erörterungen, welche wir im 3. Abschnitt über 
das Verhältniss zwischen Autor und Editor geben werden. 
Die betreffende Untersuchung ist ganz specieller Natur und 
wäre, hier angebracht, aus ihrem Zusammenhang losgerissen. 

Einen Buchhändler Demetrius fuhrt Athenaeus ^) an, der 
sich unserer Kenntniss ganz entzieht; ebenso der inschrift- 
lich constatirte bibliopola Marcus Ulpius Dionysius^). 

üeber die Orte in Rom, wo der Buchhandel am regsten 
war, geben uns besonders Horaz, Martial und Gellius Auf- 
schluss. 

Wo die Sosii wohnten, ist schon oben gesagt worden. 
Martial's Epigramme wanderten in die Buden am Argiletum ^), 
beim templum Pacis*), auf dem forum Palladium. Später 
scheint sich der Buchhandel in den Sigillaria concentrirt 
zu haben ^). 

Der Buchhändler verstand es, seinen Laden recht auf- 
zuputzen. Auf dem Ladentisch waren die Novitäten aus- 
gestellt. Die Passanten, der Bibliophil wie der schlichte 
Bürger, sahen sich die Sachen an; es wurde disputirt und 
kritisirt. An den Thürpfosten oder an den Säulen, wenn 
eine Porticus da war, waren die Titel der erschienenen 
oder erscheinenden Bücher angeschlagen ^). Man konnte die 
Liste leicht durchfliegen und forderte vom tabernarius z. B. 
ein Exemplar von MartiaP). 

Contra Caesaris est forum taberna 
Scriptis postibus hinc et inde totis, 
Omnes ut cito perlegas poetas. 



XV, 15. 

2) Fabretti X, 3S6 (von Schmitz citirt); auch bei Orelli 4154. 

3) I, 117. 
') I, 2, 3. 

6) Gell. V, 4, 1. 

6) Hör. sat. I, 4, 71 (pilae); ep. II, 3, 373 (columnae); Mart. I, 
117, 11 (postes). 

7) I, 117, 10 sqq. 



38 

15 de primo dabit alterove nido 

rasum pumice purpuraque cultum 
Denaris tibi quinque Martialem. 

Der Buchhändler hat also auf Fächern seinen Vorratli 
geordnet. Auf den ersten (obersten) liegen beliebte Artikel, 
die Tagesneuigkeiten: so Martial's Epigramme in zierlichem 
Einbände. Wenig verlangte Werke liegen tiefer und tiefer, 
oder im Hintergrund. Martial beansprucht in der Bibliothek 
eines Freundes nur den untersten Platz ^) : 

hos nido licet inseras vel imo. 

Es ist kein Grund, anzunehmen, dass jeder tabernarius 
seinen eigenen Verlag hatte oder gar nur seine eigenen 
Verlagsartikel vertrieb. Im Gegentheil. Wir haben schon 
oben Sortimentsbuchhändler constatirt, welche eine Anzahl 
Exemplare auf Commission übernahmen und verkauften. 

Mit dem Laden stand wohl gewöhnlich die Officin in 
Verbindung. Unter Umständen mag beides in einem Raum 
vereinigt gewesen sein. 

Das Personal einer Buchhändlerofficin theilte sich — 
dies bringt die Natur der Sache mit sich — in zwei Haupt- 
klassen von Arbeitern. Es bestand aus Sklaven, welche be- 
schäftigt wurden: 

1. mit Abschreiben, 

2. mit Einbinden der Rollen. 

Die ersten, die eigentlichen librarii, mussten natürlich 
eine gewisse Lehrzeit durchgemacht haben. Es kam ja sehr 
viel darauf an, ob der BibUopola gutgeschulte, sorgfaltige 
Arbeiter hatte. Atticus hatte sich die seinigen selbst gebildet. 

Nicht so wichtig und leichter war die Arbeit der Glu- 
tinatores, welche die Rollen „einbanden". Sie leimten die 
Blätter zusammen, befestigten die Rollstäbchen (umbiHci), 
polirten (modern „tranchirten*') die fertigen Rollen und ver- 
sahen sie mit index und membran. 

Freilich fallt vielleicht — so wird wenigstens von wohl 
unterrichteter Seite behauptet — ein gut Theil dieser Ar- 
beiter in die Buchfabrik 2). 



VII, 17, 5. 

2) Wir verweisen hierüber auf den ersten Excurs im 4. Abschnitt. 



39 

Nach diesen Vorbemerkungen fragen wir: 
Wie geht die Edition eines Werkes vor sich? 

Unsere Betrachtung theilt sich von selbst in zwei Ab- 
schnitte, deren erster die Vervielfältigung, und deren zweiter 
die Verbreitung des Buches zum Gegenstand haben wird. 

Alle Abschreiber werden ans Werk gesetzt. Doch wel- 
ches ist das Verfahren bei der Vervielfältigung; nach welchem 
System werden die Hunderte von Abschriften hergestellt? 

In früherer Zeit, bei kleinen Buchhändlern, bei Heraus- 
gabe von weniger ziehenden Schriften, wird man Exemplar 
um Exemplar abgeschrieben haben. 

Freilich wird diese Art der Vervielfältigung für die ge- 
steigerten Bedürfnisse der Kaiserzeit nicht mehr genügt 
haben. Man soll dann das Schreiben nach Diktat eingeführt 
haben: dies die herkömmliche Annahme. So konnten aller- 
dings eine grössere Anzahl von Exemplaren gleichzeitig ver- 
fertigt werden und es war die Möglichkeit einer schnelleren 
Publication gegeben. 

Immerhin ist uns keine bestimmte Nachricht über An- 
wendung und Bevorzugung des einen oder anderen Systems 
erhalten. Wir wissen, streng genommen, nicht, ob das zweite 
wirklich je Aufnahme fand. 

In der Correspondenz des Cicero kommt für die Thätig- 
keit des eigentlichen „Abschreibens" nur ein Ausdruck vor: 
describere ^). Describere bedeutet Abschreiben; nicht „nach 
Diktat schreiben" 2). Ein andrer terminus findet sich nicht. 

üebrigens wird nirgends, meines Wissens, auf jene 
zweite Art der Vervielfältigung nur angespielt. Wir haben 
keine Andeutung davon, dass in der Buchhandlung mehrere 
Exemplare zu gleicher Zeit nach Diktat verfertigt worden 
seien. Auch setzt dieses System eine gründlichere Bildung 
des Schreibers voraus. Für die Correktheit der Abschriften 
war aber auch dann im besten Fall nur annähernd gesorgt. 

Darum bezweifeln wir, dass das Schreiben nach Diktat 
im alten Rom je in Anwendung gekommen sei. 

Wurde Bogen um Bogen vollgeschrieben, so konnte die 
Zahl der beschäftigten Schreiber leicht vermehrt werden. 



1) ad Att. XIII, 13, 1. 21, 4 b. — trans scribere Plin. ep. IV, 7, 2. 

2) Eine Uebertragung Hesse sich immerhin denken. 



40 

Man brauchte nur die Originalrolle in scapi^) zu zerschnei- 
den. Dann konnten, je nach den Umständen, 5, 10, 15 
librarii gleichzeitig an einem Exemplar arbeiten. Die Zahl 
der Abschreibenden konnte mit der Vermehrung der Ab- 
schriften verdoppelt und verdreifacht werden. So ging die 
Arbeit von Statten und in verhältnissmässig kurzer Zeit 
waren zahlreiche Exemplare fertig geschrieben. Da setzten 
die Glutinatores ein. 

Noch weniger Anhaltspunkte bieten uns die Quellen für 
die Lösung einer weiteren Frage: 

In wie viel Exemplaren wurde das zu edirende Werk 
abgeschrieben? wie stark pflegten Auflagen zu sein? 

Eins ist sicher. Wir dürfen unseren modernen Begriff 
„Auflage" nicht ohne Weiteres auf das antike Buchwesen 
übertragen. Unsere Art, ein Buch zu publiciren, ist ja so 
grundverschieden von derjenigen der Alten. Andrerseits 
haben wir schon oben davor gewarnt, unter Edition den 
allmählichen Uebergang einer Schrift aus den Händen des 
Autors und seiner Freunde in diejenigen des grossen Publi- 
kums zu verstehen. 

Doch, wie gesagt, wir haben über diesen Punkt keine 
massgebende Nachricht. In den zahlreichen Berathungen 
zwischen Cicero und Atticus wird nie die Frage aufgeworfen 
oder nur berührt: wie stark soll die Auflage sein, wie viele 
der Abschriften? 

Wir wissen nichts von einem Vertrag, der, wie heute, 
die Zahl der Exemplare bestimmt hätte. 

Wir können kaum fehl gehen, wenn wir aus diesem 
Umstand folgern, dass eben dieser Punkt für den römischen 
Autor die Wichtigkeit nicht hatte, die er heutzutage hat. 

Uebrigens war es die Sache des Buchhändlers, je nach 
den Umständen eine kleinere oder grössere Ausgabe zu ver- 
anstalten. Der betreffende Entschluss hing gewiss sehr von 
der Aufnahme ab, die das Buch fand, und, um dies zu er- 
fahren, musste man zunächst mit einer beschränkten Zahl 
von Exemplaren den Boden sondiren. 



^) üeber diesen terminus ist der 1. Excurs im 4. Abschnitt zu 
vergleichen. 



41 

Ein einziger Fall bietet uns Zahlen — und zwar nur 
eine Zahl. 

Regulus liess den Nekrolog seines früh verstorbenen 
Sohnes in 1000 Exemplaren verbreiten ^). Mag man auch 
aus dieser Angabe keinen allgemeingültigen Massstab ent- 
nehmen — es ist für Erklärung der Zahl 1000 jedenfalls 
auch die tiefe Trauer des Vaters in Rechnung zu bringen — 
80 gibt sie uns doch einen Begriff von der Sache, nach 
welcher wir suchen. 

Um ein Libell einigermassen unter die Leute in Stadt 
und Provinz zu bringen, bedurfte es nicht weniger als 1000 
Exemplare. Und wenn Martial uns wiederholt bezeugt, dass 
seine Gedichte in alle Welt herumkamen 2), so ist für eine 
Auflage derselben die Zahl von 1000 Exemplaren kaum zu 
hoch gegriffen. 

Cicero wirft einmal dem Atticus vor^), frühzeitig ein 
Exemplar abgetreten zu haben. Es musste eben zuerst eine 
gewisse Anzahl (etwa 100) von Abschriften fertig sein. Erst 
dann konnte der Vertrieb des Buches beginnen. 

Auf eine nicht zu kleine Quantität von Exemplaren 
lässt jedenfalls eine Aeusserung Cicero's schliessen ^) : da 
igitur quaeso negotium Pharnaci, Antaeo, Salvio, ut id nomen 
ex Omnibus libris toUatur. Wenn man zur Tilgung eines 
einzigen „Druckfehlers** 3 librarii ans Werk setzen muss, 
so setzt dies schon eine bedeutende Zahl von Abschriften 
voraus. 

Dass Schreibfehler vorkommen mussten, ist natürlich. 
Manch einer der librarii mag nicht alle nöthige Bildung 
gehabt, nicht alle Sorgfalt angewendet haben. Ein Schreiber, 
der das Unglück hatte, denselben Fehler wiederholt zu 
machen, wurde bestraft: 

Ut scriptor si peccat idem librarius usque, 
Quamvis est monitus, venia caret^). 



^) Plin. ep. IV, 7, 2 eundem (librum sc.) in exemplaria mille 
transscriptum per totam Italiam provinciasque dimisit. 

2) cf. VIII, 61, 5: spargor per omnes Roma quas tenet gentes. 

3) ad Att. Xni, 21, 4. 

4) ad Att. Xm, 44, 3. 

* Hör. ep. II, 3, 354 sq. 



42 

Cicero liess die Abschriften seiner librarii nachträglich 
noch corrigiren *). 

Dem Buchhändler kann man es nicht zumuthen, dass 
er sämmtliche Exemplare einer Auflage noch hätte corri- 
giren sollen. 

Th. Birt spricht 2) von einer Correktur jedes einzelnen 
Apographums. Die Stelle, auf welche er verweist, ist aber 
nicht massgebend. Cicero schreibt nämlich an Atticus^): 
Scripsit enim Baibus ad me se a te quintum de Finibus 
librum descripsisse, in quo non sane multa mutavi, sed tarnen 
quaedam. Tu autem commode feceris, si reUquos continueris, 
ne et dävoQ&coTa habeat Baibus et ewla Brutus. Baibus 
hat ja das Buch selbst abgeschrieben; es kann sich nicht 
um das sogen. „Correkturlesen", welches an den Exemplaren 
des Buchhändlers vorgenommen wird, handeln. Cicero hatte 
an seiner Schrift noch einige Modificationen angebracht; 
diese sollte Atticus nun auch berücksichtigen. 

Bei der Publication eines Martial vollends wird es mit 
der Correktur der Abschriften nicht allzu genau genommen 
worden sein. Darum wird er öfter um die Gefälligkeit ge- 
beten, einen Band seiner Gedichte zu corrigiren*); ob frei- 
lich die zu corrigirenden Exemplare aus der Buchhandlung 
stammten, bezweifeln wir für das citirte 11. Epigramm des 
7. Buches. Wir verneinen diese Frage für folgendes Ge- 
dicht 5): 

Hos nido licet inseras vel imo, 
Septem quos tibi misimus libellos 
Auctoris calamo sui notatos: 
Haec Ulis pretium facit litura. 

Martial hat die Exemplare, die er zu Geschenken ver- 
wendete, gewiss nicht aus der Buchhandlung bezogen. 

Noch heute kommt es vor, dass, wenn der Druck schon 
vollendet ist, nachträgliche Correkturen angebracht werden. 

In gleicher Weise lässt Cicero®) eine „Verbesserung**, 



') ad Att. Xm, 23, 2. 

2) Ant. Buchw. p. 355. 

3) xm, 21, 4. 
*) VII, 11, 17. 

5) Vn, 17; cf. V. 5 sqq. 

6) ad Att. XII, 5, 3: hunc igitur locum expedies. 



43 

die er auf Atticus Rath vorgenommen hatte, wieder be- 
seitigen. Ein andres Mal^) fragt er seinen Freund etwas 
schüchtern, ob er Zeit hätte, den Orator durchzulesen 2). Er 
möchte den Namen „Aristophanes*' an Stelle von „Eupolis** 
setzen. Es handelt sich um einen falschhch dem Eupolis zu- 
geschriebenen Ausspruch^). — Schon bekannt ist die Ge- 
schichte vom Prooemium zum 3. Buche der Academica*). 

Bisweilen kommen solche Wünsche zu spät. Das Buch 
ist bereits dem Publikum übergeben ^). 

Wir erinnern uns an das Bild des Buchhändlerladens, 
welches oben skizzirt wurde. Wenn eine Novität erschien, 
dann wurde der Titel und Preis derselben durch Anschlag 
bekannt gemacht. 

Für den Vertrieb der Exemplare bedient sich der Ver- 
leger der Sortimentsbuchhändler. 

Der Verleger ist verpflichtet, nachträgliche Correkturen 
auch in den Lagerexemplaren seiner tabernarii besorgen 
zu lassen^). 

Doch das Buch durchwandert Italien, gelangt nach 
Griechenland, wo ein ausgebildeter Buchhandel seine Ver- 
breitung auf griechischem Boden bald fordert^). 

Dass litterarische Erscheinungen der Kaiserzeit ihren 
Weg über das ganze Reich fanden, ist eine uns mehrfach 
bezeugte Thatsache. Horaz weissagt guten Büchern, dass sie 
über das Meer kommen werden^): 

hie (liber) et mare transit 
Et longum noto scriptori prorogat aevum. 

Martial nennt sich gleich im Anfang des ersten Buches 
toto notus in orbe^). Er rühmt sich, dass man ihn in Bri- 
tannien, Germanien, Gallien lese ^'•). 



1) ib. 6, 3. 

2) Zu beachten, dass Atticus das ganze Buch durchlesen muss, 
um dem Fehler auf die Spur zu kommen. 

3) Cic. or. c. 29. 

^) ad Att. XVI, 6, 4. 

5) Aehnliches finden wir ad Att. XIII, 20, 3. 

6) Cic. ad Att. XII, 6, 3. 
') Cic. ad Att. II, 1, 2. 

8) ep. II, 3, 346. 

9) cf. V, 13, 3: sed toto legor orbe frequens. VIII, 61, 3: non 
jam quod orbe cantor et legor toto. ^^) XI, 3. 



44 

Es klingt allerdings anders, wenn Horaz seinen liber^) 
gerade mit der Drohung von der Edition schrecken will, er 
werde, wenn Rom seiner satt sei, in die Provinz weg- 
geschickt werden: 

V. 10 Carus eris Romae, donec te deserat aetas 
Contrectatus ubi manibus sordescere volgi 
Coeperis aut tineas pasces taciturnus inertes, 
Aut fugies Uticam, aut vinctus mitteris Ilerdam. 

Daraus folgt nicht etwa, dass man bloss abgenutzte 
Exemplare in die Provinz versendete. Aber auch die An- 
nahme, dass die Provinzen mit dem gespeist wurden, was 
die Hauptstadt nicht kaufte und las, ist nicht begründet 2). 

Aus der horazischen Stelle lässt sich bloss so viel ent- 
nehmen, dass von Werken, welche in Rom keinen Absatz 
mehr fanden, die restirenden Exemplare in die Provinz ab- 
geschoben wurden. Doch heisst das, dass die Provinzen 
überhaupt mit dem gespeist wurden, was Rom nicht mehr 
wollte? 

Wie könnte dann Horaz einem guten Buche nachrufen? 

hie et mare transit. 
Wie würde Martial sich rühmen können, dass er in aller 
Welt gelesen wird? 

Nein! Werke, welche für das grosse Publikum nicht 
mehr zogen, trat man zu reducirten Preisen der Provinz ab. 
Zeitgemässe Publicationen aber erhielt die Provinz gewiss 
nicht lange nach der Hauptstadt. Den Versand seiner Ge- 
dichte deutet Martial öfter an^). 

Der Verleger versendet Exemplare nach den Provinzen, 
natürlich an Mittelpunkte, wo sich das geistige, litterarische 
Leben der Hauptstadt wiederspiegelt. Dort waren auch 
Buchhändler etablirt, welche unter Umständen für ihre 
Gegend den weiteren Verlag besorgen konnten. Plinius 



1) ep. I, 20. 

2) Diese Ansicht vertritt z. B. Friedländer, Sittengesch. III, 300. 
Milder ist der Ausdruck bei Th. Birt p. 362 gewählt: «die überschüs- 
sigen Exemplare von Werken, die in der Hauptstadt aus der Mode 
waren, wanderten in die Provinzen." 

3) XII, 3: ad populos mitti qui nuper ab urbe solebas. Ibis, io, 
Romam nunc peregrine liber. cf. VIII, 61 sq. 



45 

berichtet ^), dass in Lugdunum mehrere Buchhändler waren, 
welche seine Werke verkauften: Bibliopolas Lugduni esse 
non putabam ac tanto libentius ex litteris tuis cognovi 
venditari libellos meos, quibus peregre manere gratiam quam 
in urbe collegerint delector. Ebenso musste auch in Vienna 
ein lebhafter Buchhandel sein, wenn dort Jedermann Mar- 
tial's Epigramme las^); 

Fertur habere meos, si vera est fama, libellos 

Inter delicias pulchra Vienna suas. 

Me legit omnis ibi senior juvenisque puerque. 



1) ep. IX, 11, 2. 

2) Mort. VII, 88. 



in. Das Yerhältniss zwischen Antor nnd 

Edltor. 

Aut prodesse volunt aut delectare poetae, 
Aut simul et jucunda et idonea dicere vitae. 

Hör. 

Wir haben gesehen, wie der Autor arbeitet; seine 
eigenen Mittheilungen haben uns gestattet, einen Blick in 
seine schriftstellerische Thätigkeit zu werfen. Hernach haben 
wir gesucht, über die Functionen des Buchhändlers, über 
Entwicklung und Ausbildung des römischen Buchhandels 
möghchst ins klare zu kommen. Wir haben uns dadurch 
gewisser Thatsachen versichert. Es bleibt uns noch zu 
untersuchen, wie sich Autor und Verleger, der Schriftsteller 
und der Buchhändler zu einander verhielten. Wir präcisiren 
die Frage: 

War das Verhältniss zwischen Autor und Verleger 
ein contraktliches? Bezog der Autor ein Honorar 
für die Werke, die er ediren Hess? Wenn ja, in 
welcher Form wurde ihm dieses Honorar entrichtet? 

Wir Modernen sprechen von Verlagsrecht. Wir ver- 
stehen darunter die ausschliessliche Berechtigung, ein Er- 
zeugniss der Wissenschaft oder Kunst zu vervielfältigen und 
in den Handel zu bringen. Die Form, in welcher das Ver- 
lagsrecht im praktischen Leben figurirt, ist der Verlags- 
vertrag. 

Durch denselben erwirbt der Autor das Recht, den 
Druck und die buchhändlerische Verbreitung des Werkes 
zu verlangen. Der Verleger hingegen ist einzig berechtigt 
zur Vervielföltigung des Werkes und zum Vertrieb der 
Exemplare. 

Der Contrakt setzt ausserdem fest, ob eine Honorirung 
stattzufinden habe und wie hoch der Betrag derselben sein solle. 



47 

Gesetzliche Bestimmungen über diesen Gegenstand zu 
geben, war erst der neuesten Zeit vorbehalten. Es sind 
aber auch jetzt noch nicht alle civilisirten Länder damit 
beglückt. 

Die Veranlassung zur Anerkennung des Verlagsrechts 
bot eigentlich erst die Erfindung der Buchdruckerkunst. 
Weder Alterthum noch Mittelalter kannten ein Rechtsver- 
hältniss zwischen Autor und Verleger. 

So lange das Abschreiben das einzige Mittel der Bücher- 
verbreitung war, konnte von Schutz des litterarischen Eigen- 
thums keine Rede sein. Denn dieses Mittel, sich ein Buch 
anzueignen, war Jedermann an die Hand gegeben. 

Diese Art der VeröflFentlichung war eine langsame, kost- 
spielige und eignete sich nicht für Speculationen. Erst die 
Buchdruckerkunst gewährte dem Autor ein leichtes Mittel, 
aus seinen Werken materiellen Nutzen zu ziehen, indem er 
dieselben zur Publication einem Verleger gegen Honorar 
übertrug. 

Erst dann wurde das Bedürfhiss einer Regulirung dieses 
Verhältnisses zwischen Autor und Verleger empfunden 
Diesem Bedürfniss entsprechen die modernen Gesetze über 
Verlags- und Autorrecht. 

Man kann also, allgemein betrachtet, im römischen 
Alterthum von Verlagsrecht im juristischen Sinne des Wortes 
nicht reden. 

Immerhin liesse sich denken, dass der Autor mit dem 
Verleger sich über gewisse Punkte privatim vereinbarte, 
dass z. B. der Verleger dem Autor Honorarzahlung leistete. 

Wir wollen näher zusehen. Unser Urtheil wird sich 
einzig nach den Mittheilungen der Autoren selbst richten. 

Die aufgeworfene Frage ist von jeher Gegenstand reger 
Aufmerksamkeit, zum Theil sogar lebhafter Debatte gewesen. 

Soviel uns bekannt, ist das Verhältniss zwischen Autor 
und Verleger an folgenden Orten, mit mehr oder weniger 
Ausführlichkeit besprochen : 

Manso, vermischte Abhandlungen u. Aufsätze. Breslau 1821 

p. 277 flF. 
A. Schmidt, Geschichte der Denk- u. Glaubensfreiheit 

p. 138 S. 
L. Preller bei Pauly, Realencyclopädie s. v. libri. 



48 

Fr. Schmitz, de bibliopolis Romanorum p. 12 f. . 
Becker, Gallus, mit Zusätzen von Bein; H. Göll. vgl. auch 
des letzteren Programm: üeber Buchhandel bei Grie- 
chen und Römern. 
Marquart, Privatleben der Römer p. 806. 
Bemhardy RLG. Note 46 (1872). 
Th. Birt, ant. Buchw. p. 343 fF. 
Nicht zugänglich war uns der Aufsatz von Riemann in 
den ^EoTia 1878 Nr. 11: negl twv ßißliwv xal ttjq öiadooewg 
avtwv TiaQa zölg dgxaioig. 

Es empfiehlt sieht nicht, die über diesen Gegenstand 
geäusserten Ansichten jetzt gleich zu classificiren und zu 
prüfen, und dann erst unseren eigenen Standpunkt zu er- 
örtern. Wir schlagen den umgekehrten Weg ein. Wir 
ziehen die antiken Quellen zu Rathe, widmen denjenigen 
Autoren, welche über ihr Verhältniss zu ihrem Verleger 
etwas haben verlauten lassen, je eine Specialuntersuchung. 
Dabei werden namentlich zwei Punkte in Betracht kommen: 

1. Sprechen die Verhältnisse im Allgemeinen für Annahme 
einer Honorirung? 

2. Finden sich Stellen vor, welche für oder gegen Hono- 
rirung sprechen? 

Die Debatte hat sich vornehmlich um Martial concen- 
trirt : so werden auch erst dort die Ansichten der Früheren 
zur Besprechung gelangen. 

1. Cicero und Atticus^). 

Varro meldete einmal dem Cicero, er wolle ihm den 
3. Theil seines Werkes de lingua latina widmen 2): Varro 
mihi denuntiaverat magnam sane et gravem ngoacptivr^aiv^) 
und die 7CQooq)(jüvrjOig geschah. Cicero wollte nicht zurück- 
bleiben und bereitete sich in aller Stille und Müsse vor, 
seinem Freunde eine Gegendedication darzureichen: avT(p 
v(^ fievQii) xal Iwl'ov schreibt er schalkhaft an Atticus *). 



*) Zahlcitate beziehen sich auf Cic. ad Att. (ed. J. C. G. Boot, 
in zwei Bänden. Amstelodami 1865). 

2) Die vier ersten Bücher waren bekanntlich dem Septimius de- 
dicii't; erst im fünften wird Cicero angeredet. 

3) Cic. ad Att. XIH, 12, 3. 

4) ad Att. ib. 



49 

Da erfuhr er durch Atticus, Varro sei ungehalten darüber, 
dass ihm Cicero keine seiner Schriften widme; er beneide 
andre, denen diese Ehre zu Theil werde. Cicero möchte 
sich daher beeilen, auf Varro's Dedication auf irgend eine 
Art zu erwidern. Cicero, den Rath äeines Freundes be- 
folgend, entschloss sich, dem Verfasser des Werkes de lingua 
latina seine damals noch ganz frischen Academica zu 
widmen, genauer, sie auf seinen Namen zu übertragen. 
Die früher in Aussicht genommene Anrede an Catulus und 
LucuUus wurde fallen gelassen i). 

Die Academica priora waren damals noch nicht zur 
Edition gelangt. Wenn das Publikum sie schon gekannt 
hätte, hätte Cicero sich wohl gehütet, jene Veränderung 
vorzunehmen. Quintilian will zwar wissen, dass die Edition 
schon geschehen war 2). 

Allein wir wissen nicht, was Cicero hätte verdammen 
soUen. Zur Umarbeitung entschloss er sich rein aus Rück- 
sicht für Varro. Quintilian kannte den Sachverhalt viel- 
leicht nicht genau. Es mögen Exemplare der Academica 
priora unter seine Augen gekommen sein, und er glaubte 
darum, sie seien schon edirt gewesen — worin er eben nicht 
Recht hatte. 

Wie die Umarbeitung geschah, sagt uns der 13. Brief des 
XlII. Buches ad Atticum: „Aus 2 Büchern habe ich 4 ge- 
macht: grandiores sunt omnino, quam erant illi, sed tamen 
multa detracta''. 

Diese libri haben nunmehr als Gesammtheit (omnino 
im Ganzen) grösseren Umfang. Diese neue Bearbeitung lag 
Cicero fertig vor, als er den citirten Brief schrieb^). Er 
muss sie erst zur Vervielfältigung an Atticus schicken. Die 
neuen Exemplare aus Atticus' Officin werden eleganter, 
handlicher, kurz besser, bequemer sein; sie versprechen 



1) XIII, 12, 3: ad Varronem transferamus . . . Catulo et Lucullo 
alibi reponemus. 

2) J. 0. III, 6, 64: et M. Tullius non dubitavit aliquos jam editos 
libros aliis postea scriptis ipse damnare sicut Catulum atque Lucullum. 

3) Libri quidem ita exierunt . . . ut in tali genere ne apud Graecos 
quidem simile quidquam. Tu illam jacturam feres aequo animo, quod 
illa, quae habes de Academicis, frustra descripta sunt; multo tamen 
haec erunt splendidiora, breviora, meliora. XIII, 13, 1. 



50 

raschen Absatz — wie Atticus sehen wird: daher das 
fut. erunt. 

Somit sind wir über die Bedenken, welche gewisse 
Commentatoren gegen den Tempuswechsel in exierunt und 
erunt erhoben, hinweg ^). 

Die Geschichte der Academica wirft ein bestimmtes 
Licht auf die Verhältnisse im Allgemeinen. 

Atticus hat bereits begonnen, ein Werk des Cicero zu 
vervielfältigen. Der Autor nun arbeitet das nämliche Werk 
nach seinem Handexemplar um und meldet es erst nach 
vollendeter Umarbeitung seinem Verleger. 

Wenn wir auch ein gut Stück dieser Ungenirtheit auf 
Rechnung der Freundschaft zwischen den zwei genannten 
Herren setzen dürfen, so liegt nichts desto weniger diesem 
Verfahren eine Thatsache zu Grunde. Cicero theilt die vor- 
genommene Aenderung seinem Verleger ohne weiteres mit. 
An Atticus, der bereits eine Anzahl Exemplare (descripta) 
von der ersten Redaction auf Lager hat, ergeht damit die 
Auflforderung, die neue Ausgabe nun an die Hand zu nehmen. 
Die descripta kann er jetzt antiquiren. Denn sie dürfen 
nicht neben der zweiten Auflage in den Handel kommen. 
Ausserdem war ja bestimmt zu erwarten, dass die neue Be- 
arbeitung bald einzig vom Publikum verlangt würde. 



1) Boot z. St. erklärt grandiores sunt durch sententiarum gra- 
vitate verborumque splendore illos quatuor priores superant, id quod 
mox dicit: multo haec erunt splendidiora. Diese Deutung von gran- 
diores liegt nicht nahe; auch zeigen die Worte: sed tarnen multa 
detracta, dass der Begriff der Quantität hier dominire. Ausserdem 
kann splendidiora nicht auf den Inhalt sich beziehen. Wie wäre sonst 
das futurum erunt zu erklären? 

Th. Birt (p. 354 n. 1) fordert den gleichen Sinn wie wir, kann 
denselben aber nicht aus dem überlieferten Text bekommen. »Un- 
möglich richtig ist, was wir zu Anfang des Briefes lesen: ex duobus 
libris contuli .... detracta. Nicht die vier Einzelbücher können jedes 
grösser sein, als jedes der zwei Einzelbücher ... Es ergiebt sich, dass 
Cicero geschrieben haben muss: grandior est syntaxis (sunt [axis] 
cf. XIII, 16, 1) omnino quam erant illi." Allerdings Cicero musste so 
schreiben, wenn grandiores sunt omnino quam erant illi wirklich be- 
deutet: jedes Einzelbuch ist grösser als jedes der zwei Einzelbücher 
— wenn omnino nicht in der Bedeutung „im Ganzen** vorkäme. 

Auch wäre die Gegenüberstellung von Syntaxis und illi auf- 
fallend. — Diese Conjectur ist sinnreich, doch überflüssig. 



51 

Atticus erleidet also Schaden. 

Wie stellt sich Cicero, der Autor, zu dieser Sachlage? 

Er tröstet seinen Buchhändler: „Lass dir es nicht zu 
sehr zu Herzen gehen; tu illam jacturam feres aequo animo. 
Es wird das Buch in seiner jetzigen Gestalt raschen Absatz 
linden und du kommst schon wieder zu deinem Geld"^). 

Les bons comptes fönt les bons amis. War nicht zu er- 
warten, dass Cicero seinem Verleger Schadenersatz leistete ? 

Ja, gewiss! wenn Atticus zu Cicero in contraktlichem 
Verhältniss stand, wenn Atticus das Manuscript, das Verlags- 
recht der Academica käuflich erworben hatte. Allein Cicero 
entschädigt seinen Buchhändler mit Trostesworten. Dieser hat 
eben das Manuscript nicht erkauft. Er trägt den Schaden 
allein, weil er den Gewinn, den die Publication abwirft, allein 
bezieht. So könnten wir sofort schUessen. Doch es genügt 
uns, die Thatsache der Nichthonorirung in diesem Falle zur 
Evidenz gebracht zu haben. 

Doch man könnte gegen unsere Auffassung einwenden 2), 
„die zu verkaufenden Exemplare seien selbstverständlich 
Eigenthum des Bibliopolen". Es wird von Th. Birt ver- 
wiesen auf Ausdrücke wie libri tui: XII, 6, 3, und illa quae 
habes de Academicis in XIII, 13, 1. 

Dass dies eine äusserliche Auffassung dieser Ausdrücke 
ist, wird der Zusammenhang sofort erweisen. 

1. XII, 6, 3: Mihi quidem gratum (est) et erit gratius, 
si non modo in libris tuis, sed etiam in aliorum per librarios 
tuos . . . reposueris. Diese Stelle ist uns bekannt. 

tui libri sind nicht specifisch »die Bücher, welche dein 
Eigenthum sind, über welche du verfügen kannst" — es 
sind „die Bücher, die du noch hast, im Gegensatz zu den- 
jenigen der tabernarii''. 



1) Bekanntlich gehört Acad. II zur ersten Ausgabe. Man könnte 
vermuthen, Atticus habe, trotz Erscheinen der 2. Ausgabe, die alten 
Exemplare anzubringen gewusst. Wir nehmen lieber an, es seien vor 
Publication der Academica bereits etwelche Exemplare durch Privat- 
mittheilung unter die Leute gekommen. Auch sonst lässt sich denken, 
dass die descripta der 1. Auflage von Atticus nicht verkauft, aber auch 
nicht vernichtet wurden. So mochten seine Erben, oder wer es sonst 
war, darüber kommen und sie verwenden. 

2) Im Sinne von Th. Birt p. 353. 

4* 



52 

2. Xin, 13, 1: tu illam jacturam feres aequo animo, 
quod illa quae habes de Academicis, frustra descripta sunt, 
illa quae habes sind nicht die Exemplare, deren Eigenthümer 
du bist — dann hätte sie ja Atticus gleichwohl verkaufen 
können — , sondern es ist „der Theil der Bearbeitung, den 
du hast, im Gegensatz zu der neuen, von der du noch nichts 
erhalten hast". 

Diese Ausdrücke haben also ganz speciellen Bezug; es 
lässt sich damit kaum etwas anfangen. Der Autor verfügt, 
nach wie vor der Edition, frei über sein Werk. Von einem 
durch Contrakt erworbenen Eigenthumsrecht des Verlegers 
kann nicht gesprochen werden. Dass die Exemplare, die 
der Buchhändler hat anfertigen lassen, ihm gehören, wird 
niemand leugnen wollen. 

Es wird ferner von Th. Birt behauptet, dass Autor und 
Verleger wahrscheinlich die beträchtlichen Unkosten an 
Papier gemeinsam trugen; jedenfalls hätten sich Atticus und 
Cicero darin getheilt. Cicero sage es ja selbst: XHl, 25, 3: 
quoniam impensam fecimus in macrocoUa, facile patior teneri. 
In ihrem Zusammenhang betrachtet, . redet aber diese Stelle 
nicht so bestimmt, als Birt will. Es handelt sich um die 
Dedication der Academica an Varro. Um diesem möglichst 
zu gefallen, hat man das Grossformat (macrocoll) gewählt. 
Cicero und Atticus haben sich den diesbezüglichen Kosten 
unterzogen. 

Ist deshalb anzunehmen, dass die ganze Auflage in 
Macrocoll erschien? War es überhaupt rathsam, solch ein 
Werk nur in grossen Eollen erscheinen zu lassen? Wir 
glauben es nicht. 

Dass man für das Dedicationsexemplar, überhaupt für 
einen Theil der Auflage (wie es heute noch geschehen mag) 
auch ein elegantes Aeussere erstrebte und zu einem grös- 
seren Format griff, ist begreiflich. Die Exemplare für das 
gewöhnliche Publikum mochten daneben sehr wohl in ordi- 
nären Rollen figuriren. Auch war die Uebertragung von 
einem Format ins andre keine schwierige Sache *). 

Es handelt sich, nach unserer Ansicht, im citirten Briefe 2) 



1) ad Att. XVI, 3, 1. 
2^ XIII, 25, 3. 



53 

um einzelne Exenoiplare und darunter das, welches dem Varro 
überreicht werden sollte. 

Cicero war es auch daran gelegen, dass Varro zufrieden- 
gestellt würde; darum hatten sich beide für ein grösseres 
Format entschieden. Auch bezog der Verleger von solcher 
Schenkung keinen Gewinn; es war also nur billig, wenn 
Cicero sich an den Kosten betheiligte, welche die Herstellung 
auf MacrocoU mit sich brachte. 

Wir können also nicht behaupten, dass Autor und Ver- 
leger, speciell Cicero und Atticus, den Ankauf des Papiers 
(der Eollen) regelmässig und für die ganze Auflage gemein- 
sam besorgten. Die für diese Behauptung beigebrachte Stelle 
genügt nicht, um uns zu überzeugen. 

Demnach erscheint es auch als unwahrscheinlich, dass 
der Autor von der Edition Gewinn hatte. Die Annahme einer 
vor der Edition geschehenen Honorirung ist von vornherein 
abzuweisen. 

Nun liesse sich fragen, ob der Autor nicht gewisse 
Procente bezog, je nach dem Erfolg, den der Buchhändler 
mit der Publication erzielt hatte. Es ist eine einzige Stelle, 
welche für diese Ansicht ins Feld gefuhrt werden kann^): 
Ligarianam praeclare vendidisti. Posthac quidquid scripsero, 
tibi praeconium deferam. 

Es sind zwei Erklärungen von vendidisti möglich. 

1. Man nimmt es wörtlich, so Th. ßirt^). Atticus hat 
die Rede pro Ligario gut verkauft; das ist dem Cicero 
Motiv, ihm in Zukunft die Veröffentlichung aller seiner 
Schriften zu übertragen. 

Diese Auffassung empfiehlt sich auf den ersten Blick. 
Sie hat den gewöhnlichen Sprachgebrauch für sich. 

Es wäre dies im gesammten Briefwechsel zwischen Autor 
und Verleger die einzige Andeutung auf ein vertragsmässiges 
Verhältniss zwischen beiden, auf pecuniären Gewinn, den der 
Autor bezog. 

Schon die Isolirung dieser Angabe will uns nicht ge- 
fallen. Ausserdem konnte Cicero dem Atticus nicht dafür 
danken, dass er die Rede so gut verkauft hatte. Der Buch- 



1) Xm, 12, 2. 

2) p. 353. 



54 

händler kann sich nur empfehlen; bloss durch Eeklame ge- 
lingt es ihm, Käufer herbeizulocken. 

Hatte Cicero nicht schon vorher seine Schriften durch 
Atticus publiciren lassen, dass er jetzt erst ihm feierlich er- 
klären sollte: du bist nun in Zukunft mein Verleger! 

Endlich kann man praeconium nicht, ohne Belege bei- 
zubringen, die Bedeutung von „Publication** zutheilen. 

Wir wenden uns zur 

2. Erklärung: vendere == venditare, empfehlen. Es 
werden für diesen Gebrauch von venditare bei Cicero zwei 
Stellen citirt: I, 16, 16 und VIII, 16, 1. 

vendere im Sinn von venditare finden wir bei Horaz ^): 
Injuste totum ducit venditque poema. 

Krüger bemerkt dazu: „Klar ist die bildliche Bedeutung 
von vendit, aus welcher sich auch auf eine ähnliche Be- 
deutung des bildlich gebrauchten ducit schliessen lässt; doch 
ist ungewiss, woher das Bild entlehnt sei." Krüger führt 
als Parallele unsere Stelle 2) an. 

Es sind zwei Erwägungen, die uns zu dieser bildlichen 
Auffassung von vendit bewegen. 

Es ist Cicero Nebensache, ob seine Werke schönen 
Gewinn abwerfen. Er kümmert sich offenbar gar nicht um 
den materiellen Erfolg seiner Schriften^). Dies schliessen 
wir aus seinem vollkommenen Schweigen über derartige 
Dinge. 

Wir glauben vielmehr, dass Cicero an genannter Stelle 
dem Atticus ein ganz andres Lob ertheilt, dass es sich um 
etwas ganz andres handelt, als um ein Buchhändlergeschäft. 

Cicero hatte für den verbannten Pompejaner Ligarius 
eine öffentliche Vertheidigungsrede verfasst^). Diese wurde, 
speciell bei Caesar, gut aufgenommen. Atticus hatte die 
Rede empfohlen, lieber diesen Erfolg freut sich nun Cicero 
und macht dem Urheber desselben ein Compliment. Wir er- 
fahren nachher wirklich, dass es sich um die commendatio 



1) ep. n, 1, 75. 

2) ad Att. Xm, 12. 

3) Wie sollte er es vollends thun bei Anlass einer oratiuncula^ 
die ohnehin nicht viel einbringen mochte! 

4) Man lese die 2 Briefe an Ligarius ad fam. VI, 13 und 14. 



55 

des Plaidoyer handelte. Man lese nur^): Ligarianam, ut 
video, praeclare auctoritas tua commendavit. Scripsit enim 
ad me Baibus [et Oppius, del Boot] mirifice se probare, ob 
eamque causam ad Caesarem iam se oratiunculam misisse. 
Hoc igitur idem tu mihi antea scnpseras. 

Zu beachten ist auch der beiden Stellen gemeinsame 
Gebrauch von praeclare. Dieses Adverb passt zum Begriffe 
„empfehlen'^ vortrefflich; während praeclare vendere „herr- 
lich verkaufen'* uns etwas befremdet. Für die Auffassung 
„vendere = empfehlen" spricht auch praeconium. Somit 
sind wir der Nothwendigkeit enthoben, in praeconium ein 
Synonym von publicatio zu suchen. 

Nach unserer Ansicht also ist die Stelle XIII, 12, 2 für 
die Entscheidung der Honorarfrage nicht zu verwenden. 

Das Verhältniss zwischen Cicero und Atticus ist ein 
freies, ungezwungenes 2). Cicero schickt seine Werke an 
Atticus. Diesem steht es frei, die Edition zu übernehmen^). 

Hat der Buchhändler einmal die Herausgabe über- 
nommen, so ist er doch immer verpflichtet, weitere Ordres 
des Autors zu gewärtigen. Der Autor verfügt noch nach 
üebergabe seines Manuscripts über sein Werk. Er bestimmt 
die Zeit, zu der das Buch erscheinen soU^). 

Der Buchhändler darf vorher kein Exemplar ab- 
geben ^). 



1) Möglicherweise war die Ligariana damals noch gar nicht edirt. 
Brief 44, 3 soll die Correktur in allen Exemplaren vorgenommen 
werden. Wohl lesen wir 20, 2 von der nämlichen Rede: est enim per- 
vulgata. Wenn darunter die Edition zu verstehen ist — dann wusste 
es niemand besser als Atticus; Cicero brauchte seinem Verleger nicht 
zu schreiben: Die Rede ist schon edirt. Pervulgare ist vereinzelt 
(divulgare XII, 40; 44). Man kann unter diesem Ausdruck auch die 
Edition in engerem Sinne verstehen. Wenn die Rede in einigen 
Exemplaren schon verbreitet war — dies konnte ohne Hülfe des Ver- 
legers geschehen — so konnte Cicero allerdings keine Veränderungen 
mehr anbringen, ohne Aufsehen zu machen. 

2) Xni, 22, 3. 

3) II, 1, 2: tu, si tibi placuerit Hber, curabis ut et Athenis sit et 
in ceteris oppidis Graeciae. XIII, 21, 4: Ea si voles statim habebis. 
Scripsi enim ad librarios ut fierit tuis, si tu velles, describendi potestas. 

*) XIII, 21, 4: ea vero continebis, quoad ipse te videam, quod 
diligentissime facere soles, quum a me tibi dictum est. 
5) XIII, 21, 4. 



56 

Der Autor seinerseits lässt durch seine librarii Ab- 
schriften verfertigen, die er nach seinem Gutdünken ver- 
wendet^). Von einem Contrakt finden wir keine Spur. 

2. Horaz und die Sosii. 

Wir wollen es Horaz nicht verargen, dass er uns über 
sein Verhältniss zu seinem Verleger fast keinen Aufschluss 
gegeben, dass er uns nirgends sagt, ob und wie viel ihm 
seine Gedichte Sesterzen eingetragen haben. Ist er doch 
der Dichter des behaglichen Lebensgenusses, dem Sucht 
nach Reichthum, wenn je einem, ganz fremd war. Auf ihn 
selbst passt daher vor allem, was er ep. II, 1, 118 sqq. vom 
Dichter aussagt: 

Hie error tamen et levis haec insania quantas 

Virtutes habeat, sie collige: vatis avarus 
120 Non temere est animus; versus amat, hoc studet unum, 

Detrimenta, fugas servorum, incendia ridet; 

Non fraudem socio puerove incogitat ullam 

Pupillo; vivit siliquis et pane secundo, 

Militiae quamquam piger et malus, utilis urbi, 
125 Si das hoc, parvis quoque rebus magna juvari. 

„Der Dichterwahn hat denn doch seine guten Seiten. Des 
Sängers Sinn wird nicht leicht habsüchtig; er liebt die 
Verse; das ist seine einzige Lust. Er kümmert sich ebenso 
wenig um materiellen Schaden als um Gewinn." Wir wollen 
uns hüten, aus diesem Dichter einen zweiten Diogenes zu 
machen. Aber auch vor dem entgegengesetzten Extrem 
warnen uns diese schönen Verse. 

Der Dichter macht aus seiner Kunst kein Gewerbe. 
Poesie ist ihm die Gottesgabe, ihm und seinen Mitmenschen 
zur Freude geschenkt 2). 

Aut prodesse volunt aut delectare poetae, 
Aut simul et jucunda et idonea dicere vitae. 

Es ist eigentlich eine einzige Stelle, wo Horaz uns 
darüber eine Andeutung giebt, wie er zu seinem Buch- 
händler stand. Wenn wir dieselbe unbefangen und in aller 



1) XII, 14, 3. Xin, 21, 5. II, 1, 2. 

2) ep. II, 3, 333 sq. 



57 

Einfalt — wie der Dichter es verdient — zu Rathe ziehen, 
so sagt sie uns zwar nicht viel, Bber gerade genug, um 
auch hier ein festes Resultat aufstellen zu können. Es sind 
die Worte ^): ^ 

Hie meret aera liber Sosiis, hie et mare transit 
Et longum noto scriptori prorogat aevum. 

,JEin gutes Buch bringt zweierlei: 1. dem Verleger Geld; 
2. dem Verfasser Ruhm", d. h. der Verfasser selbst hat von 
seinem Werk keinen materiellen Gewinn. Ihm ist die Haupt- 
sache, dass man sein Buch liest und ihn, den Autor, des- 
halb rühmt. Der Verleger dagegen, welcher die Kosten der 
Vervielföltigung und Verbreitung getragen hat, nimmt nun 
auch den Gewinn von der Publication ein. Man könnte 
einwenden, Horaz habe sich geschämt, zu sagen: hie meret 
aera liber scriptori. Allein wir kennen des Horaz grosse 
Freimüthigkeit. Ausserdem hätte er, der zum Schreiben 
guter Bücher mahnt, es nicht versäumt, diesen Umstand, 
wenn er wirklich vorlag, nämlich materiellen Gewinn fiir 
den Autor, ins Licht zu rücken. Allein wie würde sich dies 
mit jener Schilderung des Dichters 2) reimen? 

Vielmehr herrscht zwischen den zwei von uns beige- 
brachten Stellen eine so tiefe Harmonie, dass dies schon 
für die Wahrheit unserer Auffassung Zeugniss ablegt. Auch 
Horaz bezog von den Sosii kein Honorar 3). 

Wir könnten sofort zu Martial übergehen. Der ihm 
gewidmete Excurs wird indessen von grösserem Umfang sein. 
Wir schalten also zunächst noch einige Beiträge aus anderen 
Autoren ein, welche zwar ihren Verleger nicht nennen, aber 
doch über ihr Verhältniss zu demselben etwelche Andeu- 
tungen fallen lassen. 



1) ep. II, 3, 845 sq. 

2) ep. n, 1, 118 sqq. 

3) Man kann eine weitere indirekte Stütze für diesen Standpunkt 
gewinnen aus ep. II, 3, 372 sq.: mediocribus esse poetis Non homines, 
non di, non concessere columnae. Diese Aeusserung bekommt neue 
Kraft, wenn man annimmt, das Werk sei dem Editor ohne weiteres 
übertragen worden. Dass Buchhändler mittehnässige Waare nicht 
kaufen würden, ist ziemlich selbstverständlich. Dass sie aber solches 
Zeug auch geschenkt nicht annehmen, will freilich etwas heissen. 



58 

3. Ovid. 

Nachrichten aus der Zeit vor der Verbannung sind uns 
keine erhalten. Dagegen bieten die Tristien und Episteln 
einzelnes. 

Der Dichter setzt öfter auseinander, warum er in Tomi 
zu dichten fortgefahren habe, den ungünstigen äusseren 
Umständen zum Trotz. Er sucht Zerstreuung, Trost, Er- 
quickung ^): 

Exul eram, requiesque mihi, non fama petita est, 

Mens intenta suis ne foret usque malis — 
ib. 19 Me quoque Musa levat Ponti loca jussa tenentem: 

Sola comes nostrae perstitit illa fugae. 
ib. 39 Semper in obtutu mentem vetat esse malorum, 

Praesentis casus immemoremque facit. 
Er sucht nicht eitel Ruhm 2): 

Denique nulla mihi captatur gloria, quaeque 

Ingenio stimulos subdere fama solet. 
Er schickt seine Gedichte nach Rom an einen Freund, 
welcher die Veröffentlichung derselben besorgt 3): 

Cultor et antistes doctorum sancte virorum 



ib. 14 Stirps haec progeniesque mea est. 

Hanc tibi commendo, quae quo magis orba parente, 

Hoc tibi tutori sarcina major erit. 

Tres mihi sunt nati contagia nostra secuti: 

Cetera fac curae sit tibi turba palam. 
Der Dichter hat Heimweh; er verhehlt es nicht. Es gewährt 
ihm einen gewissen Ersatz, wenn seine libelli für ihn nach 
Rom wandern können^): 

Cur scribam docui: cur mittam, quaeritis, istuc? 

Vobiscum cupio quolibet esse modo. 

Dass er aber von seinen Werken materiellen Nutzen zog, 
dass er dichtete, um Geld zu verdienen, dieses Geständniss 
suchen wir umsonst in den Tristien sowohl als in den 
Briefen, auch da, wo er ausdrücklich sagt, warum er dichte, 
warum er seine Gedichte nach Rom schicke. 



1) Trist. IV, 1, 3 sq. 

2) Trist. V, 1, 75 sq. cf. IV, 1, 3: non fama — . 

3) Trist. III, 14, 1 und 14. 
<) Trist. V, l, 79 sq. 



59 

4. Quintilian. 

Er hat in seinem Buche an Tryphon nur ein Anliegen: 
dass sein Handbuch möglichst fehlerfrei in die Hände des 
Publikums gelangen möchte. 

Am Ende des Proömiums zum sechsten Buch erklärt er, 
dass er, nach Verlust seiner beiden Söhne, mit der Abfassung 
seines Werkes nunmehr kein persönliches Interesse, keinen 
eigenen Nutzen verfolge^); man möge daher mit seiner 
Arbeit vorlieb nehmen. 

5. Plinius Secundus. 

Er schreibt an Arrianus^): Est enim plane aliquid 
edendum, atque utinam hoc potissimum quod paratum est! 
(audis desidiae votum) edendum autem ex pluribus causis, 
maxime quod libelli quos emisimus dicuntur in manibus 
esse, quamvis jam gratiam novitatis exuerint; nisi tamen 
auribus nostris bibliopolae blandiuntur. Sed sane blandian- 
tur, dum per hoc mendacium nobis studia nostra com- 
mendent. 

Wenn ein contraktliches Verhältniss zwischen Plinius 
und seinem Verleger bestand, so konnte, glauben wir, ein 
derartiges Misstrauen nicht eintreten. Dann wurde der Autor 
honorirt. Es wurde ihm die Veröffentlichung seiner Werke 
bestimmt versprochen. Was wollte er mehr? Warum sollte 
er Bedenken tragen, seine Werke dem Buchhändler zur 
Edition zu überlassen? Allein Plinius zweifelt. Er weiss 
nicht, ob seine Buchhändler ihm nur haben schmeicheln 
wollen. Wenn es Brauch war, dass er sein Manuscript 
verkaufte, dann waren diese Gedanken unberechtigt. Denn 
solch eine Schmeichelei wäre dem Buchhändler theuer zu 
stehen gekommen. 



1) J. 0. VI pr. 16 boni autem consulere nostrum laborem vel 
propter hoc aequum est, quod in nulluni jam proprium usum per- 
severamus, sed omnis haec cura alienas utilitates (si modo quid utile 
scribimus) spectat. Er hatte sein Werk für die Erziehung seiner 
Söhne zu schreiben angefangen; jetzt hätte er eigentlich keinen 
Grund mehr zu Schriftstellern; auch hat diese Arbeit für ihn keinen 
Nutzen, aber er schreibt für seine Mitmenschen. 

2) ep. I, 2, 6. 



60 

Auf geregelte Beziehungen des Plinius zu seinem Ver- 
leger führt uns auch jene Nachricht nicht i), dass seine 
Schriften in Lugdunum Absatz fanden, ohne dass Plinius 
davon gewusst hätte. Vom Profit, den der Buchhändler ein- 
steckte, wusste er wohl noch weniger. 

6. Juvenal. 

Der Satiriker klagt über das Loos der Autoren 2): 

Frange miser calamos vigilataque proelia dele, 
Qui facis in parva sublimia carmina cella, 
üt dignus venias hederis et imagine macra. 
V. 30 Spes nuUa ulterior; didicit jam dives avarus 
Tantum admirari, tantum laudare disertos . . . 
81 Gloria quantalibet quid erit, si gloria tantum est? 

Der Dichter, der vom Zuhörer oder vom Leser eine 
Gratitication erwarten dürfte, erhält auch von diesem nichts. 
Nicht besser ergeht es den Historikern (v. 98 sqq.): 

Vester porro labor fecundior, historiarum 
Scriptores? petit hie plus temporis atque olei plus, 
NuUo quippe modo millesima pagina surgit 
Omnibus et crescit multa damnosa papyro . . . 
104 Quis dabit historico, quantum daret acta legenti? 

Die Autoren überhaupt müssen darben, weil das Publi- 
kum ihnen gegenüber völlig theilnahmslos bleibt. 

In der ganzen siebenten Satire ist nur vom Verhältniss 
zwischen Autor und Publikum die Rede; vom Bibliopolen 
nirgends ein Wort. Er spielt eben nicht die Rolle, die man 
ihm hat zuweisen wollen. 

7. Tacitus. 

In deutlichen Worten redet endlich — wenn auch all- 
gemein M. Aper 3): Nam carmina et versus .... neque 
dignitatem uUam auctoribus suis conciliant neque utilitates 
alunt; voluptatem autem brevem, laudem inanem et infruc- 
tuosam consequuntur. § 10: ne opinio quidem et fama, cui 



1) ep. IX, 11, 2. 

2) Sat. VII, 27 sqq. 

3) Dialogus de oratoribus: 9. 



61 

soll serviunt et quod unum esse pretium omnes laboris sui 
fatentur, aeque poetas quam oratores insequitur. In der 
That, im Munde des Tacitus wiegt solch ein Ausspruch 
schwer: Ruhm, das ist der einzige Lohn des Schriftstellers. 

8. MartiaP). 

Er ist in unserer Angelegenheit der Hauptzeuge, aber 
nicht so sehr durch die Bestimmtheit als durch die Mannig- 
faltigkeit seiner Aussagen. Dieselben liegen zerstreut, oft 
recht unscheinbar, versteckt. Direkte Zeugnisse finden wir 
nur selten. Fast alles bewegt sich in Witzen und Bildern, 
auch blossen Anspielungen. In alledem liegt aber ein realer 
Kern. Gerade dies ist ein Charakteristikum des Epigramms, 
dass es aus der unmittelbaren Wirklichkeit herauswächst, 
hervorsprudelt Darum sind auch die 14 Bücher martialischer 
Sinngedichte eine wahre Fundgrube für die Culturgeschichte 
seiner Zeit. Auch wir verdanken ihnen viel und man 
wird es begreifen, wenn wir bei der Betrachtung des Ver- 
hältnisses von Martial zu seinen Buchhändlern etwas weiter 
ausholen, als es bis jetzt hat geschehen können. Wir ge- 
winnen dadurch eine sichere Grundlage fiir die Lösung der 
Specialfrage, welche uns beschäftigt. 

Martial dichtet bei allerlei Anlässen. Er dichtet für 
seine Freunde, für seine Gönner, nicht von vornherein für 
das grosse Publikum. An Edition denkt auch er nicht von 
Anfang an. Erst auf Zureden seiner Freunde veranstaltet 
er eine Sammlung seiner Gedichte 2). Je nach Verlauf von 
ungeföhr einem Jahre sammelt er die in diesen Zeitraum 
fallenden Epigramme^) und edirt sie. So sind zwischen den 
Jahren 85 und ca. 102 n. Chr. seine 14 Bücher entstanden. 
Eine chronologische Uebersichtstabelle der Herausgabe der 
14 Bücher versucht zu geben Friedländer, Sittengesch. lU, 
p. 424 sqq. der V. Aufl. 

Bei der Redaction der einzelnen Bücher nimmt Martial 
auch Gedichte aus früherer Periode auf^). Andrerseits 



1) Zu Grunde liegt die zweibändige Ausgabe von Schneidewin, 
Grimma 1842 Blosse Zahlcitate beziehen sich auf Martial. 
2; cf. II, 6. 
3) X, 70. 
*) Friedländer a. 0. 



62 

dichtet er neue Epigramme ad hoc, zum Zwecke der Oeko- 
noraie des Ganzen, hinzu. Zu beachten sind namentlich je- 
weilen die Anfange der Bücher. Wir finden beispielsweise 
einen offenbaren, inneren Zusammenhang zwischen den vier 
ersten Gedichten des I. Buches. 

Im ersten Epigramm kündigt sich der Dichter an: 

Hie est quem legis ille, quem requiris, 
Toto notus in orbe Martialis 
Argutis epigrammaton libeUis ^). 

Das zweite Gedicht weist uns an den Buchhändler: 

Ne tamen ignores ubi sira venalis et erres 
ürbe vagus tota, me duce certus eris. 

Das dritte ist eine scherzhafte Ermahnu'ng an den in die 
Welt hinausziehenden parvus liber. Es erscheint uns wie 
eine captatio benevolentiae an das Publikum. 

Das vierte Gedicht endlich enthält eine Empfehlung an 
den Kaiser. Er möge Nachsicht üben, wenn er die Epi- 
gramme lese: 

Lasciva est nobis pagina, vita proba. 

Martial hat seinen eignen librarius, dem er zuweilen 
diktirt, durch welchen er die ersten Abschriften seiner Ge- 
dichte verfertigen lässt. Direkt ist uns diese Nachricht nie 
gegeben, doch lassen eine Reihe von Aeusserungen darauf 
schliessen. 

Der Schreiber ist es, der dem diktirenden Dichter zu- 
ruft: Halt! die Rolle ist vollgeschrieben^). 

Jam librarius hoc et ipse dicit: 
Ohe, jam satis est, ohe libelle! 

Er braucht eine Stunde, um das Buch abzuschreiben 3), 

haec una peragit librarius hora. 

Ihm soll man es zuschreiben, wenn in den Gedichten 
Fehler vorkommen^). 



1) Dieses Gedicht, besonders der Schluss desselben thut dar, dass 
das I. Buch unmöglich zuerst zur Edition gelangt ist, dass die darin 
enthaltenen Gedichte nicht die frühesten sein können. Andere Gründe 
fügt noch Friedländer a. 0. hinzu. 

2) IV, 89, 8 sq. 

3) II, 1, 5. 

4) II, 8, 3 sq. 



63 

nocuit librarius Ulis 
Dum properat versus annumerare tibi ^). 

Martial hat selbst Exemplare seiner Gedichte (in Rollen) 
auf Lager. 

Es sind zunächst inediti libri, eigens hergestellte Ab- 
schriften; Rollen, die noch nicht mit Pergaraentband, noch 
mit umbilici versehen sind, welche der Bimsstein noch nicht 
berührt hat 2): 

Sed pumicata fronte si quis est nondum 
Nee umbilicis cultus atque membrana 
Mercare: tales habeo. 

Freilich hat der Dichter auch vollständig ausgestattete 
Rollen. Man konnte solche kaufen und dann vollschreiben. 

Wenn Martial regelmässig die ersten Exemplare seiner 
Bücher an Freunde, Gönner, oft an den Kaiser selbst über- 
sendet, so konnte' er ja wohl nicht anders, als den hohen 
Herren auch äusserlich elegante Rollen darzureichen. Nur 
dann konnte er beanspruchen, dass seinem Geschenk in der 
Bibliothek des Julius Martialis ein Plätzchen gewährt werde ^). 

Wir können hier deutlich jene Edition im engeren Sinne 
beobachten. 

Sobald ein Buch gesammelt und abgeschrieben ist, wird 
es versendet, nicht an den Buchhändler, sondern an Freunde, 
ein-, zwei-, dreimal. Wollte sich Martial die Gunst eines edlen 
Römers erwerben — schnell ist eine Abschrift gemacht, 
und sie wird fortgesendet, bevor sie nur recht trocken ist. 
Dieselbe gelangt bald direkt vor den Kaiser^); oder das 
Buch wird durch einen Hofdiener seiner Majestät nahe ge- 
bracht. So soll der Bibliothekar (a secretis) des Kaisers, 
Sextus, die Epigramme in die Bibliothek aufnehmen^). Im 
folgenden Gedicht desselben Buches bittet Martial den kaiser- 
lichen Kammerdiener Parthenius, er möchte die timida brevis- 



1) Wie oben (p. 25) bemerkt, ist die Auffassung librarius == 
bibliopola hier nicht statthaft. Es ist einzig auf die Thätigkeit des 
Schreibers angespielt. 

2) I, 66, 10 sqq. 

3) VII, 17. 

<) praef. I. VIII. 
«) V, 5. 



64 

que Charta seinem Herrn in günstiger Stunde überreichen 
oder vorlesen ^). 

Bald 2) wählt sich das an die Oeffentlichkeit tretende 
Buch Faustinus zum Patron: es ist auch hier Schenkung 
des Buches an Faustinus anzunehmen. Bald^) soll Faustinus 
ein libell, welches er von Martial erhalten, an Marcellinus 
schicken^). Zum gleichen Zweck bedient sich Martial^) des 
Rufus: er möchte zwei libelli dem Venulejus empfehlen. 

Mit dem Geschenk also verbindet sich die Hoffnung 
auf Wiedervergeltung, sei es, dass der Dichter dadurch in 
weiteren Kreisen bekannt wurde, sei es, dass manch ein 
Grosser auf ihn aufmerksam wurde und ihn wiederum be- 
schenkte. Es war für Martial wichtig, ja die Hauptsache. 
Denn von jenem angebUchen Buchhändlerhonorar konnte er 
nun einmal nicht leben. Er musste sich nach einer ergie- 
bigeren Quelle umsehen, und diese fand er^n der Verehrung 
der Grossen. 

Wie sehr es ihm um die Gunst seiner Gönner zu thun 
war, sagt uns Martial mehrfach ^) : 

Editur en sextus sine te mihi. Rufe Camoni, 
Nee te lectorem sperat, amice, liber . . . 

Etwas laut ist der Ton in folgenden Versen ange- 
schlagen'): 

9 quantum mihi nominis paratür 

quae gloria! quam frequens amator! 
Te convivia, te forum sonabit, 
Aedes, compita, porticus, tabernae. 
üni mitteris, omnibus legeris. 

So gelangte das Buch durch den Autor selbst schon 
vor ein gewisses Publikum. 

Erst in zweiter Linie ist von der buchhändlerischen 
Verbreitung durch den Editor zu sprechen. 



1) XII, 11. 

2) III, 2. 

3) VII, 80. 

4) d. h. wohl eine Abschrift davon. 

5) IV, 82. 
«) VI, 85. 

7) VII, 97 (cf II, 6). 



65 

Allein man soll nicht glauben, der Autor habe, mit der 
Uebergabe eines Manuscripts an den Buchhändler, das Recht 
verloren, selbst weitere Abschriften zu verfertigen und be- 
liebig zu verwenden. Dass Martial auch nach der Edition 
Exemplare schenken konnte, zeigt uns namentlich folgender 
Zug. Es gab zu Martial's Zeiten, wie auch noch heute, 
Bücherbettler, Leute, welche für neue Bücher kein Geld 
ausgeben mochten und es bequemer fanden, sich dieselben 
vom Autor zu erbetteln. Martial weist sie an den Buch- 
händler *). 

Durch die Edition (in weiterem Sinne) tritt das Buch 
vor das Publikum. 

Martial nennt 4 Buchhändler, bei welchen seine Gedichte 
zu haben waren. 

Er nennt sie nur gelegentlich; also ist die Möglichkeit, 
dass er in Rom noch an anderen Orten feil war, von vorn- 
herein nicht ausgeschlossen. 

Die vier genannten Buchhändler sind: 

1. Quintus Valerianus Polius^). Wir hören über 
ihn folgendes-^): 

Quaecunque lusi juvenis et puer quondam 
Apinasque nostras, quas nee ipse jam novi 
Male coUocare si bonas voles horas 
Et invidebis otio tuo, lector, 
5 A Valeriano Polio petes Quinto, 

Per quem perire non licet meis nugis. 

Valerianus Polius ist also Verleger und Verkäufer der 
juvenilia des Dichters. Diese Gedichte mögen lyrischer 
Art^) oder Epigramme gewesen sein. Dass darunter nicht 
das vorliegende erste Buch verstanden sein kann % thun 
schon Ausdrücke dar, wie puer quondam, quas nee ipse jam 
novi. Ausserdem sind die Gedichte des I. Buches gar nicht 
die frühesten des Dichters, ja nicht einmal der erhaltenen 
Sammlung. 



1) I, 117. IV, 72. 

2) sie Palat.; Pollius vulg. 

3) I, 113. 

4) So Flach z. St. in seiner Ausgabe: Epigrammaton lib. prim. 
Tübingen 1881. 

5) Wie Th. Birt p. 358 wül. 



66 

2. Secundus Lucensis libertus. An ihn weist un& 
folgendes Gedicht '): 

Qui tecum cupis esse meos ubicunque libellos 
Et comites longae quaeris habere viae, 
Hos eme, quos artat brevibus membrana tabellis : 
Scrinia da raagnis, me manus una capit. 
5 Ne tarnen ignores ubi sim venalis et erres 
Urbe vagus tota, me duce certus eris: 
Libertum docti Lucensis quaere Secundum 
Limina post Pacis Palladiumque forum. 

Secundus, der, nach dem Wortlaut zu schliessen, Ver» 
käufer ist, verkauft demnach Exemplare auf Kleinformat^ 
welche wohl speciell für die Tasche des Reisenden be-- 
stimmt sind. 

Eine andere Ausgabe des Dichters'-^) war um 5 Denare 
zu beziehen bei 

3. Atrectus^): 

Occurris quotiens, Luperce, nobis: 

„Vis mittam puerum" subinde dicis, 

„Cui tradas epigrammaton libellum, 

„Lectum quem tibi protinus remittam?^' 
5 Non est quod pueinim, Luperce, vexes. 

Longum est, si velit ad Pirum venire, 

Et scalis habito tribus, sed altis. 

Quod quaeris, propius petas licebit, 

Argi nempe soles subire letum; 
10 Contra Caesaris est forum taberna 

Scriptis postibus hinc et inde totis, 

Omnes ut cito perlegas poetas. 

lUinc me pete, nee roges Atrectum — 

Hoc nomen dominus gerit tabernae — 
15 De primo dabit alterove nido 

Rasum pumice purpuraque cultum 

Denariis tibi quinque Martialem. 

„Tanti non es'' ais? Sapis, Luperce. 



I, 2. 

2) Natürlich zunächst bloss eines Buches. 

3) I, 117. 



67 

Die Höhe des Preises (im Vergleich mit andren Preis- 
angaben wie XIII, 3, 2) lässt vermuthen, dass Atrectus ele- 
gant ausgestattete Rollen, modern gesagt, eine Prachtaus- 
gabe von MartiaFs Gedichten verkaufte. Seine taberna lag 
wohl am nächsten bei Lupercus' Wohnung; darum wird 
Lupercus an ihn gewiesen. 

Atrectus hat eine taberna; er tritt uns als Verkäufer 
der Gedichte entgegen. 

Als Herausgeber der Institutio oratoria von Quintilian 
endlich ist uns bekannt: 

4. Tryphon bibliopola. 

So wird er immer bei Martial genannt. Es mag diese 
constante Bezeichnung ein Echo des allgemeinen Sprach- 
gebrauchs der Hauptstadt sein, welcher Tryphon vielleicht 
als einer der ersten Buchhändler bekannt war. Dass er im 
römischen Buchhandel eine bedeutende Rolle gespielt hat, 
beweisen Namen wie Martial und Quintilian. Wir lesen ^) : 

Exigis ut donem nostros tibi, Quinte, libellos. 
Non habeo, sed habet bibliopola Tryphon. 
„Aes dabo pro nugis et emam tua carmina sanus? 
Non, inquis, faciam tarn fatue.'* Nee ego. 

Quintus hatte sich, wie es scheint, mehrere Bücher ge- 
wünscht. Martial weist ihn an den Verleger seiner Gedichte 
Tryphon mit den Worten „sie sind nicht mehr mein; sie 
gehören Tryphon". In der gleichen Eigenschaft erscheint 
Tryphon 2) in folgendem Gedicht: 

Omnis in hoc gracili Xeniorum turba libello 
Constabit nummis quattuor empta tibi. 
Quattuor est nimium? poterit constare duobus 
Et faciet lucrum bibliopola Tryphon. 

Tryphon ist es, welcher den Preis bestimmt, welcher 
den Gewinn bezieht. 

Wie verhalten sich diese vier Buchhändler zu einander? 
Dies ist die Frage, die sich sofort erhebt, und welche wir 
nicht bestimmt beantworten können. Wir sind daher auf 
Vermuthungen angewiesen. 



1) IV, 72. 

2) XIII, 3. 

,5' 



68 

Dass des Dichters Werke in mehreren Tabernen auf- 
lagen, ist an sich nichts auffallendes. Doch ist es bedenklich, 
daraus weiter zu folgern, dass die vier uns genannten Buch- 
händler auch vier . Verleger waren. 

Es ist wahr: Martial hat 14 Bücher Epigramme ge- 
dichtet und edirt. Er mochte wohl sich hie und da nach 
einem andern Verleger umsehen. Zu dieser Annahme be- 
kennt sich Th. Birt % wenn er denkt, Martial habe sich für 
jedes neue Brouillon den Verleger gesucht, der ihm am 
meisten bot. Abgesehen von der Frage nach der Honorirung^ 
scheint es uns doch unwahrscheinlich, dass der Dichter so 
oft gewechselt haben sollte. Ausserdem ist auch die That- 
sache nicht zu leugnen, dass ein und dasselbe Buch bei zwei 
Buchhändlern (angeblichen Verlegern) feil geboten wurde ^). 

Schon aus diesem Grunde empfiehlt sich die Hypothese 
von vier Verlegern nicht. Allein auch der Wortlaut der 
citirten Gedichte legt uns eine andre Auffassung dieses Ver- 
hältnisses nahe. 

Von den vier Buchhändlern treten uns zwei als Besitzer 
von Buden, als tabernarii entgegen : Secundus und Atrectus. 
Der erste verkauft die Gedichte in Kleinformat, der zweite 
scheint Prachtexemplare als seinen Specialartikel gehabt zu 
haben. Beide haben also — wenigstens aus dem Wortlaut 
lässt sich diese Annahme nicht bestreiten — bestimmte 
Attribute, beschränkte Funktionen. 

Anders erscheinen die übrigen zwei Buchhändler. 

Q. Valerianus Polius verlegt und verkauft die juvenilia; 
daran ist nicht zu rütteln 3). 

Tryphon wird in einer Weise eingeführt, die uns ver- 
muthen lässt, er sei auch specifisch Verleger. Er hat die 
libelli, das heisst, er besitzt sie^). Tryphon bestimmt den 
Verkaufspreis, er nimmt den Gewinn ein. 

Er wird uns genannt im IV. und XIII. Buch, wovon 
das dreizehnte das frühere ist. Im vierten Buch erscheint 



p. 355. 

2) Nach Th. Birt sogar bei drei: I, 117; I, 2; I, 113. 

3) Er war wohl auch Verkäufer des Artikels (cf. v. 6 in I, 113: 
per quem perire non licet meis nugis). 

*) Wie anders klingt dieses habet (IV, 72) als jenes illa quae 
habes de Acadeniicis bei Cicero ad Att. XIII, 13. 



69 

er als EigenthUmer der libelli (pluraJ), nicht bloss eines 
Buches. 

Der Umstand, dass er in solchen Zwischenräumen auf- 
tritt, ist nicht ohne Bedeutung. 

Hat Martial wirklich mit seinen Verlegern gewechselt, 
so müssten seine Gedichte zuerst etwa bei Tryphon, dann 
bei einem andren Buchhändler, endlich wiederum bei Tryphon 
herausgekommen sein. Dies bringt eine Verwickelung mit sich. 

Wir behaupten 'vielmehr, Tryphon sei Verleger nicht 
nur von Buch IV und XIII. sondern auch von den da- 

* 

zwischen liegenden Büchern. Er verlegt« 'die Gedichte des 
Dichters, ebenso wie er auch ungefähr in den nämlichen 
Jahren das Werk des Quintilian herausgab. 

Q. Valerianus Polius dagegen hatte diö juvenilia, die 
Gedichte der früheren Periode, verlegt. Es ist begreiflich, dass 
der junge debütirende Martial in einer Winkelbuchhandlung^ 
bei einem bescheideneren Editor erschien. Er konnte ja 
bei seinem litterarischen Debüt noch nicht berühmt sein; er 
war vielleicht noch kaum bekannt. Er musste sich erst beim 
römischen Publikum einbürgern. Er wurde beliebt, populär, 
wie selten Einer — und erst dann fühlte sich ein Haupt- 
buchhändler wie Tryphon bewogen, den Verlag seiner Ge- 
dichte zu übernehmen. Es war keine Kleinigkeit, die Haupt- 
stadt, Italien, die Provinz, die ganze Welt mit Martialen zu 
versehen, und es ist nicht zu verwundern, wenn der Verleger 
sich in dem buchhändlerischen Vertrieb von den tabernarii 
unterstützen liess. Atrectus und Secundus sehen wir am 
liebsten als ) Sortimentsbuchhändler an. Sie bezogen von 
Tryphon Specialartikel, und zwar wohl auf Commission. Es 
ist nicht geboten, anzunehmen, dass sie sozusagen das Mo- 
nopol gewisser Ausgaben Martials hatten. 

Martial hatte also — so nehmen wir an — in der Zeit 

seiner Blüthe einen Verleger, Tryphon. Dieser vertrieb den 

Artikel mit Hülfe der tabernarii. Martial kann nun sagen* 

Argiletanas mavis habitare tabernas ^). 

Doch wie verhält sich der Verleger zum Autor? 

Fragen wir zunächst den Dichter selbst. 

Unseres Wissens ist in den 14 Büchern Epigramme 
keine Stelle, welche ein positives Zeugniss über dieses Ver- 

') I. 3. 



70 

hältniss enthält. Martial sagt uns weder, ob er dem Editor 
sein Manuscript jeweilen verkaufte, noch auch, ob er ihm 
dasselbe ohne weiteres Abkommen übergab, d. h. ob er mit 
ihm einen Verlagsvertrag schloss. Er brauchte uns keines 
von beiden zu sagen. Doch, wenn er das erste that, wenn 
er sein Manuscript dem Verleger gegen Honorar abtrat, so 
ist es sicher befremdend, dass er diesen Umstand — der 
für Martial ein sehr wichtiger sein musste — nie berührt, 
auch nie bestimmt andeutet. 

Nehmen wir an, der Dichter sei regelmässig und von 
vornherein, gemäss Verlagscohtrakt, honorirt worden. Der 
Verleger kauft die Gedichte. Er wird deren Eigenthümer. 
Er hat nun ausschliessliches Recht der Vervielfältigung und 
Publication. Der Dichter dagegen hat durch den Vertrag 
auf das nämliche Recht verzichtet. Dies scheint recht wohl 
mit einem Gedichte ^) zusammen zu stimmen, wo Martial 
einem Liebhaber, der ihn um seine Gedichte angebettelt 
hatte, zuruft: 

Non habeo, sed habet bibliopola Tryphon. 

Doch, prüfen wir die Thatsachen, so erscheint uns das 
citirte Epigramm in andrem Licht. Jenes non habeo, sed 
habet bibliopola ist eine wohlfeile Ausflucht des verlegenen 
Dichters. Wir gewahren vielmehr, dass Martial nach wie 
vor der Edition mit seinen Libellen ganz frei verfahrt. Er 
lässt sich eigene Abschriften machen, verschenkt sie nach 
rechts und links. Er wird denn auch von allen Seiten um 
seine Gedichte angebettelt: oft gerade von Dichtern, welche 
die Sachlage kennen mussten, die es ja wohl nicht gethan 
hätten, wenn Martial nach der Edition über seine Werke 
nicht mehr verfügen konnte. 

Ein Verleger, welcher ein Werk mit gutem Geld erkauft 
hat, wird sich vom Autor nicht alles gefallen lassen. 

Ein Kaufcontrakt zwischen Autor und Editor zieht 
Konsequenzen nach sich, die wir gar nicht erfüllt, ja nicht 
einmal berücksichtigt sehen. 

Dazu kommt, dass wir von einem Eigenthumsanspruch 
des Verlegers, von einem rechtlichen Schutz desselben bei 
Martial keine Spur finden. Dies gibt auch Th. Birt^) zu. 

IV, 72. 
2) p. 359. 



71 

Wir wissen vielmehr, dass die Werke römischer Litteratur 
ihre Verbreitung und Erhaltung den Privatabschriften nicht 
weniger als dem Buchhandel verdanken. 

Es ist wahr, uns Modernen, die wir ein geregeltes 
litterarisches Recht besitzen, erscheinen diese Verhältnisse 
als sehr abnorm. Doch dies ist kein Grund, unsere Verhält- 
nisse auf frühere Zeiten, auf das römische Alterthum kurz- 
weg zu übertragen. 

Es ist in der That heute eine mehrfach geäusserte 
Ansicht, der römische Autor, speciell Martial sei von 
seinem Verleger honorirt worden. 

Von einer Bezahlung in Procenten ^), in Form einer 
Theilung des Gewinnes zwischen Autor und Verleger, ist 
hier abzusehen, namentlich mit Rücksicht auf ein Gedicht, 
wo Martial sich rühmt, dass er auf der ganzen Welt gelesen 
werde, und doch trage es ihm nichts ein: 

Nescit sacculus ista mens 2). 

Es ist auch Niemand eingefallen, diese Art der Honorirung 
för Martial zu vindiciren. 

Der Ansicht, dass der Verleger den Autor von vorn- 
herein und regelmässig honorirte, begegnen mir zuerst bei 
A. Schmidt 3). 

Er legt besondres Gewicht auf das letzte Epigramm 
^es elften Buches: 

Quamvis tam longo possis satur esse libello, 
Lector, adhuc a me disticha pauca petis. 
Sed Lupus usuram puerique diaria poscunt. 
Lector, salve. Taces dissimulasque? Vale. 

Der Text des letzten Verses weist in den besten Hand- 
schriften eine Variante auf. 
Salve überliefern 

1 Wolfenbüttelanus s. XV, 

1 Berolinensis, 

C Vossianus. 

libri veteres Scriverii (Schneid. Flor., 1 Palat. Cuiac). 



») Wie man [sie bei Cic. ad Att. Xm, 12, 2 hat constatiren wollen. 

2) XI, 3, 6 cf. Xni, 3, 4. 

3) Geschichte der Denk- und Glaubensfreiheit im I. Jahrh. der 
Kaiserherrschaft p. 138 f. 



72 

Alle übrigen Handschriften (Puteaneus, Palat. optimus etc.) 
haben Solve. Schmidt redet davon, dass diese Stelle „un- 
widerleglich'' sei. Martial sage: „den Leser gelüste es wohl 
noch nach etlichen Gedichten, allein er müsse schliessen, weil 
er Geld brauche; denn — der Wucherer Lupus fordere Zin» 
und die Familie ihr täglich Brod; der Leser möge also ge- 
föUigst Zahlung leisten, d. h. das Publikum das Buch tüchtig 
kaufen." Wie konnte denn diese Aufforderung an das Pu- 
blikum gelangen? Musste der Leser, um das Epigramm zu 
lesen, nicht doch in den meisten Fällen zuerst das Buch 
kaufen? Sollte er dann erst_noch ein oder zwei Exemplare 
erwerben, um dem Dichter zu willfahren? Wenn der Dichter 
Geld brauchte, so konnte er mit solch einer Bitte an den 
Leser nicht viel ausrichten; der Leser konnte ihm in nicht» 
nützlich sein. Wurde ja doch Martial, wenn er Honorar 
empfing, nicht in Procenten bezahlt. Wir gelangen also mit 
Schmidt auf Umwegen zu sehr zweifelhaftem Resultat. 

Wenn Marquardt^), um Schmidt auszuweichen, Salve 
als „Lesart der Handschriften" aufnimmt, so können wir uns 
weder mit dem Grunde der Aufnahme, noch mit der Lesart 
selbst befreunden. Einmal steht Solve in den besseren 
Handschriften. Ausserdem enthält Solve an sich nichts^ 
was den Satz Schmidts unterstützt, noch Salve, was ihn 
widerlegt. 

Der Dichter wendet sich an den Leser, nicht an seinen 
Buchhändler. In Solve sehen wir nichts als eine humoristische 
Aufforderung an den Leser, dem Dichter für den geistigen 
Genuss eine Gratification darzureichen. Der Leser thut, als 
ob er nicht angeredet, als ob er dem Dichter nichts schuldig 
wäre. Martial giebt ihm sein vale — und ergreift die Ge- 
legenheit, um sein Buch zu schliessen. — Wir lesen: Solve. 

Es ist uns nicht recht klar, was dieser Gruss Salve 
am Schluss des Gedichtes soll, zumal da der lector schon 
V. 2 angeredet war. Was sollte er denn auf jenes Salve 
erwidern? Einen Gegengruss hätte er gewiss nicht ver- 
weigert. Allein der lector dissimalat. Es ist eben etwa» 
von ihm gefordert worden, was er nicht gern gewährt. Den 
Zug, welchen wir bei Salve vermissen, enthält Solve. Es 



1) Privatleben der Römer p. 806 n. 2. 1874. 



73 

ist, wie gesagt, die bescheidene Bitte des Dichters an den 
Leser: ,Jst's geföllig?'^ Darauf, was der Dichter wolle, 
haben die Worte „sed Lupus usuram puerique diaria pos- 
cunt" den Leser bringen müssen. 

Die gleiche Scene wiederholt sich im 16. Gedichte des 
V. Buches. Martial flüstert leise, aber sehr verständlich? 
seinem Leser zu: Poesie sei allerdings eine schöne Gabei 
flir den Dichter und für das Publikum, Allein man könne 
nicht von eitlem Ruhm leben. Es sei daher wohl am Platz, 
dass der Dichter von Zeit zu Zeit mit etwas materiellerem 
als Lobspenden bedacht werde. Der Leser will sichs nicht 
zu Herzen, noch auch zu Ohr gehen lassen. „Freut mich 
sehr'', antwortet er, „wir werden nicht ermangeln, dich 
fernerhin noch mehr zu loben." 

„Aha!" denkt der Dichter, „dissimulas? facies me puto 
causidicum. Ich muss schliesslich doch noch zur Juristerei 
greifen, soll ich nicht verhungern." 

Der gleiche Vorwurf liegt in dissimulator ^) an folgen- 
der Stelle: 

Nulla remisisti parvo pro munere dona . . . 



Decipies alios verbis vultuque benign o, 
10 Nam mihi jam notus dissimulator eris. 

Wir stimmen hierin im wesentlichen mit H. GöU über- 
ein 2). Th. Birt^) entscheidet sich bei XI, 108 zwar für die 
Lesart Solve. Doch er erklärt anders als wir. Er benutzt 
dieses Epigramm für seine Theorie vom Raumzwang in der 
Rolle: „Der Dichter hat schon geschlossen, es ist aber noch 
ein Platz am Buchende, die Schlussseite der Rolle, leer ge- 
blieben. Der Leser, als ihr Käufer, ist es, der vom Dichter 
noch ein paar Distichen zu fordern hat, nur so viele, dass 
die Seite nicht leer steht. Der Dichter hilft siclj launig so, 
dass er den Nothstand selbst zum Gegenstand seines Noth- 
gedichtes macht; das gibt glücklich zwei Zeilen — und nun 
— „Leser, adieu. Du hast ja doch selbst dringende Pflichten 
du hast deine Zinsen noch nicht bezahlt, deine Sklaven 



IV, 88, 1. 

2) Gallus p. 452. 

3) p. 155 n. 1; cf. p. 154. 



74 

noch nicht beköstigt. Schweigst du? und willst es ver- 
leugnen?" — Der Dichter war wohl recht intim mit diesem 
unbekannten lector! Woher weiss Th. Birt, dass der Lupus 
und die pueri ihre Forderungen an den lector stellen? Es 
wäre aber auch nicht sehr ehrlich,, wenn man einen Gläu- 
biger mit den Worten abweisen sollte: „bezahl erst deine 
Schulden, bevor du mich mahnst, dass ich dir noch ein paar 
Verse schulde." Es war auch nicht ein feines Mittel, die 
Gunst des Lesers zu gewinnen. Wir vermissen endlich ein 
Wort, wenn der Dichter sagen wollte: man verlangt von 
dir Bezahlung deiner Schulden. Das „von dir" musste aus- 
gedrückt sein im V. 3: Lupus usuram .... Die ganze Aus- 
legung dünkt uns künstlich, gesucht. 

Den gleichen Standpunkt (wie Schmidt, Birt) vertritt 
Fr. Schmitz. 

Wir stimmen im ersten Punkte seiner Darstellung mit 
ihm überein. Die Worte 2) 

Et tantum gratis pagina nostra placet 
und 

Dicitur et nostros cantare Britannia versus. . 
Quid prodest? Nescit sacculus ista meus 

enthalten kein Zeugniss gegen die Honorirung. Sie sind 
in erster Linie an den Leser gerichtet. Fr. Schmitz fährt 
in charakteristischer Weise fort: Mihi quoque persuasum est, 
plurimos auctores Romanos gloriae tantum ac honoris causa 
scripta sua bibliopolis divulganda tradidisse, quod tamen 
non impedit, quominus illi interdum (!) pretium a bibliopolis 
acceperint. Et vere acceperunt. Es seien zwar dafür keine 
sicheren Anhaltspunkte vorhanden; doch man könne nicht 
daran zweifeln! 

Als Zeugen werden aufgeführt: 

1. Plautus und Terenz, „welche ihre Comödien den 
Aedilen verkauften". Ein Verkauf war es eigentlich nicht. 
Die Dichter wurden je nach Beschaffenheit des Stückes 
honorirt. Dies beweist unter andrem jene Erzählung, wonach 
der junge Terenz mit seiner Andria zuerst an Caecilius 



1) De bibliopolis Romanorum p. 10 — 124 
^) V, 16, 10. 
3) XI, 3, 5 sq. 



75 

gewiesen wurde ^). — Die Thatsache aber ist uns mehrfach 
überliefert ^). 

Sollen wir die Aedilen mit den Buchhändlern identifi- 
ciren? Jene kaufen ein Stück, um es auflfiihren zu lassen, 
diese erwerben dasselbe, um es durch den Buchhandel zu 
verbreiten. Unseres Erachtens gehört diese Notiz über die 
Komiker gar nicht hierher. Welche Bewandtniss es übrigens 
mit dieser Honorirung hatte, legt uns eine Nachricht des 
Donatus nahe^): Acta est (fabula) tanto successu ac plausu 
atque suflfragio, ut rursus esset vendita et ageretur iterum pro 
nova proque ea pretium, quod nulli ante ipsam fabulae 
contigit, octo milia sestertium numerarent poetae. So hoch 
war noch kein Stück taxirt worden. Der Werth desselben 
wurde einzig am Beifall des Volkes gemessen. Die Aedilen 
belohnten den Dichter für das Plaisir, welches er den Rö- 
mern gemacht hatte. So oft sich die Aufführung des Eunuchen 
wiederholt, so oft neue Belohnung. Es war also keine ein- 
malige Honorirung für eine geleistete Arbeit. 

Den Aedilen lag es ob, die Spiele zu veranstalten; sie 
hatten die Bühne zu versehen. Gewöhnlich kam bei ihnen 
zum Wunsche, das Volk recht zu amüsiren, die Tendenz 
hinzu, das Volk für sich zu gewinnen, sich bei ihm beliebt 
zu machen und sich die Thüren zu höheren Aemtern zu 
öffnen. 

Da ist es natürlich, dass sie den Dichtern, um sie an- 
zuspornen, Belohnungen aussetzten, dass sie eine Art Agon 
einrichteten. Dass diese Honorirung zum Brauch wurde, 
darf uns auch nicht wundern. So verstehen wir jene Nach- 
richt. Plautus und Terenz, die römischen Dramatiker übei:- 
haupt, wurden von officieller Seite honorirt. Daraus aber 
zu folgern, dass jeder Skribent vom Buchhändler einen Lohn 
empfing, ist ein Wagniss — ein in der Wissenschaft nicht 
erlaubter Schluss. 



Suet. de poetis p. 28, 9 Rffsch. 

^) cf. Suet. ib. p. 24, 7: qui (Plautus sc.) propter annonae diffi- 
cultatem ad molas manuarias pistori se locaverat, ibi quotiens ab 
opere vacaret scribere fabulas solitus ac vendere (cf. Ritschl parerg. 
p. 47) ib. p. 29, 8 sqq.: Eunuchus quidem bis deinceps acta est meruit- 
que pretium quantum nuUa antea cuiusquam comoedia, octo milia 
nummum. 

3) praef. Eun. p. 96. 



76 

Plautus und Terenz haben ihre Werke, nach der Auf- 
fuhrung, selbst publicirt und zwar durch librarii — nicht 
durch die Aedilen, welche ihnen doch Zahlung geleistet 
hatten. 

Schmitz beruft sich ferner auf den Grammatiker Pom- 
pilius Andronicus und Plinius den Aeltern. Diese Fälle aber 
gehören, wie wir sehen werden, auch nicht hierher. 

Von diesen für unsere Frage nicht massgebenden Zeug- 
nissen aus wird nun der aufgestellte Satz in folgender Weise 
verallgemeinert, in nicht sehr logischer Weise, wie uns vor- 
kommt: „Sin autem scripta, ab auctoribus cuiusvis generis 
vendebantur, non video, cur non bibliopolae quoque huic 
illive auctori pro scriptis certam mercedem solverinf Vei*^ 
tragsmässige Honorirung habe nicht stattgefunden; aber wohl 
könne man von einem pretium reden, welches der Buch- 
händler dem Autor auszahlte. 

Die Theorie von diesem pretium stützt Schmitz beson- 
ders auf 2 Epigramme; 

1. X, 74. Wir werden auf dieses Gedicht sofort eingehen. 

2. XI, 24. Dazu wird folgende Bemerkung gemacht: 
quantulumcunque fuit, merebatur n oster libellis suis et, quum 
dona ab amicis non acciperet, mereri tantum potuit a biblio- 
polis, qui carmina sua vendebant. — Dieses letzte Argument 
ist aber nicht stichhaltig. Wissen wir doch, wie viel Martial 
von seinen Gönnern, insbesondere vom Kaiser empfing. Nun 
aber findet Schmitz seine Ansicht bestätigt im genannten 
Epigramm^): Quae sententia probatur alio loco Martialis, 
quo damnum se accepisse queritur, quum carmina non scrip- 
serit, doletque prope jam triginta diebus vix unam paginam 
peractam esse. Hören wir den Dichter: 

Dum te prosequor et domum reduco, 
Aurem dum tibi praesto garrienti, 
Et quidquid loqueris facisque laudo, 
Quot versus poterant, Labulle, nasci? 
5 Hoc damnum tibi non videtur esse, 
Si quod Roma legit, requirit hospes, 
Non deridet eques, tenet Senator, 

XI, 24. 



77 

Laudat causidicus, poeta carpit, 

Propter te perit? hoc, LabuUe, verum est? 
10 Hoc quisquam ferat, ut tibi morura 

Sit major numerus togatulorum, 

Librorum mihi sit minor meorum? 

Triginta prope jam diebus una est 

Nobis pagina vix peracta. Sic fit, 
15 Cum cenare domi poeta non vult. 

Der Dichter hat wieder einmal über eifrigen Clienten- 
dienst die Poesie vernachlässigt. Daraus ist ein damnum 
erwachsen. Doch dass ihn der Schaden treffe, ist nirgends 
gesagt, liegt auch nicht im Sinne des Epigramms. Wer 
verhert ist Rom, der Fremde, der Ritter, der Senator, der 
Recensent, — kurz das Publikum, welches nichts neues zu 
lesen hat. Es dünkt uns forcirt, wenn man unter damnum 
den ausbleibenden Dichterlohn verstehen will; es ist auch 
nicht entfernt von einem Buchhändler die Rede. Den 
Schaden will der schlaue Dichter gewiss nicht zunächst auf 
sich beziehen, sondern er verficht die Sache des gebildeten 
Publikums. Denn dieses ist zu kurz gekommen. 

Ein dritter Verfechter der Hypothese einer Honorirung 
ist Becker (und nach ihm Rein) ^). Er sagt 2) im Allge- 
meinen ganz richtig, die Schriftsteller hätten von ihren 
Werken realen Gewinn bezogen. Wovon sollten sie denn 
sonst leben? Doch es ist ein andres, Gewinn ziehen und 
vom Buchhändler honorirt werden. Es wird auch hier von 
Plautus und Terenz aus falsch geschlossen: „Wenn Plautus 
und Terenz und andere ihre Comödien an die Aedilen ver- 
kauften, so wird es auch nichts auffallendes sein, wenn 
andre Schriftsteller für ihre Arbeiten ein Honorar bezogen." 

„Phnius dem älteren wurden, allerdings von einem 
Privatmann, 400000 HS für eines seiner Werke geboten. 
Dass zwischen Buchhändlern und Schriftstellern dergleichen 
Geschäfte stattfanden, darauf deutet Martial mehrmals hin, 
z. B. IV, 72 cf. I, 117, am deutlichsten XI, 108." Man schlage 



^) Gallus II, 450 (in. Excurs zur III. Scene). Bekanntlich macht 
H. Göll, der letzte Herausgeber des GaUus, gegen die Ansicht seiner 
Vorgänger entschieden Front. 

2) Mit Hinweis auf Hör. sat. I, 4, 71: paupertas impulit audax 
ut versus facerem. 



78 

diese Gedichte nach und sage uns, ob da Andeutungen, 
deutUche Andeutungen vorliegen. Wir finden keine. Mit 
nicht weniger Willkür wird mit Gegenzeugnissen umge- 
sprungen: wXIV, 219 nuUa referentia carmina nummos cf. I, 
76 gilt nur von dem kärglichen Erwerbe und V, 16, wo es 
allerdings heisst: 

At nunc conviva est commissator que libellus, 

Et tantum gratis pagina nostra placet 

will er nur sagen, dass die, welche an seinen Gedichten sich 
erfreuten, ihn nicht belohnten (richtig!) wie XI, 3 neseit 
sacculus ista mens (?). „Das schliesst aber nicht aus", sagt 
Becker, „dass er durch irgend einen Vertrag mit dem Buch- 
händler einen Gewinn gehabt haben könne, und es wäre 
in der That unbegreiflich, wie Martial, dem es seiner eigenen 
Aussage nach stets an Geld fehlte (!), ohne allen Vortheil 
hätte zusehen sollen, wie Tryphon, Secundus, Polius mit 
seinen Gedichten gute Geschäfte machten.** Es wird noch 
verwiesen auf Hör. ep. II, 3, 345. Mart. XIV, 194. XIII, 3. 
VI, 61. 

Die Sache ist auflfallend, doch sie ist möglich, sie ist 
wahr. Man wird uns nicht glauben machen, Martial sei 
honorirt worden, weil wir heutzutage es für recht und billig 
halten, dass ein Autor am Erfolg seiner Werke auch ma- 
teriell mitgeniesse, am Ertrag seinen Antheil habe ^). 

Der letzte Forscher auf diesem Gebiete, Th. Birt, ent- 
scheidet sich ebenfalls für Annahme einer Honorarzahlung — 
damit fallt ein schweres Gewicht in die Wagschale. Die 
Sache verdient es, von neuem und so gründlich, als uns ge- 
geben ist, untersucht zu werden. 

Wir gestehen, dass wir Anfangs in der gleichen An- 
schauung (wie Th. Birt und die Früheren) befangen waren. 
Doch ist uns bei näherem Beschauen allmählich aller Glaube 
an jene Hypothese entschwunden. 

Wenn, wie behauptet wird, ein contraktliches Verhält- 
niss zwischen Autor und Editor bestand, so mussten uns 



1) Früher waren schon für Annahme einer Honorarzahlung ein- 
getreten: Manso verm. Abh. u. Aufs. p. 277; PreUer bei Pauly Real- 
encyclop. s. v. Libri. Auch hier werden dieselben Stellen ausgebeutet 
Mart. XI, 108. XIV, 194 und a. Hör. ep. II, 8, 345. — Ihnen stimmt 
auch W. Schmitz bei (Schriftsteller und Buchhändler in Athen p. 1). 



79 

doch unter den zahlreichen bibhographischen Nachrichten 
aus dem römischen Alterthum sichere Spuren davon zu 
ßnden sein; eine Nachricht wenigstens müsste uns in deut- 
licher Sprache den gewünschten Aufschluss gewähren. Was 
man beibringt, kann nicht genügen, uns zu überzeugen. 
Viehußhr scheinen uns die Umstände, wie sie im Allgemeinen 
bei Martial gegeben sind, gegen diese Hypothese, welche 
von neuem aufgestellt wird, zu sprechen. Hören wir, wie 
Th. Birt seine Sache vertheidigt ^). „Martial wurde nicht in 
Procenten bezahlt." Darin hat Th. Birt Recht. 

„Er gesteht zu, dass er ein praemium libellorum ein- 
nimmt"^): 

Jara parce lasso, Roma gratulatori, 
Lasso clienti. Quamdiu salutator 
Anteambulones et togatulos inter 
Centum merebor plumbeos die toto, 
5 Cum Scorpus una quindecim graves hora 
Ferventis auri victor auferat saccos? 
Non ego meorum praemium libellorum, 
— Quid enim merentur? — Appulos velim campos; 
Non Hybla, non me spicifer capit Nilus, 
10 Nee quae paludes delicata Pomptinas 
Ex arce clivi spectat uva Setini. 
Quid concupiscam quaeris ergo? dormire. 

In diesem Gedichte finden wir kein Geständniss des 
Dichters, dass er ein praemium libellorum einnehme, d. h. 
wohl, dass er Honorar vom Verleger empfange. Zu solcher 
Auslegung passt schon der Ausdruck praemium eigentlich 
nicht. Ausserdem wäre es doch unglückliche Politik vom 
Dichter, wenn er, indem er seine Bitte anbringt, auch zu- 
gleich sagen würde: ich empfange allerdings meinen Lohn. 
Er lässt bittere Klagen vernehmen über den ermüdenden 
und doch nutzlosen Clientendienst, über den Morgengruss, 
welcher ihm den Schlaf kürze. Er möchte nur ausschlafen. 
„Nicht verlange ich Lohn für meine Gedichte; was sind sie 
werth? was dürfen sie beanspruchen?'' Durch die Bei- 
ziehung der appulischen Felder ist angedeutet, dass unter 



1) p. 354 d. Ant. Buchw. 

2) X, 74. 



80 

praemium nicht ein vom Buchhändler geleistetes Honorar, 
sondern ein munus, die Gratification seitens des Lesers zu 
verstehen ist. — „Ich verlange nicht Belohnung für meine 
Gedichte." Er verlangt nicht, was er eigentlich beanspruchen 
dürfte. Will er wirklich den lästigen Clientendienst los 
werden? Gewiss nicht; auch weiss er, dass seine Patronen 
ihn nicht werden entlassen wollen. Was er erstrebt, ist 
grössere Aufmerksamkeit und Theilnahme. Die Worte: 
non ego meorum praemium libellorum .... enthalten eine 
Bitte, die der gewandte Weltmann in feiner Weise anzu- 
bringen weiss: „Glaubt nicht, dass ich Lohn wolle!" Aber 
eben das hofft er, dass sie in Zukunft ihm mehr Gunst er- 
weisen werden. — Wir wissen, dass Umber ihm eine Menge 
Geschenke schenkte, es waren acht stämmige Bur-schen aus 
Syrien nöthig, um dieselben an ihren Bestimmungsort zu 
bringen ^). Wir wissen, dass Plinius Secundus ihm ein Geld- 
geschenk darreichte, als er nach Spanien abreiste; zum 
Dank dafür hatte Martial ihm Gedichte gewidmet 2). 

Wir wissen, dass der Kaiser ihm das jus trium natorum 
schenkte: 

Musarum pretium dedit mearum 
Solus qui poterat, 

ruft er aus^). Ist es nöthig, die Beispiele zu vermehren? 
Jene Behauptung Th. Birts, dass der Dichter weder direkt 
noch indirekt den Buchpreis vom Leser bezahlt erhielt oder 
auch nur erwartete, ist demnach gewagt. Wenn sich Je- 
mand ein Buch martialischer Gedichte gegen baares Geld 
beim Bibliopolen erworben hatte, so war von ihm nicht 
mehr zu verlangen, dass er erst noch dem Dichter einen 
„Buchpreis^' entrichte. Aber der Dichter durfte erwarten, 
dass jener reiche Römer, welchem er ein Buch Epigramme 
geschenkt hatte, seinerseits wiederum des Dichters gedenke. 
Auf solche Leute einzig war Martial angewiesen. 

Das Faktum an sich, dass ein Autor sein Manuscript 
verkaufen konnte, lässt sich nicht leugnen. Nur muss man 



VII, 53. 

2) PUn. ep. III, 21, 2. 

3) II, 92; cf. I, 107: otia da nobis, sed qualia olim fecerat Mae- 
cenas Flacco Vergilioque suo; und X, 2, 5: Lector opes nostrae — . 



81 

den Fall, wo ein unedirtes Werk vom Autor an einen Lieb- 
haber verkauft wird, von dem, wo ein Verleger (Buchhänd- 
ler) eine Schrift zur Publication übernimmt, wohl unter- 
scheiden. Es sind uns aus griechischem und römischem 
Alterthum dieser Fälle genug bekannt. Th. Birt^) fiihrt 
zwei an, „in denen der Werth von unedirtem Manuscript 
auf eine bestimmte Geldsumme vertaxirt wird". 

1. Der erste Fall begegnet uns bei Sueton^). Pompilius 
Andronicus, der Grammatiker, verkauft sein Werk für 
16,000 Sesterze; „verum adeo inops atque egens, ut coactus 
sit, praecipuum illud opusculum suum annalium Ennii elen- 
chorum sedecim [milibus] nummum cuidam vendere. Quos 
libros Orbilius suppressos redemisse se dicit, vulgandosque 
Gurasse nomine auctoris**. Das Büchlein wurde also einem 
Quidam verkauft, welcher es nicht herausgab, sondern für 
sich behielt. Dieser Mann hatte demnach die Verpflichtung, 
es zu ediren, nicht auf sich genommen. Er war wahrschein- 
lich gar kein Buchhändler. Jener Kauf war kein Verlags- 
contrakt. Pompilius hatte nothgedrungen, sein opusculum 
wie einen Werthgegenstand veräussert. Dasselbe ging in 
den Besitz eines Privatmanns über, der denn auch ganz 
nach seinem Gutdünken darüber verfügen konnte; er genoss 
alle Rechte des Autors, denn er hatte das Autorrecht erwor- 
ben ^). Zu solchem Kauf ladet auch unser Martial ein ^) — 
und doch ist es Niemand eingefallen, diese Worte des 
Dichters zu verwenden, zu missdeuten. 

Der Käufer der elenchi von Pompilius Andronicus konnte 
das erworbene Werk unedirt lassen (supprimere) oder heraus- 
geben. Er war nicht gebunden, es unter dem Namen des 
Verfassers zu ediren. Darum die ausdrückliche Nachricht 
bei Sueton, dass Orbilius es nomine auctoris, unter dem 
Namen des Pompilius veröffentlichte. 

2. Der zweite von Th. Birt citirte Fall ist aus folgenden 
Worten des Plinius secundus entnommen^): „referebat ipse 



p. 355 n. 1. 

2) de gramm. 8. Reiff. p. 106, 12. 

3) Daher erklärt sich auch der hohe Kaufpreis. 

4) I, 66. 

*) ep. in, 5, 17. 

6 



82 

(Plinius major) potuisse se, cum procuraret in Hispania 
vendere hos commentarios Largio Licino quadringentis mili- 
bus nummum et tum aliquanto pauciores erant." Pliniu» 
verkaufte sie nicht — trotz der colossalen Summe, die ihm 
geboten war. Wäre er so verfahren, wenn es sich lediglich 
um Edition eines Werkes gehandelt hätte? Es ist undenk- 
bar. Allein es waren eben lediglich Excerpte, die also gar 
nicht zur Edition bestimmt waren. Wir haben aber auch 
keine Andeutung, dass der emptor ein Buchhändler war. 
Plinius hatte es mit einem Liebhaber zu thun, der Eigen- 
thümer seiner Commentarii werden wollte. Dass Pünius 
das Angebot abschlug, dass er seines Werkes Besitzer blei- 
ben wollte, ist sehr wohl zu begreifen. 

Diese zwei Fälle haben also in der Frage nach der 
Honorirung des Autors durch den Verleger keine Beweis- 
kraft. Allein gerade sie bringen Th. Birt dazu, seinen 
letzten Satz ^) aufzustellen: „die wahrscheinlichste Form aber, 
in der nun dieses bestimmte Honorar gegeben wurde, möchte 
die gewesen sein, dass der Bibliopole dem Autor sein Apo- 
graphum abkaufte." 

Dies musste wohl, beim Römer namentlich, auf Grund 
eines Contrakts geschehen; irgend ein Abkommen musste 
doch zwischen Autor und Editor getroffen sein. Da wäre 
es wirklich auflFallend, dass, wie oben schon bemerkt worden^ 
in unseren zwei Hauptquellen über diesen Gegenstand 2) 
nirgends eine Nachricht von einem derartigen Abkommen 
vorliegt. 

Wurden solche Verträge geschlossen, dann müssten in 
der römischen Jurisprudenz doch Spuren davon zu ent- 
decken sein. Wir finden aber in den Digesten kein Wort 
hierüber. 

Wurde der Dichter honorirt, dann hieng seine Lebens- 
stellung — falls er nicht begütert war, sondern dürftig wie 
Martial — wesentlich von seinem Buchhändler ab. Dem 
Buchhändler wurde damit eine gewisse Rolle in des Dichters 
Leben und Schaffen zugewiesen. Der Buchhändler musste 



ant. Buchw. p. 355. 

^) Cic. ad Att. und Martial. 



83 

doch wohl als Träger dieser Rolle erscheinen — wäre es 
auch nur ein Mal. Doch nein. Nie und nirgends lernen 
wir den Buchhändler als solchen kennen. 

Was wir von Secundus, von Atrectus hören, ist, dass 
sie die Gedichte verkaufen. Tryphon macht gute Geschäfte- 
Martial — wenn wir ihm aufs Wort glauben sollen — muss 
darben, hungern, kann nicht einmal ruhig schlafen. Warum 
reklamirt er denn nie, auch nicht in der zurückhaltendsten 
Weise, wenn er wirklich auch finanziell von seinem Buch- 
händler abhing? Ist es Bescheidenheit, Anstandsgefühl? — 
Dergleichen Dinge kannte ja Martial kaum. 

Er schweigt über sein Verhältniss zu seinem Buch- 
händler — weil er mit ihm nichts auszufechten hat. Er 
verkauft ihm seine Gedichte nicht. Gedichte verkaufen, 
hiesse seine Kunst zum Handwerk machen. Dichten, um 
vom Verleger bezahlt zu werden, hiesse, sich zum Hand- 
werker erniedrigen. Wer dies that, der setzte sich eben 
in schroffen Gegensatz zu seiner Zeit, zu den Anschauungen 
seiner Zeitgenossen. Waren auch diese Anschauungen in 
früherer Zeit viel reiner gewesen, wurden sie damals auch 
lauter proclamirt, ein Kern davon blieb auch in den Tagen 
des Verfalls. Dieses geistige, von den Griechen übernommene, 
Erbe der Pflege und Verehrung der Poesie hatte sich der 
gebildete Römer noch nicht rauben lassen. Darum schilt 
Martial zwei Dichter, Gallus und Lupercus^): 

Vendunt carmina Gallus et Lupercus 
Sanos, Glassice, nunc nega poetas. 

Oder will man sich der Erklärung Schrevels zuwenden^): 
„quis tamen audet negare Gallum et Lupercum sanos esse, 
qui mala sua carmina pretio obtrudant hominibus procul 
dubio insanis, qui mala emant carmina"? 

Der Dichter giebt uns freilich nirgends die feierliche 
Erklärung, dass der Buchhändler nicht Käufer seiner Ge- 
dichte war. Dies jedoch darf uns nicht wundem, dass 
eine nicht existirende Einrichtung nicht zur Erwähnung 
kommt. 



1) XII, 46. 

2) ed. Leyden. 1661. 



6 



84 

Dass das Verhältniss zwischen Autor und Verleger 
principiell kein pecuniäres war, davon glauben wir in Mar- 
tiaFs Gedichten zuerst in allgemeinen Aussagen unverkenn- 
bare Spuren zu haben. Es werden uns in zweiter Linie 
Aeusserungen des Dichters begegnen, welche uns geradezu 
den gewünschten Aufschluss geben. 

Wir gehen nun zurJBetrachtung einiger dieser Stellen 
über. Es sind zunächst Gedanken des Dichters über seinen 
Beruf im Allgemeinen. 

Dichtkunst bringt nicht Geld noch Brot ins Haus. Von 
Ruhm (laus, gloria) kann man nicht leben. 

Einem Freunde, der ihn wiederholt fragte, was er aus 
seinem Sohne machen sollte, widmet Martial folgendes 
Epigramm^): 

Cui tradas, Liipe, filium magistro, 
Quaeris soUicitus diu rogasque. 
Omnes grammaticosque rhetorasque 
Devites, moneo: nihil sit illi 
5 Cum libris Ciceronis aut Maronis, 
Famae Tutilium suae relinquas. 
Si versus facit, abdices poetam: 
Artes discere vult pecuniosas, 
Fac discat citharoedus aut choraules. 
10 Si duri puer ingeni videtur, 

Praeconem facias vel architectura. 

Geldkünste erlernen, das war damals, wie heute, das 
Schlagwort. Martial, der schmal genug durchkommt, will 
dem Jungen sein eigenes Schicksal ersparen. Lupus jun. 
soll sich zum Zitherspieler oder Flötenbläser ausbilden. Das 
war ein ergiebiges Handwerk. Droht ja selbst Martial ein- 
mal, er wolle Citharöde werden 2). 

. . . Poeta 

Exierat: veniet cum citharoedus erit. 

Der junge Mann könne auch Ausrufer oder Architekt 
lernen. Wird er Dichter, dann mag ihn der Vater nur auf- 
geben. Poesie ist ein dürres unfruchtbares Feld^): 



V, 56. 

2) m, 4, S. 

3) I, 107, 7 sq. 



8ä 

In steriles nolunt campos juga ferre juvenci: 
Pingue solum lassat, sed juvat ipse labor. 

Man wird vom Dichten nicht reich. Apollo gibt Kränze, 
Minerva Schätze. 

Dieser Gegensatz wird öfters betont^), so im folgenden 
Gedichte: 

mihi curarum pretium non vile mearum, 
Flacce, Antenorei spes et alumne laris, 
Pierios differ cantus citharamque sororumj 
Aes dabit ex istis nulla puella tibi. 
5 Quid petis a Phoebo? nummos habet arca Mi- 

nervae; 
Haec sapit, haec omnes fenerat una deos: 
Quid possunt hederae Bacchi dare? Palladis arbor 
Inclinat varias pondere nigra comas. 
Praeter aquas Helicon et serta lyraque deprum 
' 10 Nil habet et magnum, sed perinane sophos. 

Quid tibi cum cirrha? quid cum Permesside unda? 
Romanum propius divitiusque forum est. 
lUic aera sonant: at circum pulpita nostra 
Et steriles cathedras basia sola crepant. 

Darum wird auch kein interessirter Millionär einem 
Dichter seine Tochter zur Ehe geben. Mit spöttelndem 
Humor erzählt uns Martial von einer solchen Werbung 2). 
Wer weiss, ob er nicht unter den zehn verliebten Poeten 
figurirte! 

Praecones duo, quattuor tribuni, , 

Septem causidici, decem poetae 
Cuiüsdam modo nuptias petebant 
A quodam sene. Non moratus ille 
5 Praeconi dedit Eulogo puellam. 
Die, num quid fatue, Severe, facit? 

Deutlich sind besonders folgende Worte ^): 

Seria cum possim, quod delectantia malo 
Scribere, tu causa es, lector amice mihi. 



I, 76 (cf. I, 25, 5). 

2) VI, 8. 

3) V, 16. 



I 



86 

Qui legis et tota cantas mea carmina Romana: 

Sed nescis, quanti stet mihi talis amor. 
' 5 Nam si falciferi defendere templa Tonantis 

Sollicitisque velim vendere verba reis, 

Plurimus Hispanas mittet mihi nauta metretas 

Et fiet vario sordidus aere sinus. 

At nunc conviva est comissatorque libellus, 
10 Et tantum gratis pagina nostra placet. 

Sed non et veteres contenti laude fuerunt, 

Cum minimum vati munus Alexis erat. 

„Belle", inquis, „dixti: juvat, et laudabimus usque." 

Dissimulas? facies me, puto, causidicum. 

Poesie ist eine Liebhaberei (amor), die dem Dichter 
theuer zu stehen kommt. Sie kostet ihm bedeutende Opfer. 
Denn, würde er Gerichtsredner, so würde bald der Paetolus 
in sein Haus fliessen. Sein Glück wäre bald gemacht. 
Allein er dichtet „aus Liebe zum Leser". Man liest und 
liebt seine Gedichte; man würzt damit die Tafel und nimmt 
sie mit ins Schauspiel ^). Ihn dagegen, den Dichter, lässt 
man darben; er zieht nichts ein. Der Advokat lässt sich 
für seine Reden bezahlen (vendere verba) ; der Dichter wird 
von Niemand honorirt. Dies ist der Gegensatz von vendere 
zu gratis ^). Es handelt sich auf beiden Seiten um regel- 
mässige Honorirung. Sie könnte dem Dichter nur vom 
Buchhändler geleistet werden. Allein dieser wird nie in Zu- 
sammenhang mit des Dichters ökonomischer Stellung er- 
wähnt. Seine Reclamationen wendet Martial nur immer an 
den lector. Der lector ist des Autors Reichthum ^). 

Lector, opes nostrae: quem cum mihi Roma dedisset, 
„Nil tibi quod demus majus habemus" ait. 

Wir haben also die Versicherung, dass der Dichter vom 
Leser, von seinen Gönnern Geschenke erwartet und empfilngt. 
Andrerseits aber sagt er uns des Bestimmtesten, dass er 
kein Honorar, keine regelmässigen Einkünfte habe, wie 
etwa der Gerichtsredner. Die Herausgabe eines Buches 



1) cf. II, 6. 

2) In V, 6 und 10. 

3) X, 2, 5 sq. 



87 

bedingt für ihn weder Schaden noch Gewinn. So spricht 
er z. B. vom dreizehnten Buch gleich Anfangs im ersten 
Epigramm: 

Ne toga cordylis et paenula desit olivis, 
Äut inopem metuat sordida blatta famem; 
Perdite Niliacas, Musae, mea damna, papyros; 
Postulat, ecce, novos ebria bruma sales. 
5 Non mea magnanimo depugnat tessera talo, 
Senio nee nostrum cum cane quassat ebur. 
Haec mihi Charta nuces, haec est mihi Charta firitillus. 
Alea nee damnum nee facit ista lucrum. 

,Mein Würfelspiel ist ganz harmlos; es bringt mir 
weder Schaden noch auch Gewinn." Martial erklärt da- 
durch ausdrücklich, dass er materiell von der Edition 
seines Buches nichts zu erwarten hat. An andrer Stelle, 
im dritten Gedichte desselben Buches, sagt er uns in nicht 
weniger deutlicher Sprache, dass sein Buchhändler den Ge- 
winn bezieht: 

Omnis in hoc gracili Xeniorum turba libello 
Constabit nummis quattuor empta tibi. 
Quattuor est nimium? poterit constare duobus, 
Et faciet lucrum bibliopola Tryphon. 

Es dünkt uns, deutlicher könne man nicht reden. Mar- 
tial hat von seinem Verleger kein Honorar er- 
halten. 

Somit sind wir zum Schluss unserer Untersuchung und 
zugleich zum Ende unseres dritten Abschnittes gelangt. Wir 
fassen unsere Resultate zusammen: das Verhältniss 
zwischen Autor und Editor war kein contrakt-- 
liches. Der Schriftsteller erhielt vom Buchhändler 
kein Honorar; er erwartete auch keines^). 



1) In gleicher Weise hat sich über die Honorarfrage geäussert 
K. Cumpfe (Listy filologicke a paedagogicke red. von Kuicala und 
Gebauer XL Jahrg. 1. u. 2. Heft p. 26 — 32: „Ob den römischen 
Schriftstellern von den Buchhändlern ein Honorar gezahlt wurde*), 
von dessen Abhandlung ich durch die Berliner philologische Wochen- 
schrift Nr. 148 (29. November 1884 (Notiz erhalten habe. 



88 

Wir widmen unseren letzten Abschnitt der Besprechung 
einzelner Punkte. Wenn wir von Autorrecht, von Verlags* 
recht sprechen, so verstehen wir darunter natürlich nicht 
einen Complex von gesetzlichen Bestimmungen über den 
betreffenden Gegenstand. Wir nehmen das Wort „Recht^** 
nicht in juristischem Sinne, sondern in seiner gewöhnlichen 
allgemeinen Bedeutung. 



IV. Excurse über einzelne Fragen. 

1. Die Anfertigung und der Umfang der Rollen. 

Es erhebt sich nach den oben ') über die Anfertigung 
der Rollen gegebenen Erörterungen die Frage nach einer 
genaueren Unterscheidung der Funktionen des Papierr 
fabrikanten und derjenigen des Buchhändlers. 

Wenn auch dieser Gegenstand ein wenig aus dem 
Rahmen unserer Aufgabe tritt, so können wir nicht daran 
vorbeigehen, ohne wenigstens unsere Ansicht zu äussern. 

Th. Birt, gestützt auf die wichtige Stelle: Plin. h. n. 
Xin, 77, behauptet (p. 132 d. Ant. Buehw. cf. p. 342): ,,die 
Papierfabriken lieferten den Griechen und Römern nicht 
nur, wie die unsrigen, lose Blätter und Bögen, sondern die 
vollständigen Buchrollen selbst, die also fix und fertig, doch 
unbeschrieben auf den Inhalt harrten, den der Autor für 
sie bestimmen würde**. 

Dies ergebe sich aus dem Fabrikatioiisbericht des 
Pliniüs, und zwar speciell aus den Worten (XlII, 77): Dein 
siccantur sole plagulae atque inter se junguntur, proximarum 
semper bonitatis derainutione ad deterrimas; numquam plures 
scapo quam vicenae. 

Th. Birt weist für scapus mit Recht die Erklärungen 
,Papyrusstengel" und „RoUstab** ab (ant. ßuchw. p. 238). Wir 
nehmen das Resultat seiner Zusammenstellung an: scapus 
kann bedeuten TOfiog, tomulus chartarum. „Ist nun aber", 
fahrt Th. Birt fort, „scapus die Rolle selbst, so ist mit den 
20 Blättern, die Plinius nennt, nichts anzufangen." Er ver- 
muthet daher, es sei, statt vicenae, ducenae zu lesen (p. 341) 
und dies ist „das Maximalmass der Rolle, über das der 

p. 38. 



90 

Fabrikant nicht hinausgieng, der Autor nicht hinausgehen 
konnte** (p. 241); ein Mass, innerhalb dessen der Autor 
sich nicht frei bewegen konnte (p. 132). 

Das ist ja die reine Tyrannei! So soll sich ein Cicero, 
ein Vergil durch den glutinator haben schulmeistern lassen, 
— das Genie durch das Handwerk! Das glauben wir nie 
und nimmermehr, dass der Schriftsteller in seiner Arbeit 
sich genau nach dem „ihm vom glutinator gesteckten Masse** 
richten musste. Diese absolute, constante Herrschaft der 
Materie über den Geist können wir nicht begreifen, noch 
fiir möglich halten. 

Die griechische classische Literatur ist unbehelhgt von 
diesem Raumprincip entstanden. Erst der Alexandriner 
Bibhothekar (Callimach) war es, der die Theilung der 
Schriftwerke in Bücher vornahm und das Kleinrollensystem 
einführte^). Dort wurde allerdings die Buchtheilung an der 
todten Materie mit unerbittlicher Consequenz durchgeführt. 
Sollen wir deshalb denken, der römische Autor habe in 
seiner Arbeit sich diesen lästigen Zwang auferlegen lassen? 
Von wem? vom Papierfabrikanten? von der Mode? 

Wir vindiciren ihm eine gewisse Freiheit der Dispo- 
sition, eine vollständige Freiheit in der Composition, vor 
allem aber in der Conception seiner Werke. Edition eines 
Werkes bedeutete, mit Th. Birt's Worten (Ant. Buchw. Einl. 
p. 2), für dasselbe den Eintritt aus willkürlicher Buch- 
form in die systematisch geordnete des Buchmarktes. 

Die antike Litteratur liegt uns in Büchern vor. Diese 
unsere Bücher sind die Rollen des antiken Buchwesens. 

An diesen Satz knüpft Th. Birt folgenden an: Es gab 
für die Rolle eine Maximalgrenze; genauer gesagt, es gab 
einen Raumzwang, „dem die Alten schon bei der Conception 
ihrer Werke selbst und während all ihres Producirens ge- 
horsamten** (Einl. p. 9). 

Gegen diese letzte Behauptung also protestiren wir. 

Ein relatives Maximalmass der Rolle kann man schlech- 
terdings nicht leugnen. Es motivirt sich: 

1. aus dem Bedürfniss nach handlichen Exemplaren, 

2. aus dem Postulat der Solidität. 



1) Dass man indess diese Neuerung nicht allzu wichtig nehmen 
dürfe, thut dar E. Rohde: Gott. Gel. Anz. 1882. Stück 49 p. 1554 f. 



91 

Es wa^r also für den, der ein grösseres Werk vorhatte, 
ein äusserer Anlass der Theilung vorhanden ; doch dies war 
nicht der einzige, ja nicht einmal der wichtigere. 

Wir theilen auch jetzt noch grössere Werke in Bücher, 
Capitel etc. Diese Massregel entspricht einem tief in der 
menschlichen Natur liegenden Verlangen nach üebersicht- 
lichkeit. Auch der antike Autor theilt dieses Bedürfniss, 
ebenso wie sein Leser. Darum sind auch die Bücher unserer 
classischen Texte zunächst Sachtheile, dann aber auch 
Raumeinschnitte (vgl. Th. Birt p. 131). Zu diesem Bedürf- 
niss nach übersichtlicher Darstellung als Ursache, gesellt 
sich allerdings eine äusserliche Veranlassung, das gegebene 
Format des antiken Litteraturbuches. 

Der Autor theilt, disponirt sein Werk. 

Er passt seine Disposition dem äusseren Princip an. 
Dieses Princip ist aber kein absolutes. Der Autor bewahrt 
dabei soviel Freiheit, dass er da, wo die Theilung äusser- 
lich sich empfehlen würde, dieselbe aber der Oeconomie des 
Ganzen Eintrag thun würde, vom Raumprincip abstrahiren 
kann. In solchen Fällen steht es ihm frei, die Rolle, jene 
durch den Usus festgestellte Einheit, je nach seinem Be- 
dürfniss zu gestalten. 

Es wäre fürwahr ein testimonium paupertatis, ein Zei- 
chen geringen künstlerischen Ehrgeizes, wenn der Autor 
nur immer nach rein äusserlichen Gesichtspunkten gearbeitet 
und disponirt hätte. Dies behauptet eben Th. Birt. Wir 
lesen p. 132 folgenden Ausspruch: „Diese Aufgabe (die 
Bücher zu untergeordneten Einheiten zu erheben) war um 
so schwerer, falls, wie sich im Verlauf zeigen wird, der 
Rollenumfang diesseits des überhaupt möglichen Maximal- 
masses nicht, so wie es in jedem Fall passte, beliebig klein 
oder beliebig gross angesetzt werden konnte." Die gleiche 
Anschauung kehrt p. 134 wieder — sie macht sich überhaupt 
in der von Th. Birt gegebenen Darstellung geltend — „die 
Enge der Rolle konnte dann freilich für gewisse Theile 
Auslassungen oder eine grössere Knappheit der Fassung 
hervorrufen, als sachgemäss erscheint. Reichte umgekehrt 
der Stoff nicht (um die Rolle zu flillen), so halfen Excurse.** 

Wir leugnen nicht, dass der Autor, unter Umständen, 
das räumliche Princip mit in Berücksichtigung ziehen 



92 

mochte; doch, dass es ein Zwang war, dem er immer ge- 
horchen musste, dem er nicht ausweichen konnte, dies be-* 
streiten wir. 

Angenommen, der Zwang bestand wirklich, im vollen 
Sinn des Wortes. Wir sind sodann berechtigt zu fordernr, 
dass das für jeden speciellen Fall gegebene Mass der Rolle 
nicht öherschritten werde. Dass von einem Werke, welches 
aus vier Büchern besteht, alle vier Rollen gleich lang ge-^ 
wählt seien. Wo eine üeberschreitung des Gleichmasses 
vorliegt, erwarten wir, dass der Autor als einzigen Grund 
hierfür geltend mache: den Raumzwang. Cornificius schrieb 
rhetorica in vier Rollen. Die drei ersten sind annähernd 
gleich lang; die vierte dagegen ist doppelt grösser als die 
andern. Cornificius musste eigentlich vier Rollen von gleicher 
Länge nehmen. Nun aber fand er bloss drei ungeßLhr gleich 
lange und eine längere vor. Also musste das vierte Buch 
doppelt länger werden als die drei ersten. Etwas ähnliches 
läge im vierten Georgicon des Vergil vor: zur Ausfüllung 
der Rolle, um dem mangelnden Lehrstoff nachzuhelfen, hätte 
Vergil die Gallus- und Orpheusepisode angefügt^). 

Man sieht, zu welchen Syllogismen uns diese Lehre von 
einem eigentlichen Raumzwange führt. 

Man bedenke, wie mannigfaltig die Ausdehnung der 
Bücher der antiken Litteratur ist. Diesen bunten Wechsel 
von kleineren und grösseren Gesängen und Büchern, den 
sollten wir der jeweihgen Beschaffenheit der Rolle ver- 
danken, auf welche der Autor gerade schrieb. Es würde 
sich fast verlohnen, dieses Thema, welches unerschöpflich 
ist, eingehend zu behandeln, alle Bücher römischer Prosa 
und Poesie dahin zu untersuchen, ob der Anlass zur Thei- 
lung jeweilen ein sachlicher oder eher ein äusserlicher ge- 
wesen sei. 

Sehen wir, ob die Belege, welche Th. Birt beibringt, 
genügen, um seine Theorie zu rechtfertigen (ant. Buchw. 
p. 147 sqq.). Er beruft sich zu allererst auf einige Aeusse- 
rungen des hl. Augustin: de civ. Dei 1. IV fin.: 

quod sequitur in volumine sequenti videndum est et hie 

dandus huius prolixitatis modus. 



1) Wie stimmt dazu die Nachricht (Serv. ad ecl. 11, 10), dass 
Vergil das Lob des Gallus auf Wunsch des August streichen musste? 



93 

Zu beachten: Augustin gibt^ aetzt ein Mass. 

ib. V, 1 : hie itaque modus sit huius voluminis ut deinceps 
disposita ab alio sumamus exordio. 

ib. n lin: deinceps videbimus ut hie sit huius voluminis 
modus. 

Dann treten als Zeugen auf: Orosius, Origenes, Clemens 
Alexandrinus, Athenaeus etc., ^allerdings nicht Autoren 
bester Zeit und besten Namens**. 

Orosius bist. II fin.: et quoniam über dicendi materia 
est, quae nequaquam hoc concludi libro potest, hie prae- 
sentis voluminis sit ut in subsequentibus (plural!) cetera 
persequamur. Auch hier schUesst der Autor ab, weil er 
seinen Stoff unmöglich in einer Rolle bewältigen könnte. 
Das noch nicht Behandelte soll noch mehrere volumina 
ausflillen. 

Ebenso subjectiv spricht Origenes im Anfang des XIII. 
Buches an Ambrosius: 

lawg /ii€v av ado^e Goi zdv neql z^g ^afiagslzidög koyov 
fitj diaxoTiijvaL cdoTS (.lEQog fxiv xl aizov ecvat iv zip iß* 
zojLKp^ zä ds e^Yjg iv zcp ly • akli enet ecoQcofxev ccvzaQ'/,ri 
TtEQiygacpriv €lXrjf.i/iievaL zbv iß* zcov i^rjyrizrAiüV, edo^ev 
rif.ilv "/,azal'^£aL, 

Die Rolle hat die gehörige Grösse erreicht; der Autor 
findet, es sei besser, nun abzubrechen: edo^ev rifilv xaza- 
Iri^ai, „Weil es uns gut schien, haben wir aufgehört.** Ist 
das wirklich ein „vollkommener Zwang**? Die gleiche Be- 
wandtniss hat es mit Ausdrücken wie (.Uzqov aHzagzeg (Sext. 
Empir. ngog doy^i, I fin.). Neues Licht gibt uns Athenaeus, 
IV, 185, a: enl zovzoig zelag exizo) rjde fj ßißXog, Ixavov 
€ilriq)via fxriKog, VI, 275, b: snel ds sig Ixavov fiirjy,og ngovßri 
za zcüv dnoinvriJLiovevd'evzwv, avzov xazanavaia/iev zdv Xoyov, 

Die Rolle entsteht, sie wächst in die Länge. 

Wenn sie ein genügendes Mass erreicht hat, wird ab- 
gebrochen. Freilich kommt es vor, dass der Stoff das Ab- 
brechen nicht empfiehlt. Dann wird in derselben Rolle 
forgefahren. Das ist z. B. beim VTII. Buch des Athenaeus 
geschehen. Darum die Worte (365, e): ovyc dvaQ(,ioazov di 
'Aal zovzov zov avyygdiLifiazog ziXog elXricpoTog avzov "Aaza- 
navoai zov loyov, f,n] ycal rif,iäg zig olrid-fi Y.aza zov ^Ef.i' 



94 

nedo'^Xia Ix^vg note yeyovivai , . . Athenaeus will verhüten, 
dass man sein Buch als ein fiiya naKov bei Seite werfe. 

Endlich bekommen wir Zeugnisse von Schriftstellern 
aus besserer und bester Zeit zu hören. 

Cicero schliesst sein zweites Buch de inventione mit den 
Worten: Nunc quoniam omne in causae genus argumentandi 
ratio tradita est, de inventione, prima ac maxima parte 
rhetoricae, satis dictum videtur; qua re, quoniam et una 
pars ad exitum hoc et superiore libro perducta est et hie 
liber non parum continet litterarum, quae restant in reliquis 
dicemus. Cicero bricht aus rein sachlichen Gründen ab; sein 
Stoff ist erschöpft. Dies die eigentliche Begründung; ausser- 
dem, fügt er hinzu, enthält dieses Buch nicht zu wenig 
Buchstaben, es ist lang genug. 

Der jugendliche Autor hält noch etwas auf gewisse 
traditionelle Vorschriften über Zahl der Buchstaben und 
Länge der libri. In den Werken des reifen Mannes ist nirgends 
die Spur einer solchen Erwägung. Doch dass er sich, in 
der Jugendzeit schon, gar nicht um diesen angeblichen 
Raumzwang kümmert, dass derselbe für ihn gar nicht 
existirt, beweist das Ende des ersten Buches de inventione: 
Sed quoniam, ut videmur, de omnibus partibus orationis 
diximus et huius voluminis magnitudo longius processit, 
quae sequuntur deinceps, in secundo libro dicemus. Auch 
hier stehen die sachlichen Erwägungen im Vordergrund. 
Cicero gesteht, dass die Rolle zu dick ausgefallen ist. Also 
hatte er ein kürzeres Buch in Aussicht genommen; nun hat 
sich der Stoff gehäuft, die Rolle ist gewachsen und so ist 
das vom Autor vorausgesetzte Mass überschritten worden. 
Wir ersehen hieraus, dass der Autor das Mass approximativ 
im Voraus bestimmt. Dieses Mass kann er überschreiten; 
er ist an keinen Zwang gebunden. 

Wir kommen bei Cornificius zur gleichen Einsicht. Am 
Schluss des ersten Buches sagt er: nunc quoniam satis huius 
voluminis longitudo crevit, commodius est in altero libro 
de ceteris rebus deinceps exponere, ne qua propter multi- 
tudinem litterarum possit animum tuum defatigatio retardare ^). 



1) Vgl. die Auslegung von Th. Birt, p. 154 d. ant. Buchw. Cor- 
nificius hütet sich nicht vor dem zu wenig, sondern vor dem zu viel. 



95 

Die Rolle ist bis zu einer gewissen Länge angewachsen; 
nun bricht der Autor ab, weil es für ihn bequemer ist. 
Dieses Wort sagt alles. 

Wenn das vierte Buch der rhetorica so ungewöhnlich 
lang ausgefallen ist, brauchen wir dafür nach keinem an- 
deren Grunde zu suchen. Es war bequemer; der Autor 
mochte nicht eine fünfte Rolle beginnen und verlängert die 
vierte nach Belieben. 

Ein Hauptgewicht scheint Th. Birt auf eine Aeusserung 
Varro's zu legen de 1. 1. V, 37 (ed. Spengel): Ad vocabula 
quae pertinere sumus rati, ea quae loca et ea quae in locis 
sunt, satis arbitror dicta, quod neque parum multa sunt 
aperta, neque si amplius velimus, volumen patietur. Nach 
den bis jetzt gegebenen Erörterungen kann uns dieses vo- 
lumen non patietur keine grossen Schwierigkeiten machen 
— besonders wenn wir bedenken, der Sprechende sei in 
seinen Dispositionen und Theilungen von Pedanterie nicht 
ganz frei gewesen. Varro hält es für gut, abzubrechen, 
weil er sein Thema gemäss seinem von vornherein fixirten 
Plane behandelt hai Ausserdem hat die Rolle das genügende 
Mass erreicht. 

Am Ende des VII. Buches (Spengel c. 7) lesen wir: 
Sed quod vereor ne plures sint futuri, qui de hoc genere 
me, quod nimium multa descripserim reprehendant, quam 
quod reliquerim quaedam, accusent, ideo potius jam repri- 
mendum quam procudendum puto esse volumen. Quocirca 
quoniam omnis operis de 1. 1. tris feci parteis primo quem- 
admodum vocabula imposita essent rebus .... prima parte 
perpetrata, ut secundam ordiri possim, huic Hbro faciam 
finem. 

Varro sagt unumwunden aus, er breche ab, um seiner 
Disposition gerecht zu werden. Ausserdem befürchtet er, 
man möchte ihm eher allzu grosse Ausführlichkeit als Knapp- 
heit vorwerfen. Darum wolle er das Buch lieber schliessen, 
als länger werden lassen. So verstehen wir die Worte: 
ideo potius jam reprimendum quam procudendum puto esse 
volumen. 

Anders erklärt Th. Birt p. 149 n. 1 (d. ant. Buchw.): 
»procudere ist gesagt statt porro describere**. Man ver- 
gleiche Hieron. Corament. Ezech. XH, praef. »ista quae no- 



96 

tariorum stylo cudimus ..." Mit Belegen aus der späten 
Kaiserzeit ist jener Gebrauch von procudere für Varro nicht 
erwiesen. Ausserdem treffen wir bei Hieronymus entweder 
das blosse Simplex cudere oder stylo cudere, procudere 
dagegen nirgends. Auch kommt durch die Glosse porro 
describere ein schiefer Sinn heraus. Varro motivirt einfach 
den Buchschluss. 

Wie verhielt sich ein Quintilian in solcher Angelegen- 
heit? Er gesteht uns, dass er „durch die Fülle des Gegen- 
standes sich hat bewegen lassen, sein neuntes Buch mehr 
als die übrigen auszudehnen". Also war er äusserlich durch 
den „Raumzwang" soviel als gar nicht gebunden^). 

Wenn derselbe Quintilian das fünfte Buch mit den 
Worten schUesst:. hie tamen habendus istis modus, ut sint 
Ornamente non impedimento, so hat es rein sachlichen Be- 
zug. Er will an die citirten ciceronischen Worte nichts an- 
knüpfen, sonst hören dieselben auf, eine Zier zu sein. 

Besonders anschaulich finden auch wir die Aussagen 
des guten Martianus Capella. Er schriftstellert die ganze 
Nacht hindurch und würde noch eine Seite ankleben und 
vollschreiben, wenn der Morgen nicht schon da wäre. Er 
verfügt also ganz und gar über das Material. Er schreibt 
fort und fort, die Rolle wird länger und schliesslich 
wird der umbihcus angenäht. In seinen Nuptiae 11, 219 
sagt er naiv: 

Ac ni rosetis purpuraret culmina 
Aurora prima et convenustans habitus 
Surgens fenestras dissecaret lumine, 
Adhuc jugata compararet pagina 
Quocumque ducta largiorem circulum. 

Am Ende des fünften Buches lesen wir: 

Tandem loquacis terminata paginae 
Asserta cursim, quae tamen voluminis 
Vix umbilicum multa opertum fascea 
Turgore pinguis insuit rubellulura. 

Es werden ferner Gedichte des Martial angerufen (bei 



^) J. 0. IX, 46: Nam finem imponere egresso destinatum modum 
volumine festino. 



97 

Birt p. 150), welche von allgemeiner Bedeutung sind und 
keine speciellen Aufschlüsse enthalten. 

„Es ist ein andres, Epigramme schreiben und ein Buch 
publiciren.** (VII, 85.) Es sei schwer, ein Buch mit lauter 
Gutem zu füllen, Mittelmässiges müsse immer mit unter- 
laufen. 

Der Dichter will damit nicht sagen: wenn es gestattet 
wäre, ganz kleine KoUen zu verwenden, so würde ich die 
mittelmässigen und die schlechten Gedichte ausschliessen und 
bloss die guten pubHciren. So ist auch zu verstehen I, 16: 

Sunt bona, sunt quaedam mediocria, sunt mala plura 
Quae legis hie: aliter non fit, Avite, liber. 

Wollen wir auf folgende Weise interpretiren ? »Ein Buch 
entsteht nicht auf andre Weise; es gibt keinen Ausweg: 
die Rollen sind einmal von gewisser Grösse, man muss sie 
füllen." Nein! Der Dichter spricht viel allgemeiner: Kaufst 
du ein Buch Epigramme, so musst du auch das Mittel- 
massige darin in den Kauf nehmen; Bücher, die nur Gutes 
bieten, gibt es einfach nicht. 

Endlich wird von Th. Birt wieder ein Kirchenvater ins 
Feld geführt. Wir erfahren aus einem Geständniss des 
Hieronymus selbst, dass er in seinem Prophetencommentar 
zwar suchte, seine Bücher gleich gross zu gestalten, dass 
es ihm aber nicht immer gelang, dass z. B. das 18. Buch 
aussergewöhnlichen Umfang erreicht hat. Wir lesen in der 
praefatio dieses Buches: tempus est ut finem imponam 
volumini ... in cuius expositione si prolixior solito fuero, 
extremis partibus concedendum est, quas dividere nolui ne 
librorum numerus augeretur. Hieronymus wollte nicht; 
trotz Raumzwang und Gleichmass hat er sein 18. Buch 
nach seinem Bedürfniss ausgedehnt. 

Wollen wir consequent verfahren, so leugnen wir ebenso 
eine absolute Minimalgrenze. Die Gründe, welche die Be- 
obachtung eines Maximalmasses erforderten, fallen in diesem 
Falle weg. Es ist auch in der That keine Ursache, nicht 
anzunehmen, dass Publicationen kleineren Umfanges statt- 
gefunden haben. 

Sowohl Corniticius als Martial geben für die Annahme 
eines Maximalmasses keinen festen Anhaltspunkt. Wir ver- 
mögen wenigstens auch mit dem besten Willen nicht, aus 

7 



98 

der oben citirten Stelle (rhet. ad Her. I. fin.) herauszujesen, 
dass der Autor »das kleinstmögliche Mass noch mit genauer 
Noth ausgefüllt habe**. Auch mit der von Th. Birt versuch- 
ten Deutung des Gedichtes Mart. XI, 108 können wir uns 
nicht einverstanden erklären. Es wird später darauf zurück- 
gekommen werden. 

Seneca fügte seiner sechsten Suasorie noch eine siebente 
bei (wie die sechste über Cicero) — nicht damit seine Söhne 
die Rolle bis zum umbilicus aufrollen, damit kein Papier 
verloren gehe, sondern um zu verhüten, dass Novatus, Se- 
neca jun. und Mela etwa da zu lesen aufhören, wo er die 
Behandlung der Schulthemen aufgibt: das ist nach der 
fünften Suasorie ^). Denn, wenn die sechste noch zu den 
Scholastica gehört, dann sind die Worte des Seneca absurd 
(VI, 27): si hie desiero, scio futurum ut vos illo loco desi- 
natis legere quo ego a scholasticis recessi, ergo ut librum 
velitis usque ad umbilicum revolvere, adjiciam suasoriam 
proximae similem. 

Wenn deren mehrere sind, werden die Söhne auch die 
letzten Stücke, obgleich sie keine eigentlichen Schulthemen 
sind, fertig lesen. 

Wir finden unter den von Th. Birt aufgeführten Zeug- 
nissen keines, welches von einem Raumzwang spricht. Es 
steht also seine Hypothese auf schwachen Füssen, wenn sie 
keine bessere Stütze findet. 

üebrigens — um auf jene Pliniusstelle zurückzukommen 
(n. h. XITT, 77) — was wäre mit der Conjectur gewonnen, 
dass „ducenae** das Maximum der Blätterzahl einer Rolle sei? 

Plinius sagte: Die Blätter werden aneinandergeleimt, 
doch nie mehr als 200; aber wohl 199, 150, 100 u. s. w. 
Ist das eine technische Bestimmung? Was nützt sie in 
dieser Allgemeinheit? 

Was sagt uns dagegen „vicenae"? 

Es werden iu der Fabrik nie mehr als 20 Blätter an- 
einandergeleimt 2). Das ist eine kleinere Einheit; aus solchen 
setzt sich jedes grössere Ganze zusammen. Plinius beschreibt 



^) Im gleichen Sinn C. Bursian in seiner Recension v. Th. Birt's 
Werke Jahresber. 1882. Bd. XXXII p. 160—165. 

2) So vermuthet auch H Landwehr in seiner Recension von Birt's 
Buche (Phil. Anz. 1884. XIV. 7. Heft p. 357 ff.). 



99 

Punkt für Punkt die Fabrikation des Papiers: Bereitung 
der scissurae, das texere, glutinare u. s. w. Die dadurch 
entstandenen Blätter werden zu einer ersten Einheit ver- 
einigt, welche die Verwendung des Papiers im praktischen 
Leben für allerlei Zwecke gestattet. 

Diese erste Einheit bezeichnet Plinius als scapus. Hiebei 
stützen wir uns auf den von Th. Birt, resp. Dr. Löwe, er- 
brachten Nachweis p. 239 f.: 

1. scapus To/iiog ßißlitov, xoLQxriq^ Philox. p. 193, 1 ed. B.Vulc. 

2. scapi y,av6vBg yeQÖLaxoi ycat x^Qi^ov t6[.loi^ ders.p. 192, 59. 

6. scapus: tumulus, Casin. 90. Vat. 1469 Gas. 218. 

7. scapus: tumulus (= tomulus) chartarum, Gas. 218, m. 

Gas. 90. Vat. 1469 glossae 'aa'. cod. Vat. 1468. 

Nr. l, 2 bes. 6, 7 berechtigen die Auffassung von scapus 
^= x6ixog\ tomulus. Dies scheint auf eine kleinere Quantität 
Papier hinzudeuten. 

Scapus ist ja ein ungewöhnlicher Ausdruck, der uns in 
der Litteratur in diesem Sinne sonst nicht begegnet. Es ist 
ein terminus technicus des Papierfabrikanten; wie wir heute 
noch von „Heft, Buch** sprechen, sagte er scapus. Es ist 
nicht die Rolle als Litteraturbuch. 

Plinius gibt also kein Maximalmass der Rolle an. Er 
spricht überhaupt nicht von der Rolle als Trägerin der 
Litteratur '). Er sagt nichts davon, dass die aneinanderge- 
leiraten paginae um einen Stab aufgerollt werden und so 
das Buch entstehe. 

Was Plinius thut, ist, aus seinem Wortlaut geschlossen, 
einfach folgendes. Er schildert die Bereitung des Papiers 
(§ 74: praeparatur . . charta), speciell des Einzelblattes. 
Mehrere Einzelblätter werden zu einer elementaren Einheit 
verbunden. Der Scapus zählt nie mehr als 20 Blätter. Diese 
scapi werden praktisch beliebig verwendet, nicht nur zur 
Herstellung von Buchrollen. Man braucht Papier auch für 
andre Dinge als zur Schriftstellerei. Plinius hat uns in eine 
Papierfabrik, nicht in eine Fabrik von Buchrollen geführt. 
Freilich können beide Industriezweige vereinigt gewesen 



1) Vgl. Th. Birt p. 252: „minder flüchtige Leetüre zeigt, dass 
Plinius gar nicht an die Buchrolle dachte. Er sagte: magna in la- 
titudine earum differentia." 



7 



i^ 



100 

sein. In der Pliniusstelle verlangen wir, dass man die zwei 
Begriffe „Papier" und „Rolle" aus einander halte. 

Man vergleiche über die Auslegung der Pliniusstelle 
vor allem H. Blümner^s Technologie und Terminologie der 
Gewerbe und Künste I. Bd. p. 317 n. 1. 

Der Verfasser referirt die mannigfaltigen Interpretations- 
versuche und entscheidet sich schliesslich für folgende Aus- 
legung; „Mit den Worten proxumarum semper bonitatis 
deminutione ad deterrimas meint Plinius wirklich die Schich- 
ten, deren Güte, d. h. tenuitas, immer mehr abnahm von 
der Mitte aus, und mit scapus ist der Stengel der Papyrus- 
staude gemeint." Wir geben zu, diese Erklärung ist plausibel, 
doch sie erfordert eine Versetzung der interpretirten Worte 
in § 74 nach den Worten: principatus medio atque inde 
scissurae ordine. Dieser Satz ist elliptisch, insofern als das 
Praedicat nicht ausgesetzt ist. Dazu soll noch die lakonische 
Wendung kommen: proxumarum semper bonitatis deminu- 
tione ad deterrimas? Es ist eine starke Zumuthung an die 
Fassungskraft des Lesers. Ausserdem ist auch sachlich die 
Versetzung nicht ohne Schwierigkeit. H. Blümner p. 311 
n, 1 gibt zu, es sei sehr fraglich, ob die Qualität der Streifen 
nach der Rinde zu abnahm. Die Beobachtung scheint es 
nicht zu bestätigen. 

Gegen unsere Ansicht (p. 99), die, wie wir sehen, schon 
durch Lenz in seiner Uebersetzung vertreten ist, wird ein- 
gewendet, die Worte proxumarum semper bonitatis demi-' 
nutione ad deterrimas seien, an ihrer Stelle gelassen, kaum 
zu erklären. 

Allerdings, auch wir weisen die Erklärung von Dureau 
de la Malle 1) ab. Es ist in der That undenkbar, dass man 
eine Rolle aus den verschiedensten Papiersorten zusammen- 
gesetzt haben sollte. Nein; gerade die Blätter von guter 
Qualität kamen zusammen. Es ist natürlich, dass die Fabrik 
nicht lauter gute plagulae liefern konnte. Das Rohmaterial 
war ja unmöglich von gleichmässiger Güte; auch mochte 
die Verarbeitung desselben bald besser, bald weniger gut 
geUngen. Es gab also gute und schlechte Blättchen. Man 
sah nun beim Zusammenleimen darauf, dass die guten 

1) Memoire sur le papyrus et la fabrication du papier chez les 
anciens. Mem. de Tlnst. XIX p. 171 sqq. 



101 

plagulae möglichst zusammen blieben. Es ergab sich so in 
der Zahl der hergestellten Scapi eine Abstufung von der 
besten bis zur geringsten Qualität des Papiers. Innerhalb 
des Scapus mochte diese Abstufung kaum wahrzunehmen 
sein, während man den Abstand von einem Scapus zum 
andern fühlen musste. Die Scapi von besserer Qualität ver- 
wendete man für feinere Zwecke, als Bücher, Briefe etc. 
Das ordinäre Papier diente dagegen für untergeordnete 
Zwecke, etwa als Concept^). 

Die von Plinius vorgeführte Papierfabrik liefert, nach 
seinem Bericht, nicht ausdrücklich das Litteraturvolumen, 
d. h. die Rolle mit umbilici, fix und fertig. Es war ja unter 
allen Umständen für die Verfertigung der Rollstäbe, für die 
membranae ein eigenes Handwerk, eine eigene Industrie zu 
requiriren. 

Aus dieser längeren Digression wird klar geworden 
sein, dass die Papierfabrik die Rollen nicht nothwendig fix 
und fertig lieferte, dass der Autor nicht sofort auf Rollen 
schrieb, dass er also im Combiniren und Disponiren eine 
gewisse Freiheit doch hatte, dass die Herrschaft des Raum- 
princips nicht eine so absolute war, wie Th. Birt will. 

Wir möchten schliesslich noch auf Eins aufmerksam 
machen. 

Cic. ad Att. XVI, 6, 4 bittet seinen Verleger, das Pro- 



*) Wir geben zu, dass der Wortlaut: et siccantur plagulae atque 
inter se junguntur, proxumarum semper bonitatis deminutione ad de- 
terrimas, an andres noch denken lässt, wie denn überhaupt stilistisch 
dieser Satz zu mancherlei Betrachtungen veranlassen kann. Es fragt 
sich, ob wir eine Corruptel an dieser Stelle annehmen müssen. Wir 
glauben nicht. Kühn ist allerdings die Anreihung des ablat. demi- 
nutione, doch dürfen wir bei Plinius nicht alles verwerfen, was 
unserer Logik und Stilistik nicht genau entspricht. Proxumarum 
semper bonitatis deminutione vertritt eine echte Participialconstruc- 
tion: proximis semper bonit^te deminutis. — Man könnte übrigens 
auch an den Ausfall eines participium unmittelbar nach junguntur 
denken, wie: Collocatae, dispositae. — Unsere Fassung ist also fol- 
gende: Die Blättchen werden aneinandergeleimt, indem immer die 
darauffolgenden bis zu den schlechtesten an Güte abnehmen. Wir 
nehmen eine Masse von 1000 plagulae an, sie werden verbunden und 
geordnet nach der Qualität des Papieres; dieses Princip steht über 
der Eintheilung in 50 scapi; die scapi selbst nehmen unter sich ab 
von den feinsten bis zu den ordinärsten Sorten. 



102 

oemium des Buches de gloria zu beseitigen, „wegzuschnei- 
den". Er habe dasselbe schon im dritten Academicum ver- 
wendet. Jetzt möchte Atticus ein neues, das er ihm scliicke, 
hineinleimen, „tu illud desecabis, hoc agglutinabis". Atticus 
liess durch seine glutinatores diese Veränderung vornehmen. 
Was er flir dieses Pro oemium that, konnte er es sonst nicht 
thun? War es nicht möglich, je nachdem es wünschenswerth 
erschien, die Rolle zu verlängern oder Blätter anzuleimen 
und auszuschneiden? Oder hatte er Buchrollen gekauft, von 
allen Grössen, für Werke jedes Umfangs? Musste er, wenn 
ihm ein Verlagsartikel übergeben wurde, aufs Gerathewohl 
eine Rolle nehmen von 100, 150 plagulae, auf die Gefahr 
hin, dass sie nicht ausgefüllt würde? 

Wie unbequem musste dieses Geschäft sein! Wir stehen 
nicht an, zu glauben, dass der Verleger sich seine Rollen 
zuschnitt und zusammenleimte. Wie leicht war es, Blätter 
herauszuschneiden, solche hin einzuleimen, auch wenn die 
umbilici schon von der Fabrik her befestigt waren! 

Allein flir diese Annahme haben wir meines Wissens 
keinen festen Grund. Man denke übrigens, wie umständ- 
lich das Abschreiben auf einer fertigen Rolle von 2 — 10 m 
Länge sein musste; wie viel leichter dagegen das Ab- 
schreiben auf einzelne Blätter, überhaupt auf kleinere Ein- 
heiten war! 

Wir glauben, man kann den Alten das praktischere 
Verfahren zuschreiben, da für die Verwendung des anderen 
(Abschriften auf fertigen Rollen) keine Beweise erbracht 
werden können. 

Wir denken uns die Sache in folgender Weise. 

Der Bibliopole kauft sich das Papier in Bogen (scapi). 
Diese Bogen werden einer nach dem andern vollgeschrieben. 
Erst nachträglich werden sie zusammengeleimt, zu einer 
Rolle vereinigt und die Rollen mit umbilici versehen ^). 

Dass dies das Verfahren des Autors zu sein pflegte, 
beweist schon jene vertrauliche Mittheilung des Martianus 
Capella: „Er würde noch eine Seite ankleben, wenn nicht 
der Morgen schon da wäre." Er schreibt Blatt um Blatt 



*) Dadurch fällt auch neues Licht auf die vicenae plagulae des 
Plinius. 



103 

voll, leimt sie zusammen und schliesslich wird der umbilicus 
befestigt ^). 

Auffallend stimmt dazu eine ausdrückliche Notiz des 
Ulpian in den Digg. XXXTT, 50 : Sed perscripti libri nondum 
malleati vel ornati continebuntur (legatis hbris) pro inde et 
nondum conglutinati vel emendati continebuntur; sed ßt 
membranae nondum consutae continebuntur. 

Ulpian hat offenbar Papyrusrollen im Sinne, welche, in 
einzelnen Stücken geschrieben, erst nachträglich zusammen- 
geleimt wurden 2). 



1) Man vergleiche Lucian adv. ind. 17: xiva yag iXniSa xal 
avTO^ l^o^v ig ta ßißXla dvatvkltxeiQ a€l xal öiaxoXXaq xal nfigi- 
xontsig xal aXslg)Sig t<^ xQoxtj) xal xy xiögnü xal 6i(pd^igag nsgißak- 
Isig xal ofJLfpakohg ivxi^rig^ dtg 6rj xi dnoXavawv avxdiv; 

3) In ähnlichem Sinne hatte sich schon vor uns über die ganze 
Frage ausgesprochen Erwin Rohde (Gott. Gel. Anz. 1882 St. 49 
p. 1537 ff), dessen Artikel über Birt's Buch uns erst nachträglich 
bekannt geworden ist. 

Der Verfasser anerkennt, dass die auffallende Thatsache eines 
Zwanges zur Vertheilung grösserer Werke auf mehrere Bücher durch 
die Benutzung bestimmt begrenzter Papyrusrollen für die Publication 
jener Werke wenigstens zum Theil mit erklärt wird. Aber freilich 
habe Birt die Regel, deren Richtigkeit im Allgemeinen unbestritten 
bleiben solle, vielfach stark überspannt. Zunächst weist der Recen- 
sent mit durchschlagenden Gründen nach, dass in der Praxis und 
daher auch im Sprachgebrauch der Alten die Einheit von »Buch* und 
, Rolle* bei weitem nicht so streng und ausschliesslich festgehalten 
worden ist, wie Birt behaupten möchte. 

Es kam vor, dass man einzelne Bücher auf mehrere Rollen ver- 
theilte, mehrere Bücher in einer Rolle vereinigte; auch wurde früh- 
zeitig schon (früher als Birt will) der Pergamentcodex hier und da 
der Rolle substituirt. Demnach könne ein äusserlicher Zwang, grössere 
Werke nach Massgabe der bestimmt begrenzten Papyrusrollen in 
Bücher zu zerlegen, für antike Autoren in dem Masse, wie Birt an- 
nimmt, nicht existirt haben. 

Aber auch den Zahlen gegenüber, welche Birt in seinem sechsten 
Capitel zusammenstellt, verhält sich Rohde sehr kühl. Zwischen dem 
angenommenen Maximalumfang und dem Minimum der Rolle liege 
ein so grosser Abstand, es finden im umfang der einzelnen Bücher 
eines und desselben Werkes solche Schwankungen statt, dass man 
nur schwer an den Zwang glauben könne. 

Fasst man alles zusammen, so schliesst der Recensent, so wird 
man erkennen, dass seit einer bestimmten Zeit die Sitte aufkam, 
grössere Werke in mehrere „Bücher" oder Bände zu zerlegen, deren 



104 



2. Das Autorrecht. 

Bei der Popularität der Gedichte des Martial war es 
zu erwarten, dass auch unberufene mit diesem so beliebten 
Artikel zu speculiren versuchen würden, sei es um Geld, 
sei es um Ruhm zu erwerben. Die Einen begnügten sich 
damit, martialische Verse in ihre Gedichte einzustreuen, 
Goldkör Qer in den Sand zu mengen (Mart. X, 100): 

Quid, stulte, nostris versibus tuos misces? 
Cum Utigante quid tibi, miser, Ubro? 
Quid congregare cum leonibus vulpes 
Aquilisque similes facere noctuas quaeris? . . . 

Andere kaperten seine Gedichte weg, um sie als ihre 
eigenen Producte zu recitiren. (Mart. XII, 63, 6 sq.): 

Die vestro, rogo, sit pudor poetae, 
Nee gratis recitet meos libellos: 
Ferrem, si faceret bonus poeta, 
Cui possem dare mutuos dolores: 



12 Nil est deterius latrone nudo 
Nil securius est malo poeta. 

Als plagiarius xar* i^oxt]^ ist uns Fidentinus bekannt^), 
an welchen gerichtet sind eine Reihe von Epigrammen 
(I, 29, 38, 52, 53, 66, 72). Nachher wird er sein Handwerk 
aufgegeben haben. Sobald Martial in einem weitern Publikum 
durch Edition bekannt wurde und er, der Fälscher, dem 
Leser signalisirt war, musste er von seiner Falschmünzerei 
abstehen. Den Anfang seiner Thatigkeit werden wir am 



Umfang die Autoren wohl nicht ganz ohne Rücksicht auf die im 
Buchhandel üblich gewordenen Formate der Papyrusrollen abmassen, 
hauptsächlich aber nur nach inneren Erfordernissen bestimmten. 
Dass die künstlerischen Motive die eigentlich bestimmenden für die 
Buchtheilung waren, zeigt sich daran, dass auch da, wo die Coinci- 
denz von Rolle und Buch fortfiel, die Buchtheilung nicht aufgegeben 
wurde. 

So lautet Rohde's ürtheil. Wir stützen uns gern darauf; zugleich 
aber freut es uns, hoffen zu dürfen, dass das, was wir über gewisse 
Theorien von Birt beigebracht haben, nicht überflüssig war. 

1) Teuffei RLG p 731 der IV. Aufl. fasst den Namen Fidentinus 
wie auch andre bei Martial als typisch auf 



105 

einfachsteD in die Zeit setzen, da Martial durch den Buch- 
handel noch nicht verbreitet war; er setzte sie freilich fort, 
auch nach der Edition (Mart. I, 29): 

Fama refert nostros te, Fidentine, libellos 
Non aliter populo quam recitare tuos. 
Si mea vis dici, gratis tibi carmina mittam: 
Si dici tua vis, en, eme, ne mea sint. 

Fidentinus soll also diese Gedichte kaufen, um sie als 
die seinigen vortragen zu können. 

Es fragt sich, wie der Kauf der Gedichte gemeint ist, 
.ob es der blosse Ankauf eines Bandes oder der Kauf des 
Autorrechts ist. Zur ersteren Annahme bekennt sich Ouden- 
dorp mit seiner Conjectur haec statt des überlieferten hoc 
eme in v. 4 (en, eme ist Schreibung von Schneide win). Wir 
schliessen uns Flach an und behalten das handschriftliche 
hoc. Es handelt sich um den Kauf des Eigenthumsrechts. 
Wenn es dem Fidentinus bloss um den Besitz eines Bandes 
Gedichte zu thun war, so brauchte er keinen Preis zu be- 
zahlen. Martial will ihm ja ein Exemplar schenken. Allein 
Fidentinus will die Gedichte als ^ die seinigen vortragen, er 
will deren Verfasser sein. Dieses Recht tritt Martial nur 
gegen Bezahlung ab. 

Flach's Aenderung in v. 4 „quod mea sunt" ist über- 
flüssig. Das überlieferte ne mea sint ist ungleich kräftiger: 
„kaufe sie, damit sie nicht mein seien; sie dürfen nicht mir 
gehören, wenn du sie fiir die deinigen ausgeben willst'*. 

Ob Fidentinus jene Gedichte damals schon (beim Buch- 
händler) gekauft hatte, ist nicht auszumachen; es bleibt 
auch ohne Einfluss auf die Lösung der Frage. Denn da- 
durch, dass man ein Libell beim Buchhändler kauft, ist man 
noch bei weitem nicht dessen „Eigenthüuier", d. h. dessen 
Verfasser. Dieser verkehrten Ansicht huldigte, wie es scheint, 
Paulus, II, 20: 

Carmina Paulus emit, recitat sua carmina Paulus, 
Nam quod emas, possis dicere jure tuum. 

Darin eben liegt die Pointe, dass Paulus sich als Ver- 
fasser des gekauften Buches geberdet. Dies ging zu Mar- 
tial's Zeiten ebensowenig wie heutzutage an; nur, dass wir 



\ 



106 

für das römische Alterthum keine Gesetze betreffend Schutz 
des litterarischen Eigenthums kennen. 

Deutlicher noch tritt uns die Sachlage aus I, 66 vor 
Augen, einem Epigramm, welchem bis jetzt noch nicht ge- 
hörige Beachtung geschenkt worden ist. Man pflegt nämlich 
naiv zu behaupten, die Alten hätten nichts von littera- 
rischem Eigenthum gewusst. Man stutzt sich auf jene 
Nachricht von der Herausgabe des Cato von Hirtius durch 
Cicero (Cic. ad Att. XII, 40, 1 1). 

Es genügt schon an Mart. II, 20, um diese Ansicht als 
unbegründet zu erweisen. Man höre aber, wie sich der 
Dichter im 60. Epigramm des ersten Buches ausspricht: 

Erras meorum für avare librorum, 
Fieri poetam posse qui putas tanto, 
Scriptura quanti constat et tomus vilis. 
Non sex paratur aut decem sophos nummis: 

Das Autorrecht kostet mehr als Schreiberlohn und 
Papier; mit 4 — 6 HS wird man nicht Dichter. 

Es ist wahrscheinlich, dass das Publikum keinen Augen- 
blick hintergangen wurde, sondern die Fälschung sofort 
wahrnahm und selbst schon den Autor rächte; daher auch 
dieser sich begnügte, mit seinen Epigrammen den Plagiarius 
zu bespötteln'^). 

Solche Fälschungen konnten dem Dichter keinen be- 
trächtlichen Schaden zufügen. Ja, er mochte es nicht ungern 
sehen, wenn ein Liebhaber sich bei ihm unedirte Gedichte 
kaufte und als die seinen herausgab. 

Martial gibt Fidentinus den offenen Rath (I, 66, 5 sqq.)- 

Secreta quaere carmina et rüdes curas 
Quas novit unus scrinioque signatas 
Custodit ipse virginis pater chartae. 

„Kaufe dir die Gedichte, welche noch bei mir im Pulte 
liegen, noch nicht edirt, ja noch nicht ausgefeilt sind (rudis 



M So denkt G. Boissier in dem oben angeführten Aufsatz über 
Atticus ^diteur de Ciceron p. 100. 

2) In I, 53 beachte man die juristischen Ausdrücke: v. 11 und 12 
Indice non opus est nostris nee judice libris, Stat contra dicitque tibi 
tua pagina „für es". 



107 

= nondum perpolitus et emendatus), von welchen einzig 
der Dichter weiss" (v. 9): 

Mutare dominum non potest über notus. 

„Ein edirtes Buch kann den Herrn nicht wechseln. Es geht 
nicht an; man kann seinen Namen nicht demjenigen des 
Autors substituiren. Kaufe die Gedichte, die noch nicht 
edirt sind; erwirb dir das Autorrecht über dieselben." 
V. 10 sqq.: 

Sed pumicata fronte si quis est nondum 
Nee umbilicis cultus atque membrana, 
Mercare: tales habeo; nee seiet quisquam. 
Aliena quisquis recitat et petit famam, 
Non emere librum, sed silentium debet. 

»Richter ist das Publikum. Um vor ihm sicher zu sein, ist 
es am besten, du erkaufst dir das Stillschweigen des Autors. '^ 
Es wird also von Martial ein bestimmter Weg gezeigt, auf 
welchem man zu litterarischem Eigenthum gelangen könne: 
durch Kauf der Gedichte vor der Edition. Damit verzichtet 
der Dichter nicht nur auf das Recht, sie selbst zu ediren, 
sondern überhaupt auf deren Autorschaft. 

Wir haben bereits oben zwei Fälle constatirt (p. 81 f), 
wo es sich um Abtretung eines Manuscripts handelte: 
Pompilius Andronicus sieht sich aus Noth genöthigt, seine 
Elenchi Annalium zu verkaufen. Er verzichtet auf das Recht, 
sie zu ediren, und auf die Autorschaft derselben. Das Buch 
geht ganz in den Besitz des Käufers über. Dieser kann 
dasselbe jetzt unter seinem eigenen Namen herausgeben. 
Wie Plinius zu solch einem Handel sich nicht entschliessen 
konnte, bedarf jetzt auch keiner besonderen Erklärung. 

Man kann also den Alten nicht vorhalten, sie hätten 
von Autorrecht nichts gewusst. Das Recht der Autor- 
schaft wurde anerkannt Um es zu erwerben, war 
ein Contrakt nöthig. Dieses Recht musste mit 
Geld erkauft werden. — Rechtliche Bestimmungen über 
diesen Gegenstand sind uns dagegen keine bekannt. 

3. Das Verlagsrecht. 

Aus unserem dritten Abschnitt ist klar geworden, dass 
das Verhältniss zwischen Autor und Verleger kein rechtliches 



108 

war. Es wurde kein Verlagsvertrag geschlossen, durch 
welchen der Autor berechtigt war, die Vervielfältigung seines 
Werkes zu verlangen. Ebenso wenig hatte der Editor das 
ausschliessliche Recht der Verbreitung eines Buches. Die 
nächste Consequenz, welche sich dem Betrachter auferlegt, 
ist, dass man im römischen Alterthum von Verlags- 
recht überhaupt nicht sprechen kann. 

Wir sehen denn auch, wie einerseits der Autor in ge- 
wissem Grade zuerst in Selbstverlag erscheint; wie er auch, 
nachdem sein Buch in den Handel gekommen ist, nichts 
desto weniger befugt ist, sich fernerhin eigene Copien zu 
verfertigen und dieselben nach seinem Belieben zu verwen- 
den. Andrerseits ist es eine unbestreitbare Thatsache, dass 
die Privatabschrift dem Buchhandel in der Verbreitung der 
Werke römischer Litteratur thätig zur Seite stand. Th. Birt 
hat einige der wichtigsten Beispiele hierfür zusammen- 
gestellt (p. 282 f. d. ant. Buchw.). Zu vergleichen sind be- 
sonders die Stellen Cic. ad Att. U, 20, 6 ad fani. XVI, 21 fin. 
Birt bezeichnet diese Privatthätigkeit als Concurrenz, welche 
die Buchverbreitung durch Unternehmer beeinträchtigen 
musste. Dass den Buchhändlern daraus Schaden erwuchs, 
lässt sich nicht bezweifeln. Doch wer hatte das meiste Recht 
für sich, die Vervielfältigung zu betreiben? Wer hatte denn 
das Recht der Vervielfältigung erworben, der Buchhändler 
oder der Bücherfreund? Keiner von beiden. Beide, Bibliopole 
und Bibliophil, konnten unbehelligt abschreiben; so waren 
beide gleichberechtigt. 

Allein für den Privatmann war die Sache ungleich 
compendiöser und umständlicher. Hatte er Sklaven, so blieb 
ihm in den meisten Fällen die Aufsicht und Correktur; 
auch konnte ein Mann von gewöhnlichen Vermögensum- 
ständen seine Sklaven nicht unaufhörlich mit Abschreiben 
beschäftigen. Der Privatmann hatte zwar die Kosten .an 
Papier und Tinte in gleichem Masse ungeföhr zu tragen 
wie der Buchhändler. Darum erwähnt Martial als Vorzug 
seines zweiten Buches (ep. 1), dass man es leicht in einer 
Stunde abschreiben könne: 

v.5sq.: Deinde quod haec una peragit librarius hora 
Nee tantum nugis serviet ille meis. 

Allein der Aufwand an Zeit und Arbeit war in einer Offi- 



109 

ein viel geringer. Der Buchhändler mochte 10 Exemplare 
herstellen, während der Privatmann nur eins fertig 
brachte. 

Durch diese ungünstigen Proportionen war jedenfalls 
dem Privathandwerk schon eine gehörige Schranke gelegt. 
Freilich mochte es gerade vorkommen, dass ein speculativer 
Kopf dieses „Privatabschreiben** in grösserem Massstabe 
betrieb und daraus Gewinn zog, indem er selbst Exemplare 
verkaufte. Wir haben keine Andeutungen dafür, dass 
Bibliopolen über Beeinträchtigung durch solche Massencopien 
Klage führen konnten (Th. Birt p. 359). Wir glauben auch 
nicht, dass sie principiell zu solcher Klage berechtigt waren. 
Konnte ja doch der Buchhändler sein „Recht** auf keinen 
Contrakt zurückführen? Auf welches Document sollte er 
appelliren? 

In den Provinzen war geradezu diese selbständige 
Vervielfältigung und Verbreitung eines Werkes, unabhängig 
vom Verleger in der Hauptstadt, das gewöhnliche Verfahren, 
in vielen Fällen gewiss unvermeidlich. Plinius wusste nicht, 
dass es in Lugdunum Buchhändler gebe; noch weniger 
dachte er, dass man dort seine Schriften vervielföJtige und 
verkaufe. Dem Autor konnte es nur zur Freude gereichen. 
Sein einziges Postulat an den Buchhändler war, dass die 
Exemplare möglichst fehlerfrei in die Welt hinausgingen. 

Man könnte uns eine gewisse Aeusserung des Seneca 
entgegenhalten und behaupten, das Verlagsrecht sei doch 
anerkannt und erkauft worden. Ein unbefangener Leser 
jener Worte des Seneca (de ben. VII, 6, 1) wird aber keine 
Nachricht von einem Verlagsrecht finden, welches Dorus 
von den Erben des Cicero und des Atticus abgekauft hätte: 
Alter rei dominus est, alter usus. Libros dicimus esse 
Ciceronis; eosdem Dorus librarius suos vocat; et utrumque 
verum est: alter illos tamquam auctor sibi, alter tamquam 
emptor adserit .... Jener librarius hat die Schriften des 
Cicero käuflich erworben; er besitzt sie und betreibt nun 
deren Verbreitung. Er gibt dem römischen Publikum eine 
neue Ausgabe von Cicero. 

Dieser Ausgabe sind die Originalmanuscripte zu Grunde 
gelegt, welche er erworben hat. Wir erinnern an die oben 
aus Fronto beigebrachte Notiz, dass die Atticusausgabe des 



110 

Cicero auch in der späteren Kaiserzeit gesucht war. Es 
galt als Empfehlung, wenn der neue Herausgeber Cicero's 
versichern konnte, er habe die atticianischen Originalexem- 
plare seinem Texte zu Grunde gelegt. Dass Dorus das aus- 
schliessliche Recht der Publication ciceronischer Schriften 
damit erwarb, glauben wir nicht; auch halten wir dies 
nicht für möglich und durchführbar, dass er allein von nun 
an den Verlag besorgte. 

4. Die Buchpreise. 

Diese Frage entbehrt nicht eines gewissen Interesses. 
Möchte doch auch mancher Laie wissen, ob die Bücher im 
Alterthum theuer waren. Von vornherein erklären wir, dass 
wir auf die Beantwortung dieser Frage verzichten. Man 
fragt naiv, ob der Preis eines Buches zu Rom hoch oder 
niedrig war. Man prüft die Nachrichten der Alten. Man 
untersucht, vergleicht die Werthe, zieht seine Resultate und 
nun spricht der eine: die Bücher waren billig, der andre 
sagt, sie waren theuer. Jener redet von staunenswerther 
Billigkeit, dieser von unverschämten Preisen. Alle stehen 
auf dem gleichen Boden, insofern sie die nämlichen Belege 
der Schriftsteller verwenden — und insofern sie das Gebiet 
der Willkür betreten. Bei alledem stellt sich der Kritiker 
unbewusst auf modernen Standpunkt. Es kann nicht anders 
sein; jene Beurtheilungen müssen subjectiv, müssen will- 
kürlich sein. Hört man ja heute noch soviel streiten über 
relative Billigkeit und Theuerung der Bücher. 

Die Beantwortung jener Frage von subjectivem, weil 
modernem Gesichtspunkt kann daher für die Wissenschaft 
keinen realen Werth haben. 

Wir führen einige Sätze unserer Vorgänger vor (z. Th. 
nach Schmitz): 

Becker (Gallus II p. 450): «Der Preis, zu dem die 
Bücher verkauft wurden, muss im Grunde immer massig 
erscheinen, zumal da der äussere Schmuck denn doch auch 
in Anschlag zu bringen ist." 

A. Schmidt (Gesch. der Denk- und Glaubensfreiheit 
p. 135). „Die Preise erscheinen im Vergleich mit den jetzi- 
gen gegen alle Erwartung nicht höher, sondern vielmehr 
niedriger." Dann kommen wir schliesslich dazu, uns in jene 



111 

Zeit, wo man die Bücher abschreiben musste, Seite um Seite, 
als in das goldene Zeitalter des Buchhandels und der ge- 
lehrten Studien zurückzuwünschen. Und worauf stützt 
Schmidt diese seine Entdeckung? Auf Mart. XIII, 3. Man 
höre nur. Das dreizehnte Buch verkaufte der Verleger Try- 
phon für 70 cent. (4 HS); allein er würde auch mit dem 
halben Preis (70:2= 35 cent.) seinen Profit machen. „Wir 
ersehen hieraus", schHesst Schmidt, „dass für Schriften 
dieses Umfangs der sonst übliche Preis 35 cent. war." Nach 
Abzug von ca. 15 cent. für Einband der Rolle, kommen wir 
auf einen Durchschnittspreis von 14/21 cent. für den heutigen 
Druckbogen Text. 

Jener Schluss auf einen „gewöhnlichen" Preis von 
35 cent. hat uns irre geführt. 

Total verschieden ist wiederum die Ansicht von Manso 
(vermischte Abh. und Aufs. p. 277): „Es weisen nicht nur 
die Seltenheit der Privatbibliotheken (bloss begüterte Männer, 
die sich eigene librarii halten konnten, wie Varro, Cicero, 
Atticus, freuten sich eines solchen Besitzthums) und das 
früh gefühlte Bedürfniss, dem Verlangen nach Unterricht 
durch öffentliche Büchersammlungen zu Hülfe zu kommen, 
auf die Kostbarkeit und Theuerung der Bücher hin." Dieses 
Argument mag für die republikanische Zeit gelten, wo lit- 
terarische Bedürfnisse eigentlich erst erwachten, wo die 
Litteratur erst ihrer Blüthezeit entgegenging. Wie ganz 
anders haben sich mit der Monarchie diese Verhältnisse 
gestaltet! 

Manso findet zwei Zeugnisse (Gell. III, 17 und Mart. I, 
1 17), aus denen sich auf theure Preise schliessen lässt. 

1. Plato (philosophus tenui admodum pecunia familiari) 
kauft drei Bücher des Pythagoräers Philolaus um 10,000 De- 
nare. Aristoteles kauft einige wenige Schriften (Ubros pau- 
culos) des Speusippus um 3 attische Talente — post mortem 
eins. Diese Summen sind in der That fabelhaft. Doch gerade 
darum sind sie unmöglich massgebend. Sie gestatten auf 
Durchschnittspreise keinen Rückschluss. Wir sind der An- 
sicht, dass es sich auch hier um besonders werthvoUe 
Abschriften, vielleicht um Handexemplare der Verfasser 
handelte. Vielleicht waren es auch unedirte Manuscripte. 
Deshalb konnte sie auch Aristoteles erst nach Speusippus' 



112 

Tode käuflich an sich bringen. Ein Analogon hätten wir in 
der römischen Litteratur bei Gell. II, 3, 5: Fidus Optatus 
der Grammatiker kauft bei einem Buchhändler ein Exemplar 
von VergiFs Aeneis II. Buch — mirandae vetustatis — 
möglicherweise ein Autographum. 

Jene Fälle (Gell. III, 17) sind ja übrigens der griechi- 
schen Geschichte entnommen und gehören einer früheren 
Periode an. Sie können also nicht flir directe Zeugnisse 
gelten. 

Das zweite Beispiel, welches Manso citirt, werden wir 
bald eingehend besprechen. 

Hübsch ist die Darstellung bei Fr. Schmitz (de bibliop. 
Rom. p. 7—10). Der Werth der Abschriften, sagt er, stieg 
mit der Correktheit des Textes (cf. Mart. VII, 11; 17). Im 
übrigen findet er, die Preise seien nicht so gering gewesen. 

R'citioneller urtheilt H. Göll (ü. den Buchh. p. 9): »Der 
Preis der Bücher in Rom war natürlich nach Kalligraphie, 
äusserer Ausstattung, Correktheit, Alter, Format sehr ver- 
schieden. Wären sie kostspielig gewesen, so hätten sie nicht 
so verbreitet sein können, und dass sie im ganzen für die 
damaligen Verhältnisse nicht zu theuer waren, geht auch 
aus den wenigen Stellen hervor, die uns directe Preise 
nennen." Er constatirt eine Prachtausgabe Martial's (I, 117) 
und eine billige Volksausgabe (I, 66). Diese letzte mit 
der wohlfeilen (XIII, 3) Ausgabe der Xenien zusammenge- 
nonmien, ergibt einen Durchschnittspreis für den ganzen 
Martial von ca. 26 fr., „einen Preis, der, wenn man für die 
einzelnen Einbände die Hälfte in Abzug bringt, gering 
genug ist". 

Auf festen Boden treten wir eigentlich erst mit Th. Birt. 
Er will kein festes Resultat aufstellen. Die Preisangaben 
für die Bücher, die wir gelegentlich erhalten, sind durchaus 
ungenügend und lassen eine Vergleichung der Werthe nicht 
zu (cf. p. 83 d. ant. Buchw.). 

Man operirt mit Werthangaben über Papier, Einband, 
Schrei berlohn, die im gewöhnlichen Fall fingirt sind, jeden- 
falls nirgends eine Durchnittsrechnung ermöglichen. Auch 
bleibt immer das schwierige Problem der vergleichenden 
Werthbestimmung im Hintergrund. 



113 

Wir beanspruchen also gar nicht, einen einigermassen 
haltbaren Begriff der Buchpreise im antiken Rom zu eruiren. 
Wir prüfen die Angaben der Alten nach der Möglichkeit 
ihrer Harmonirung. 

Wir fragen die Alten selbst, ob für sie die Bücher 
theuer waren. 

Einem Dichter, der sich einen Band Epigramme ge- 
kauft hatte und als sein eigen Werk ausgab, ruft Martial 
zu (X, 66): 

Erras meorum für avare librorum 
Fieri poetam posse qui putas tanto, 
Scriptura quanti constat et tomus vilis. 
Non sex paratur aut decem sophos nummis. 

Man zahlt an einem Buche wesentlich zweierlei: scri- 
ptura und tomus. Hierfür werden zwei Ansätze gegeben: 
6 oder 10 HS. (so auch Friedländer Sittengesch. HI, 370 
und F. Schmitz, Goell etc.). Martial gibt keinen fixen 
Preis an. 

Die Auslegung Th. Birt's (p. 209 n. 2) will uns nicht 
gefallen. Nach ihm liesse Martial die zwei Preise den zwei 
genannten Kaufobjecten entsprechen. „Es würde zu einem 
Martialbuch demnach der Papyrus 6 Sesterz, der Schreiber- 
lohn 10 Sesterz betragen, oder umgekehrt — da der Dichter 
hier möglicherweise chiastisch redet, dieGesammtherstellungs- 
kosten des Buches ohne paenula also 4 Denare, während 
der Ladenpreis mit paenula zu 5 Denaren stieg (Mart. I, 
117, 17)." 

Gegen diese Auffassung spricht nun entschieden der 
Gebrauch der Partikel aut: „Man erwirbt sich ein Bravo 
nicht mit G oder 10 Sesterzen " Zwischen diesen zwei 
Werthen variirt der gewöhnliche Preis eines Buches. 

Die starke Differenz der Ansätze darf uns nicht an- 
stössig sein. Man vergleiche das dritte Epigramm des 
13. Buches, wo der Dichter in gleich freier Weise von 4 zu 
2 Sesterzen springt. Die sich nach Th. Birt ergebende Ueber- 
einstimmung mit den 5 Denaren in 1, 117, 17 stimmt uns 
gerade niisstrauisch. Wie soll sich dieser hohe Preis mit 
dem ganz niedrigen Ansatz in XIII, 3 vereinigen lassen? 

Nehmen wir dagegen die zwei Zahlen 6 und 10 HS ge- 
trennt (1 fr. 5 ct. — 1, 75 ct. ca.), so entspricht ziemlich genau 

8 



/ 



114 

die Preisangabe zu Buch XUI: 4 HS.; man braucht nur die 
Grösse der Bücher in Betracht zu ziehen. 

Andrerseits lässt sich jene Angabe bei Statins (Silv. IV, 9) 
auch sehr wohl vergleichen, trotz des altrömischen decussis. 
Wir haben einen Werthansatz von 70 ct. für die unbeschrie- 
bene Rolle, und von ca. 1 fr. 5 ct. bis 1 fr. 75 ct. für die 
Rolle mit Text. 

Die wenigen Mittheilungen der Autoren über diesen 
Fragepunkt lassen sich also ohne Schwierigkeit mit einander 
in Einklang bringen. Doch wie erschienen diese Preise dem 
Römer, dem Publikum, das die Bücher kaufte und las? 

Aufklärung gibt uns das schon vielfach citirte dritte 
Epigramm des 13. Buches^}; 

Omnis in hoc gracili Xeniorum turba libello 
Constabit nummis quattuor empta tibi. 

Quattuor est nimium? poterit constare duobus, 
Et faciet lucrum bibliopola Tryphon. 

Das Buch kostet 4 Sesterzen; auch zum halben Preise 
verkauft, wird es dem Verleger Gewinn bringen. (Dies die 
ausdrücklichen Worte des Dichters.) Es war nur möglich, 
wenn das Gewerbe des Buchhändlers auf hoher Entwicklungs- 
stufe stand, die Herstellungskosten also gering waren. Martial 
konnte bloss dann so reden, wenn er wusste, dass seine 
Gedichte viele Käufer finden. Dass er toto orbe gelesen 
und „gesungen" wurde, ist Thatsache. Dieser rasche und 
grosse Absatz ist zum guten Theil durch die Billigkeit des 
Materials bedingt. Das Publikum fand die Preise 
nicht zu theuer und verhalf dem Buchhändler zu 
guten Geschäften. 



1) Mit diesen Worten (v. 4) schliesst, glauben wir, das Epigramm 
ab: poterit constare duobus, 

Et faciet lucrum bibliopola Tryphon. 
Darin liegt die Pointe. Eine zweite enthält der Vers: 

Praetereas si quid non facit ad stomachum. 

Jene acht Verse, die man als drittes Epigramm zusammen- 
schiebt, enthalten also die Elemente zu zwei Sinngedichten. Für 
diese Trennung spricht auch der Palatinus opt., welcher nach den 
Worten: bibliopola Tryphon einen leeren Raum aufweist. Im ersten 
spricht der Dichter vom Preise des Buches, im zweiten vom Zwecke 
desselben. 



115 



5. Die Dedication. 

Der Künstler, welcher sein Werk der Gottheit weiht, 
der Autor, welcher seine Schrift einem Freunde widmet, 
beide gehorchen ursprünglich dem gleichen Triebe. Sie sind 
von Ehrfurcht und Liebe bewegt und geben ihren Gefühlen 
Ausdruck, jeder in seiner Weise, jeder nach der Beschaffen- 
heit des Objects. 

Die Gottheit erheischt Anbetung und völlige Hingabe; 
den Menschen erfreut auch ein bescheidenes Geschenk. Jener 
Künstler weiht sein Werk der Gottheit zu ewigem Besitz. 
Sein Act ist ein Gebet. Er zuerst kann sprechen: dico. 
Dicare (Dedicare) ist zunächst terminus technicus des reli- 
giösen Lebens. Erst in zweiter Linie geschieht die Anwen- 
dung auf menschliche Verhältnisse. Dicare wird von der 
litterarischen Widmung gebraucht (auch dedicare). Jenes 
findet sich Quint. L 0. IV pr. 1. Plin. n. h. praef. 12. Phaed. 
praef 1. III; dieses (dediare) Quint. I. 0. I pr. 6. Plin. n. 
h. praef. 11. Dico und dedico werden also promiscue ge- 
braucht. 

Der Autor will Achtung und Liebe erzeigen; sein Mo- 
tiv ist rein menschlicher Natur. Und doch mischt sich darin 
ein übernatürliches Gefühl. In der Dedication liegt gleich- 
sam die Anrufung eines Patrons, dessen Schutz man sein 
Werk anvertrauen möchte. 

Die ersten Beispiele von Dedication in der römischen 
Litteratur lernen wir aus Cicero's Briefwechsel kennen. 

Es ist der gelehrte Varro, welcher sein Werk de lingua 
latina dem Cicero zu widmen gedenkt. Zwei Jahre ver- 
gehen, ehe die Widmung geschieht. Varro klagt, Cicero 
schriftstellere viel und widme ihm nichts. Darauf jene Um- 
arbeitung der Academica, jenes raonatelanges Hin- und 
Herschwanken zwischen Brutus und Varro, jene ewigen 
Fragen des Verfassers an Atticus: soll ich es thun? soll ich 
es nicht thun? — Dann endlich die Uebergabe des Buches 
an Varro. 

Cicero hat seine Academica Varro zu Ehren umgear- 
beitet. Quintilian (ep. ad. Tryph.) hat sein Handbuch „an 
Marcellus Vitorius" geschrieben. Diesen Leuten war die 
Dedication nicht blosse Anstandsformel oder Speculation, 

8* 



>» f^r M»f\ -«•hni^l «-r t»>r Zilition -eine ZutiBehi aiumLc; 
'*ip' -VW VH* -i>> -ii^TTi 'Oll: .»^nf^fiduper Aiiadmck ier <Tvi5iile. 

i>m TiM ^nr^rt^Tht. lie P-rson iesseibeü ^vird mir «I^il 

^•»Hc tn7,*TtrH'nnlich 'Hrkiiüptt. 

''i/^^^TO r»^Hia»t** mrt )ni>iie:rt*r: 
i>^ rinjhnÄ lononim ^ mairimm uiAL Biritiun libn riniiique^ 
TiA#r*)Unf)FriiTn üjapHtationnm ui ^ BmxuizL lifazi ([umqae; 
''Ufl^ :t»»jor 1e ^en^rrtute .wi T. PamponiimL Atticimu 
fjÄPtms <fe i^micitia aii T. P >mpoiuiiiii AiticTiin. 
f>e otfidi« iwt Marc^im iiiuin -ihn nnes*. 

^^intiiian rwhrieh: 
tn«^t»iHoni« onktoriae mi Virorinm MarceilnnL librt Xlt 

Wir k«'^nnt>»n diese Zensniaae vermehren. 

r^escpti -rir jene irJr^hnften. In «len ^^irrten Zeilen begegnen 
wir dem Nam^n def^ieniq^en. dem die Wifhnnng gilt: or wird 
«nf^if»redet; filr ihn zunächst "Schreibt der Aatar. Er äcitreibt 
j;fÄi#*j;fent]inh anch auf .meinen Wunsch; so Qnintilian L O. VI 
jy. t: Ffae/»,. \farcelle Vitori, ex tna voluntate maxnne in- 
j;fr^?wn«. Waram er dem Freunde willlShriL sagt or uns 
d^>tK^,h f pr. ft. 

r>ie?je Anrede «analog heiaat der griechische terminus 
fJSf fMdi/*^tir>n Tr^r^ffrovy/Ji^; ist durchgehend wiederholt am 
Ar^far^^ j^d^ Buches, jeder Rolle (Cic. Tuac. L IL EH. IV, V. 
d^ off. f, ff, fff ). Wo die direkte Anrede nicht vorkommt, 
^^MhtfM fA (\f.r Zusammenhang nicht Sie wird unterlassen, 
Wffr^f\ die Bu^Mheilnn^ rein äusserlich ist und die ünter- 
fffhif}^ nn^pMM^m Fortgang hat (de fin. 11, IV; de deor. 

iUc^o pfl^'K^ ^^^' ^'^ Widmung seiner Schriften die 
WHirm/'/hfr nmnen Verlegern zu berücksichtigen. So hat er 
ft^ifM? HlW'li^T de finibus auf Wunsch des Atticus dem 
UruUtf^ g^^widmet (ad Att. XIIJ, 12, 3): Nunc illam Tcegl 
nhui' (UHi(^n> f^inv. mihi probatam Bnito, ut tibi placuit, 
dMwprMidiinim (p,\v.) 'u\(\nv. eimi non noUe mihi scripsisti. Atticus 
IihU<< «i(^li diirmch «erkundigt, ob Brutus geneigt sei, die 
WldniiiMg iiti/tirMdini(in. Auch die Academica posteriora will 

') MVlIorlim" hI.hU VirtoriuM Hchroibcn wir nach Th. Mommsen 
lliMin XIII, IH7H. \%x tl'.: rF. HurHian Jahresber. 1878 p. 166. 




117 

Cicero nur unter Zustimmung seiner .Verlegers dem Varro 
dediciren (si tu hoc probas). ^**^.r . 

Derjenige, dem das Werk gewidmet ist, -^hailt das erste 
Exemplar der Edition. Cicero ist unwillig älBiritber, dass 
Baibus die Bücher de finibus vor Brutus, welchem fie ge- 
widmet waren, erhalten hat (ad Att. XIII, 21, 4). "^ 

Dieses erste Exemplar lässt der Autor durch seinl^%^^ 
eigenen librarii verfertigen (ad Att. XIII, 21, 4; 23, 2). Die 
Abschrift wird sorgföltig corrigirt. Für diesen speciellen 
Zweck wählt man eine elegante Rolle; grösseres Format, 
feineres Papier (cf. ad Att. XIII, 25, 3: quoniam impensam 
fecimus in macrocolla, facile patior teneri). 

Der Autor schickt in der Regel das Dedicationsexemplar 
selbst (Cic. ad Att. XIII, 23, 2; 22, 2). Die Academica 
freilich hat Atticus übergeben müssen (ib. XIII, 44, 2); dies 
aus speciellen Gründen. 

Vor dem Exemplar oder gleichzeitig mit demselben geht 
eine Dedicationsepistel ab. Ein Muster davon haben wir 
in dem Briefe des Cicero ad fam. IX, 8, welcher gewöhnlich 
an der Spitze unserer Academica gedruckt erscheint. Er 
trägt ganz privaten Charakter und war von Cicero offenbar 
nicht zur Publication als Praefatio zu den Academica be- 
stimmt. Man lese auch die Epistel des Plinius an Vespasian, 
welche der Verfasser als praefatio seiner naturalis historia 
vorausschickt. Einen gewissen Ersatz hierfür bieten bei 
Quintilian die Proömien (vgl. bes. das erste und das sechste). 




108 

war. Es wurde kein Verlagsvertrag geschlossen, durch 
welchen der Autor berechtigt war, die Vervielföltigung seines 
Werkes zu verlangen. Ebenso wenig hatte der Editor das 
ausschliessliche Recht der Verbreitung eines Buches. Die 
nächste Consequenz, welche sich dem Betrachter auferlegt, 
ist, dass man im römischen Alterthum von Verlags- 
recht überhaupt nicht sprechen kann. 

Wir sehen denn auch, wie einerseits der Autor in ge- 
wissem Grade zuerst in Selbstverlag erscheint; wie er auch, 
nachdem sein Buch in den Handel gekommen ist, nichts 
desto weniger befugt ist, sich fernerhin eigene Copien zu 
verfertigen und dieselben nach seinem Belieben zu verwen- 
den. Andrerseits ist es eine unbestreitbare Thatsache, dass 
die Privatabschrift dem Buchhandel in der Verbreitung der 
Werke römischer Litteratur thätig zur Seite stand. Th. Birt 
hat einige der wichtigsten Beispiele hierfür zusammen- 
gestellt (p. 282 f. d. ant. Buchw.). Zu vergleichen sind be- 
sonders die Stellen Cic. ad Att. 11, 20, 6 ad fam. XVI, 21 fin. 
Birt bezeichnet diese Privatthätigkeit als Concurrenz, welche 
die Buchverbreitung durch Unternehmer beeinträchtigen 
musste. Dass den Buchhändlern daraus Schaden erwuchs, 
lässt sich nicht bezweifeln. Doch wer hatte das meiste Recht 
für sich, die Vervielfältigung zu betreiben? Wer hatte denn 
das Recht der Vervielfältigung erworben, der Buchhändler 
oder der Bücherfreund? Keiner von beiden. Beide, Bibliopole 
und Bibliophil, konnten unbehelligt abschreiben; so waren 
beide gleichberechtigt. 

Allein für den Privatmann war die Sache ungleich 
compendiöser und umständlicher. Hatte er Sklaven, so blieb 
ihm in den meisten Fällen die Aufsicht und Correktur; 
auch konnte ein Mann von gewöhnlichen Vermögensum- 
ständen seine Sklaven nicht unaufhörlich mit Abschreiben 
beschäftigen. Der Privatmann hatte zwar die Kosten .an 
Papier und Tinte in gleichem Masse ungefähr zu tragen 
wie der Buchhändler. Darum erwähnt Martial als Vorzug 
seines zweiten Buches (ep. 1), dass man es leicht in einer 
Stunde abschreiben könne: 

v.5sq.: Deinde quod haec una peragit librarius hora 
Nee tantum nugis serviet ille meis. 

Allein der Aufwand an Zeit und Arbeit war in einer Offi- 



109 

ein viel geringer. Der Buchhändler mochte 10 Exemplare 
herstellen, während der Privatmann nur eins fertig 
brachte. 

Durch diese ungünstigen Proportionen war jedenfalls 
dem Privathandwerk schon eine gehörige Schranke gelegt. 
Freilich mochte es gerade vorkommen, dass ein speculativer 
Kopf dieses „Privatabschreiben** in grösserem Massstabe 
betrieb und daraus Gewinn zog, indem er selbst Exemplare 
verkaufte. Wir haben keine Andeutungen dafür, dass 
Bibliopolen über Beeinträchtigung durch solche Massencopien 
Klage führen konnten (Th. Birt p. 359). Wir glauben auch 
nicht, dass sie principiell zu solcher Klage berechtigt waren. 
Konnte ja doch der Buchhändler sein „Recht" auf keinen 
Contrakt zurückfuhren? Auf welches Document sollte er 
appelliren? 

In den Provinzen war geradezu diese selbständige 
Vervielfältigung und Verbreitung eines Werkes, unabhängig 
vom Verleger in der Hauptstadt, das gewöhnliche Verfahren, 
in vielen Fällen gewiss unvermeidlich. Plinius wusste nicht, 
dass es in Lugdunum Buchhändler gebe; noch weniger 
dachte er, dass man dort seine Schriften vervielfältige und 
verkaufe. Dem Autor konnte es nur zur Freude gereichen. 
Sein einziges Postulat an den Buchhändler war, dass die 
Exemplare möglichst fehlerfrei in die Welt hinausgingen. 

Man könnte uns eine gewisse Aeusserung des Seneca 
entgegenhalten und behaupten, das Verlagsrecht sei doch 
anerkannt und erkauft worden. Ein unbefangener Leser 
jener Worte des Seneca (de ben. VII, 6, 1) wird aber keine 
Nachricht von einem Verlagsrecht finden, welches Dorus 
von den Erben des Cicero und des Atticus abgekauft hätte: 
Alter rei dominus est, alter usus. Libros dicimus esse 
Ciceronis; eosdem Dorus librarius suos vocat; et utrumque 
verum est: alter illos tamquam auctor sibi, alter tamquam 
emptor adserit .... Jener librarius hat die Schriften des 
Cicero käuflich erworben; er besitzt sie und betreibt nun 
deren Verbreitung. Er gibt dem römischen Publikum eine 
neue Ausgabe von Cicero. 

Dieser Ausgabe sind die Originalmanuscripte zu Grunde 
gelegt, welche er erworben hat. Wir erinnern an die oben 
aus Fronto beigebrachte Notiz, dass die Atticusausgabe des 



110 

Cicero auch in der späteren Kaiserzeit gesucht war. Es 
galt als Empfehlung, wenn der neue Herausgeber Cicero's 
versichern konnte, er habe die atticianischen Originalexem- 
plare seinem Texte zu Grunde gelegt. Dass Dorus das aus- 
schliessliche Recht der Publication ciceronischer Schriften 
damit erwarb, glauben wir nicht; auch halten wir dies 
nicht für möglich und durchführbar, dass er allein von nun 
an den Verlag besorgte. 

4. Die Buchpreise. 

Diese Frage entbehrt nicht eines gewissen Interesses. 
Möchte doch auch mancher Laie wissen, ob die Bücher im 
Alterthum theuer waren. Von vornherein erklären wir, dass 
wir auf die Beantwortung dieser Frage verzichten. Man 
fragt naiv, ob der Preis eines Buches zu Rom hoch oder 
niedrig war. Man prüft die Nachrichten der Alten. Man 
untersucht, vergleicht die Werthe, zieht seine Resultate und 
nun spricht der eine: die Bücher waren billig, der andre 
sagt, sie waren theuer. Jener redet von staunenswerther 
Billigkeit, dieser von unverschämten Preisen. Alle stehen 
auf dem gleichen Boden, insofern sie die nämlichen Belege 
der Schriftsteller verwenden — und insofern sie das Gebiet 
der Willkür betreten. Bei alledem stellt sich der Kritiker 
unbewusst auf modernen Standpunkt. Es kann nicht anders 
sein; jene Beurtheilungen müssen subjectiv, müssen will- 
kürlich sein. Hört man ja heute noch soviel streiten über 
relative Billigkeit und Theuerung der Bücher. 

Die Beantwortung jener Frage von subjectivem, weil 
modernem Gesichtspunkt kann daher für die Wissenschaft 
keinen realen Werth haben. 

Wir führen einige Sätze unserer Vorgänger vor (z. Th. 
nach Schmitz): 

Becker (Gallus II p. 450): „Der Preis, zu dem die 
Bücher verkauft wurden, muss im Grunde immer massig 
erscheinen, zumal da der äussere Schmuck denn doch auch 
in Anschlag zu bringen ist." 

A. Schmidt (Gesch. der Denk- und Glaubensfreiheit 
p. 135). „Die Preise erscheinen im Vergleich mit den jetzi- 
gen gegen alle Erwartung nicht höher, sondern vielmehr 
niedriger." Dann kommen wir schliesslich dazu, uns in jene 



111 

Zeit, wo man die Bücher abschreiben musste, Seite um Seite, 
als in das goldene Zeitalter des Buchhandels und der ge- 
lehrten Studien zurückzuwünschen. Und worauf stützt 
Schmidt diese seine Entdeckung? Auf Mart. XIII, 3. Man 
höre nur. Das dreizehnte Buch verkaufte der Verleger Try- 
phon für 70 cent. (4 HS); allein er würde auch mit dem 
halben Preis (70:2= 35 cent.) seinen Profit machen. «Wir 
ersehen hieraus**, schHesst Schmidt, „dass für Schriften 
dieses Umfangs der sonst übliche Preis 35 cent. war." Nach 
Abzug von ca. 15 cent. für Einband der Rolle, kommen wir 
auf einen Durchschnittspreis von 14/21 cent. für den heutigen 
Druckbogen Text. 

Jener Schluss auf einen „gewöhnlichen" Preis von 
35 cent. hat uns irre geführt. 

Total verschieden ist wiederum die Ansicht von Manso 
(vermischte Abh. und Aufs. p. 277): „Es weisen nicht nur 
die Seltenheit der Privatbibliotheken (bloss begüterte Männer, 
die sich eigene librarii halten konnten, wie Varro, Cicero, 
Atticus, freuten sich eines solchen Besitzthums) und das 
früh gefühlte Bedürfniss, dem Verlangen nach Unterricht 
durch öffentliche Büchersammlungen zu Hülfe zu kommen, 
auf die Kostbarkeit und Theuerung der Bücher hin." Dieses 
Argument mag für die republikanische Zeit gelten, wo lit- 
terarische Bedürfnisse eigentlich erst erwachten, wo die 
Litteratur erst ihrer Blüthezeit entgegenging. Wie ganz 
anders haben sich mit der Monarchie diese Verhältnisse 
gestaltet! 

Manso findet zwei Zeugnisse (Gell. III, 17 und Mart. I, 
1 17), aus denen sich auf theure Preise schliessen lässt. 

1. Plato (philosophus tenui admodum pecunia familiari) 
kauft drei Bücher des Pythagoräers Philolaus um 10,000 De- 
nare. Aristoteles kauft einige wenige Schriften (libros pau- 
culos) des Speusippus um 3 attische Talente — post mortem 
eins. Diese Summen sind in der That fabelhaft. Doch gerade 
darum sind sie unmöglich massgebend. Sie gestatten auf 
Durchschnittspreise keinen Rückschluss. Wir sind der An- 
sicht, dass es sich auch hier um besonders werthvoUe 
Abschriften, vielleicht um Handexemplare der Verfasser 
handelte. Vielleicht waren es auch unedirte Manuscripte. 
Deshalb konnte sie auch Aristoteles erst nach Speusippus' 



112 

Tode käuflich an sich bringen. Ein Analogon hätten wir in 
der römischen Litteratur bei Gell. II, 3, 5: Fidus Optatas 
der Grammatiker kauft bei einem Buchhändler ein Exemplar 
von VergiFs Aeneis 11. Buch — mirandae vetustatis — 
möglicherweise ein Autographum. 

Jene Fälle (Gell. III, 17) sind ja übrigens der griechi- 
schen Geschichte entnommen und gehören einer früheren 
l^eriode an. Sie können also nicht flir directe Zeugnisse 
gelten. 

Das zweite Beispiel, welches Manso citirt, werden wir 
bald eingehend besprechen. 

Hübsch ist die Darstellung bei Fr. Schmitz (de bibliop. 
Rom. p. 7—10). Der Werth der Abschriften, sagt er, stieg 
mit der Correktheit des Textes (cf. Mart. VII, 11; 17). Im 
übrigen findet er, die Preise seien nicht so gering gewesen. 

Rationeller urtheilt II. Göll (ü. den Buchh. p. 9): »Der 
Preis der Bücher in Rom war natürlich nach Kalligraphie, 
äusserer Ausstattung, Correktheit, Alter, Format sehr ver- 
schieden. Wären sie kostspielig gewesen, so hätten sie nicht 
so verbreitet sein können, und dass sie im ganzen fiir die 
damaligen Verhältnisse nicht zu theuer waren, geht auch 
aus den wenigen Stellen hervor, die uns directe Preise 
nennen." Er constatirt eine Prachtausgabe MartiaFs (I, 117) 
und eine billige Volksausgabe (I, 66). Diese letzte mit 
der wohlfeilen (XIII, 3) Ausgabe der Xenien zusammenge- 
nonmien, ergibt einen Durchschnittspreis für den ganzen 
Martial von ca. 26 fr., „einen Preis, der, wenn man ftir die 
einzelnen Einbände die Hälfte in Abzug bringt, gering 
genug ist". 

Auf festen Boden treten wir eigentlich erst mit Th. Biri 
Er will kein festes Resultat aufstellen. Die Preisangaben 
für die Bücher, die wir gelegentlich erhalten, sind durchaus 
ungenügend und lassen eine Vergleichung der Werthe nicht 
zu (cf. p. 83 d. ant. ßuchw.). 

Man operirt mit Werthangaben über Papier, Einband, 
Schreiberlohn, die im gewöhnlichen Fall fingirt sind, jeden- 
falls nirgends eine Durchnittsrechnung ermöglichen. Auch 
bleibt immer das schwierige Problem der vergleichenden 
Werthbestimmung im Hintergrund. 



113 

Wir beanspruchen also gar nicht, einen einigermassen 
haltbaren Begriff der Buchpreise im antiken Rom zu eruiren. 
Wir prüfen die Angaben der Alten nach der Möglichkeit 
ihrer Harmonirung. 

Wir fragen die Alten selbst, ob für sie die Bücher 
theuer waren. 

Einem Dichter, der sich einen Band Epigramme ge- 
kauft hatte und als sein eigen Werk ausgab, ruft Martial 
zu (X, 66): 

Erras meorum für avare librorum 
Fieri poetam posse qui putas tanto, 
Scriptura quanti constat et tomus vilis. 
Non sex paratur aut decem sophos nummis. 

Man zahlt an einem Buche wesentlich zweierlei: scri- 
ptura und tomus. Hierfür werden zwei Ansätze gegeben: 
6 oder 10 HS. (so auch Friedländer Sittengesch. HI, 370 
und F. Schmitz, Goell etc.). Martial gibt keinen fixen 
Preis an. 

Die Auslegung Th. Birt's (p. 209 n. 2) will uns nicht 
gefallen. Nach ihm Hesse Martial die zwei Preise den zwei 
genannten Kaufobjecten entsprechen. „Es würde zu einem 
Martialbuch demnach der Papyrus 6 Sesterz, der Schreiber- 
lohn 10 Sesterz betragen, oder umgekehrt — da der Dichter 
hier möglicherweise chiastisch redet, dieöesammtherstellungs- 
kosten des Buches ohne paenula also 4 Denare, während 
der Ladenpreis mit paenula zu 5 Denaren stieg (Mart. I, 
117, 17)." 

Gegen diese Auffassung spricht nun entschieden der 
Gebrauch der Partikel aut: „Man erwirbt sich ein Bravo 
nicht mit 6 oder 10 Sesterzen '^ Zwischen diesen zwei 
Werthen variirt der gewöhnliche Preis eines Buches. 

Die starke Differenz der Ansätze darf uns nicht an- 
stössig sein. Man vergleiche das dritte Epigramm des 
13. Buches, wo der Dichter in gleich freier Weise von 4 zu 
2 Sesterzen springt. Die sich nach Th. Birt ergebende Ueber- 
einstimmung mit den 5 Denaren in I, 117, 17 stimmt uns 
gerade misstrauisch. Wie soll sich dieser hohe Preis mit 
dem ganz niedrigen Ansatz in XIU, 3 vereinigen lassen? 

Nehmen wir dagegen die zwei Zahlen 6 und 10 HS ge- 
trennt (1 fr. 5 ct. — 1, 75 ct. ca.), so entspricht ziemlich genau 

8 



114 

die Preisangabe zu Buch XUI: 4 HS.; man braucht nur die 
Grösse der Bücher in Betracht zu ziehen. 

Andrerseits lässt sich jene Angabe bei Statins (Silv. IV, 9) 
auch sehr wohl vergleichen, trotz des altrömischen decussis. 
Wir haben einen Werthansatz von 70 ct. für die unbeschrie- 
bene Rolle, und von ca. 1 fr. 5 ct. bis 1 fr, 75 ct. für die 
Rolle mit Text. 

Die wenigen Mittheilungen der Autoren über diesen 
Fragepunkt lassen sich also ohne Schwierigkeit mit einander 
in Einklang bringen. Doch wie erschienen diese Preise dem 
Römer, dem Publikum, das die Bücher kaufte und las? 

Aufklärung gibt uns das schon vielfach citirte dritte 
Epigramm des 13. Buches^): 

Omnis in hoc gracili Xeniorum turba libello 
Constabit nummis quattuor empta tibi. 

Quattuor est nimium? poterit constare duobus, 
Et faciet lucrum bibliopola Tryphon. 

Das Buch kostet 4 Sesterzen; auch zum halben Preise 
verkauft, wird es dem Verleger Gewinn bringen. (Dies die 
ausdrücklichen Worte des Dichters.) Es war nur möglich, 
wenn das Gewerbe des Buchhändlers auf hoher Entwicklungs- 
stufe stand, die Herstellungskosten also gering waren. Martial 
konnte bloss dann so reden, wenn er wusste, dass seine 
Gedichte viele Käufer finden. Dass er toto orbe gelesen 
und „gesungen" wurde, ist Thatsache. Dieser rasche und 
grosse Absatz ist zum guten Theil durch die Billigkeit des 
Materials bedingt. Das Publikum fand die Preise 
nicht zu theuer und verhalf dem Buchhändler zu 
guten Geschäften. 



*) Mit diesen Worten (v. 4) schliesst, glauben wir, das Eiiigramm 
ab: poterit constare duobus, 

Et faciet lucrum bibliopola TrjqDhon. 
Darin liegt die Pointe. Eine zweite enthält der Vers: 

Praetereas si quid non facit ad stomaclium. 
Jene acht Verse, die man als drittes Epigramm zusammen- 
schiebt, enthalten also die Elemente zu zwei Sinngedichten. Für 
diese Trennung spricht auch der Palatinus opt., welcher nach den 
Worten: bibliopola Tryphon einen leeren Raum aufweist. Im ersten 
spricht der Dichter vom Preise des Buches, im zweiten vom Zwecke 
desselben. 



115 



5. Die Dedication. 

Der Künstler, welcher sein Werk der Gottheit weiht, 
der Autor, welcher seine Schrift einem Freunde widmet, 
beide gehorchen ursprünglich dem gleichen Triebe. Sie sind 
von Ehrfurcht und Liebe bewegt und geben ihren Gefühlen 
Ausdruck, jeder in seiner Weise, jeder nach der Beschaffen- 
heit des Objects. 

Die Gottheit erheischt Anbetung und völlige Hingabe; 
den Menschen erfreut auch ein bescheidenes Geschenk. Jener 
Künstler weiht sein Werk der Gottheit zu ewigem Besitz. 
Sein Act ist ein Gebet. Er zuerst kann sprechen: dico. 
Dicare (Dedicare) ist zunächst terminus technicus des reli- 
giösen Lebens. Erst in zweiter Linie geschieht die Anwen- 
dung auf menschliche Verhältnisse. Dicare wird von der 
litterarischen Widmung gebraucht (auch dedicare). Jenes 
findet sich Quint. L 0. IV pr. 1. Plin. n. h. praef. 12. Phaed. 
praef. 1. III; dieses (dediare) Quint. I. 0. I pr. 6. Plin. n. 
h. praef. 11. Dico und dedico werden also promiscue ge- 
braucht. 

Der Autor will Achtung und Liebe erzeigen; sein Mo- 
tiv ist rein menschlicher Natur. Und doch mischt sich darin 
ein übernatürliches Gefühl. In der Dedication liegt gleich- 
sam die Anrufung eines Patrons, dessen Schutz man sein 
Werk anvertrauen möchte. 

Die ersten Beispiele von Dedication in der römischen 
Litteratur lernen wir aus Cicero's Briefwechsel kennen. 

Es ist der gelehrte Varro, welcher sein Werk de lingua 
latina dem Cicero zu widmen gedenkt. Zwei Jahre ver- 
gehen, ehe die Widmung geschieht. Varro klagt, Cicero 
schriftstellere viel und widme ihm nichts. Darauf jene Um- 
arbeitung der Academica, jenes raonatelanges Hin- und 
Herschwanken zwischen Brutus und Varro, jene ewigen 
Fragen des Verfassers an Atticus: soll ich es thun? soll ich 
es nicht thun? — Dann endlich die Uebergabe des Buches 
an Varro. 

Cicero hat seine Academica Varro zu Ehren umgear- 
beitet. Quintilian (ep. ad. Tryph.) hat sein Handbuch „an 
Marcellus Vitorius" geschrieben. Diesen Leuten war die 
Dedication nicht blosse Anstandsformel oder Speculation, 

8* 



tl6 

zu der man schnell vor der Edition seine Zuflucht nimmt. 
Sie war, was sie sein soll: lebendiger Ausdruck der Gefühle. 
Der Name desjenigen, welchem die Widmung gilt, wird 
dem Titel einverleibt, die Person desselben v^ird mit dem 
Werk unzertrennlich verknüpft. 

Cicero verfasste und publicirte: 
De finibus bonorum et malorum ad M. Brutum libri quinque, 
Tusculanarum disputationum ad M. Brutum libri quinque, 
Cato major de senectute ad T. Pomponium Atticum, 
Laelius de amicitia ad T. Pomponium Atticum, 
De officiis ad Marcum filium libri tres. 

Quintilian schrieb: 
Institutionis oratoriae ad Vitorium ') Marcellum libri XII. 

Wir könnten diese Zeugnisse vermehren. 

Lesen wir jene Schriften. In den ersten Zeilen begegnen 
wir dem Namen desjenigen, dem die Widmung gilt; er wird 
angeredet; für ihn zunächst schreibt der Autor. Er schreibt 
gelegentlich auch auf seinen Wunsch; so Quintilian I. 0. VI 
p. 1: Haec, Marcelle Vitori, ex tua voliintate maxime in- 
gressus. Warum er dem Freunde willföhrt, sagt er uns 
deutlich I pr. 6. 

Diese Anrede (analog heisst der griechische terminus 
für Dedication ngoocpcavt^aig) ist durchgehend wiederholt am 
Anfang jedes Buches, jeder Rolle (Cic. Tusc. 1, 11, III, IV, V. 
de ofiP. I, II, III). Wo die direkte Anrede nicht vorkommt, 
gestattet es der Zusammenhang nicht. Sie wird unterlassen, 
wenn die Buchtheilung rein äusserlich ist und die Unter- 
redung ungestörten Fortgang hat (de fin. II, IV; de deor. 
nat. II, m). 

Cicero pflegt bei der Widmung seiner Schriften die 
Wünsche seines Verlegers zu berücksichtigen. So hat er 
seine Bücher de finibus auf Wunsch des Atticus dem 
Brutus gewidmet (ad Att. XIII, 12, 3): Nunc illam Ttegt 
T€ld)v ouvza^cv sane mihi probatam Bruto, ut tibi placuit, 
despondimus (sie) idque eum non nolle mihi scripsisti, Atticus 
hatte sich danach erkundigt, ob Brutus geneigt sei, die 
Widmung anzunehmen. Auch die Academica posteriora will 



1) „Vitorius" statt Victorius schreiben wir nach Th. Mommsen 
Herrn. XIII, 1878. 428 tf.; cf. Bursian Jahresber. 1878 p. 166. 



I 

N 

■».,■_ 

Cicero nur unter Zustimmung seines Verlegers dem Varro 
dediciren (si tu hoc probas). 

Derjenige, dem das Werk gewidmet ist, erhält das erste 
Exemplar der Edition. Cicero ist unwillig darüber, dass 
Baibus die Bücher de finibus vor Brutus, welchem «ie ge- 
widmet waren, erhalten hat (ad Att. XIII, 21, 4). 

Dieses erste Exemplar lässt der Autor durch seine 
eigenen übrarii verfertigen (ad Att. XIII, 21, 4; 23, 2). Die 
Abschrift wird sorgfaltig corrigirt. Für diesen speciellen 
Zweck wählt man eine elegante Rolle; grösseres Format, 
feineres Papier (cf. ad Att. XIII, 25, 3: quoniam impensam 
fecimus in macrocolla, facile patior teneri). 

Der Autor schickt in der Regel das Dedicationsexemplar 
selbst (Cic. ad Att. XIII, 23, 2; 22, 2). Die Academica 
freilich hat Atticus übergeben müssen (ib. XIII, 44, 2); dies 
aus speciellen Gründen. 

Vor dem Exemplar oder gleichzeitig mit demselben geht 
eine Dedicationsepistel ab. Ein Muster davon haben wir 
in dem Briefe des Cicero ad fam. IX, 8, welcher gewöhnlich 
an der Spitze unserer Academica gedruckt erscheint. Er 
trägt ganz privaten Charakter und war von Cicero offenbar 
nicht zur Publication als Praefatio zu den Academica be- 
stimmt. Man lese auch die Epistel des Plinius an Vespasian, 
welche der Verfasser als praefatio seiner naturalis historia 
vorausschickt. Einen gewissen Ersatz hierfür bieten bei 
Quintilian die Proömien (vgl. bes. das erste und das sechste)- 




1)1 uck von August Pries iu Leipzig. 



/-'.'' ^ r^ f ' r-^-*^- .--^.r-.r*^ •■\X ' \y^> 



Inhalt. 



Seite 

I. Der Schriftsteller 7 

II. Der Buchhändler 24 

III. Das Verhältniss zwischen Autor und Editor .... 46 

1. Cicero und Atticus 48 

2. Horaz und die Sosii 56 

3. Ovid 58 

4. Quintilian 59 

5. Plinius Secundus 59 

6- Juvenal 60 

7. Tacitus 60 

8. Martial 61 

IV. Excurse über einzelne Fragen. 

1. Die Anfertigung und der Umfang der Eollen . . 89 

2. Das Autorrecht 104 

3. Das Verlagsrecht 107 

4. Die Buchpreise 110 

5. Die Dedication . 115 



1 



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